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Montag, 06.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

FCA: Der eingebildete Kranke

Der FC Augsburg hat in Leverkusen mit 1:2 gegen eine schwaches Bayer-Team verloren und erneut wertvolle Punkte im Kampf gegen den Abstieg liegen lassen und steht somit weiterhin mit 15 Punkten als Vorletzter am Tabellenende der Fußballbundesliga. Die Aussicht, sich in der Rückrunde (wie im Vorjahr) aus dem Tabellenkeller zu verabschieden, wird immer geringer.

Von Siegfried Zagler

Der gesündeste eingebildete Kranke in der Krankenstation namens „Zweite Liga“

Analysiert man alle bisherigen Partien und ihre Ergebnisse, darf man aber zweifelsfrei feststellen, dass der FCA in den wenigsten Begegnungen die klar schlechtere Mannschaft war und es „eigentlich“ dem Leistungsniveau der Mannschaft entspräche, stünde sie mit 9 + X Punkten mehr auf dem Konto mitten unter den Lebenden. Der FCA ist in der 50jährigen Bundesligageschichte wohl der „gesündeste eingebildete Kranke“, der sich mit der Selbstdiagnose eines Hypochonders in der Krankenstation namens „Zweite Liga“ niedergelassen hat.

Es soll also hier nicht die Rede davon sein, dass der FCA zum Abstieg verurteilt sei, weil die Mannschaft aufgrund ihrer fußballerischen Mängel nicht in der Lage ist, die Klasse zu halten. Düsseldorf, Nürnberg, Fürth, Mainz, Freiburg und auch Frankfurt sind nominell nicht besser besetzt als der FCA – und Hoffenheim könnte theoretisch auch mal eine komplette Saison in den Sand setzen. Dumm ist nur, dass die anderen in der Tabelle zu weit enteilt sind und Hoffenheim vermutlich zu stark ist, um sich vom FCA überholen zu lassen. Dennoch: Im Fußball ist für Defätismus kein Platz: Solange man nicht abgestiegen ist, darf man hoffen. Hoffnung ist eine gute Sache. Wenn man allerdings ein wenig genauer hinschaut, muss man sich anstrengen, die Hoffnung nicht fahren zu lassen.

I Die Sprache der Tabelle

Die Tabelle lügt meistens sehr überzeugend und sagt nur einmal im Jahr die Wahrheit; nämlich nach dem 34. Spieltag. Interpretieren wir also die Tabelle: Im letzten Jahr hatte der FCA am 22. Spieltag mit 18 Zählern zwar nur drei Punkte mehr auf dem Konto als aktuell in dieser Saison. Allerdings befand sich damals der erste Nichtabstiegsplatz gerade mal zwei Punkte entfernt. Diesen belegte eine sich im Sinkflug befindliche Hertha aus Berlin, die am 23. Spieltag in Augsburg gastierte und deutlich geschlagen wurde. Ein Sieg wie ein Befreiungsschlag. Das Augsburger Stadion ein Tollhaus. Nach diesem Spieltag marschierten die Augsburger zusammen mit den Freiburgern mit großartigen Leistungen Richtung Tabellenmitte. Heuer beträgt nach dem 22. Spieltag der Abstand der Augsburger zum ersten Nichtabstiegsplatz elf Punkte. Der Relegationsplatz ist zwar nur ein Pünktchen entfernt, wird aber von der unberechenbaren TSG Hoffenheim belegt. Die Tabelle ist demnach selbst als Momentaufnahme nicht viel wert. Die Tabelle interessiert sich nicht für die Wahrheit, aber sie ist leidenschaftslos objektiv und sie sagt: „Der FCA steigt ab.“

II Die Sprache der anderen

„So spielt eigentlich kein Absteiger“, war in den letzten Wochen häufig von Sportreportern, aber auch von Karl-Heinz Rummenigge zu hören (als die Bayern mit viel Mühe in Augsburg im Pokal weiterkamen). „Der FCA ist neben dem FC Bayern das einzige Team, das in diesem Jahr noch ungeschlagen ist“, wurde gerne von den Medien mit einem Schuss Ironie kolportiert. „Der FCA spielte auf Augenhöhe