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Montag, 29.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

FCA gewinnt sicher in Ahlen und bleibt dennoch rätselhaft

Von Siegfried Zagler

Beim abgeschlagenen Schlusslicht Rot-Weiß Ahlen gewann der FCA am Freitagabend in der zehnten Runde der Zweiten Liga sein zweites Auswärtsspiel und konnte somit wieder zarte Bande zu den Aufstiegsrängen herstellen.

Nur auf der Bank: Publikumsliebling Traore

Nur auf der Bank: Publikumsliebling Traore


Wenn man nach dem zehnten Spieltag eine Linie beim FCA finden will, dann sucht man vergebens: Sicher ist nur, dass nichts sicher ist. Trainer Jos Luhukay scheint des öfteren bei der Aufstellung zu würfeln, denn offensichtlich muss man einen Trainerschein besitzen, um die konsequenten Wechselspiele des Holländers nachvollziehen zu können. Gesetzt sind neben Kapitän Uwe Möhrle scheinbar nur die Spitze Michael Thurk sowie Torhüter Simon Jentzsch, die beide zu den unumstrittenen Säulen der Mannschaft gehören. Thurk trifft und zeigt beinahe in jedem Spiel Vollstreckerqualitäten, während Jentzsch mit großartigen Paraden und klugem Stellungsspiel bei eins zu eins Situationen den FCA öfter im Spiel halten musste als es Luhukay recht sein konnte. Gegen Ahlen spielten Buck, Brinkmann, Strauß und Hain für Sinkala, Traore, Schindler und Szabics. Die rigorosen Umstellungen sorgte nicht zum ersten Mal für Verwunderung unter den Fußballexperten. Robert Strauß hatte in dieser Saison noch keine Minute Spielpraxis und Stefan Hain nur Kurzeinsätze vorzuweisen.

Als Pflichtsieg abhaken

Dass das muntere Wechselspielchen im Münsterland funktionierte, dürfte in erster Linie den Ahlenern Kickern geschuldet sein. Sie verstanden es in keiner Minute, die bisher in jedem Ligaspiel ins Schlingern geratene FCA-Abwehr in Schwierigkeit zu bringen, da es ihnen kaum gelang, den ballführenden FCA im Mittelfeld unter Druck zu setzen, und sie insgesamt nach vorne weder Zug noch Kreativität zeigten. Ein dankbarer Auswärtsgegner, der in der laufenden Runde bisher nur zwei Unentschieden erringen konnte. Der FCA ging durch zwei kuriose Tore in der 7. (Ndjeng mit haltbarem Fernschuss aus 35 Meter) und in der 49. Minute in Führung: Thurks harter Lattenknaller aus 14 Meter fand über Rot-Weiß-Torhüter Kirschsteins Hinterkopf den Weg ins Tor. Die Ahlener fügten sich bereits zu diesem Zeitpunkt in die Niederlage und spielten immer fahriger ohne nennenswerte Aktionen nach vorne. In der 83. Minute erhöhte Torghelle per Kopf auf 3:0. Aus dem ersten „Zu Null“ in dieser Saison wurde es dennoch nichts, da Reichwein in der 86. Minute noch eine Ergebniskorrektur aus Sicht der Ahlener gelang. Der Sieg des FCA war nicht nur hochverdient, sondern aufgrund der Trefferchronologie auch in keiner Phase des Spiels gefährdet. Den zweiten Auswärtssieg am zehnten Spieltag darf man ohne Hochmut angesichts der schwachen Ahlener Mannschaft als Pflichtsieg abhaken. Dem gegenüber steht nur ein Heimsieg gegen Hansa Rostock, bei dem der FCA trotz des scheinbar klaren Ergebnisses viel Glück und Simon Jentzschs Klasse benötigte. Zu Hause ist der FCA zwar noch ungeschlagen, aber in den fünf Heimspielen konnte die Mannschaft von Jos Luhukay in der Liga noch nie über die gesamte Distanz überzeugen. Vier Unentschieden mit viel Licht und viel Schatten stehen in der impuls arena zu Buche sowie wesentlich weniger Zuschauer als erwartet. Man weiß nicht so recht, was man voneinander halten soll. Die Fans wissen nicht so recht, was sie von ihrem FCA erwarten können, und die Mannschaft weiß nicht so recht, wie man zu Hause die Trainerorder umsetzt. In kurzen aber schnell vorübergehenden Phasen – meist in den ersten Spielminuten – ließ sie ihr spielerisches Potenzial aufblitzen, doch scheinbar hat das darauffolgende Zurückfallen in alte „Tugenden“ (hohe und weite Bälle aus einer tief stehenden Abwehr) damit zu tun, dass der Augsburger Trainer seiner eigenen Philosophie nicht ganz über den Weg traut. Im Heimspiel gegen Koblenz ordnete er die von „Rehakles“ erfundene „kontrollierte Offensive“ mit zunächst einer echten Spitze an, was zu einer pomadigen nach rückwärts orientierten Spielweise führte und die ersten nachhaltigen Unmutsäußerungen der Augsburger Zuschauer evozierte. Luhukays wechselnde Aufstellungen sowie seine gravierenden Strukturveränderungen auch während des Spiels scheinen die Mannschaft zu verunsichern. Nur im Pokal gegen Freiburg war eine geschlossene Mannschaftsleistung und die herausragende individuelle Leistung von Traore geboten.

Mehr Teamgeist aus einer gefestigten Formation heraus

Immer wieder merkwürdige Zuordnungsfehler und individuelle grobe Schnitzer in der Abwehr sowie eine hohe Fehlpassquote im Mittelfeld beflügelten die Gästemannschaften im Ligabetrieb in der zweiten Halbzeit zu torgefährlichen Angriffen. „Alles ist noch neu hier, man muss sich noch an vieles gewöhnen“, sagte Luhukay nach dem gewonnen Pokalfight gegen Freiburg euphorisch. Wie Recht er doch hatte. Vieles blieb auch in Ahlen Stückwerk. Gegen Karlsruhe vor einer Woche war zwar enormes Tempo im Spiel, doch eine unverwechselbare Handschrift in der Spielanlage war wiederum nicht zu erkennen. Der FCA hat dieses Jahr enormes spielerisches Potenzial und ist zu Recht von der Trainergilde der Zweiten Liga zu einem der Aufstiegsfavoriten gekürt worden. Daran sollte man sich orientieren und konsequent auf Sieg spielen lassen. Doch Luhukay agiert wie ein Trainer, der rotieren lässt, um sich nicht festlegen zu müssen, oder um vorsichtshalber den Kader in der Leistungsbreite in Form zu halten. Das wirkt ängstlich beziehungsweise ratlos – und die Mentalität des Trainers scheint sich auf die Mannschaft zu übertragen. Es wird Zeit, dass die – an individueller Klasse gemessen – beste Mannschaft, die seit Beginn der Bundesligaära in Augsburg Fußball spielt, kontinuierlich zeigt, was in ihr steckt und wonach sich die ganze Stadt zu sehnen scheint: Fußball ohne taktische Kannitverstan-Experimente, aber mit einer klaren Botschaft und Ausrichtung. Fußball für die Herzen der verlorenen Fußballgenerationen und die nach München verhuschten Fußball-Seelen der Augsburger, die sich kaum mehr wünschen als mit sportlichem Erfolg den Bajuwaren in München die Stirn bieten zu können. Eine hölzerne Mannschaft mit einem solidem Abwehrriegel und weiten Bällen nach vorne hatte man in der Rosenau. Nun will man mehr. Der FCA wollte das Graue-Maus-Image ablegen und nicht zuletzt deshalb hatte man mit Jos Luhukay einen Trainer mit Affinität zum Offensivfußball verpflichtet. Luhukay steht noch nicht unter Druck, was mit der notorischen Tiefstapelei der Führungsetage zu tun haben könnte. In den letzten Jahren spielte man gegen den Abstieg, heuer will man weder mit dem Aufstieg noch mit dem Abstieg zu tun haben. Erstens lockt diese Zielformulierung nicht unbedingt Zuschauer und zweitens gibt es in der Zweiten Liga selten bequeme Zonen, in denen man vor Aufstieg oder Abstieg gesichert ist. Jede kleine Serie führt in die entsprechende Tabellenregion. Luhukay muss für mehr Teamgeist aus einer gefestigten Formation heraus sorgen und Mut entwickeln das richtige Ziel zu formulieren, das dem Leistungsvermögen der Mannschaft entspricht. Luhukay muss aufsteigen wollen und die Mannschaft muss diesen Willen spürbar verinnerlichen. Das wäre nichts Lauwarmes, daran kann und darf man scheitern. Für diese Anspruch hätte die Mannschaft in dieser Saison die nötige Klasse. Diese Forderung, dieses Wollen geht vom Kopf aus und sollte – wenn nicht vom Präsidium oder vom Trainer – vom Publikum kommen. Diese Woche ist dazu zweimal zu Hause Gelegenheit. Am Dienstagabend im Pokal gegen Duisburg und am kommenden Sonntag in der Liga gegen Aachen.

FCA-Anfangsformation in Ahlen: Jentzsch, D. Reinhardt, Möhrle, S. Buck, Bellinghausen, Hegeler, Strauß, Ndjeng, D. Brinkmann, Thurk, Hain.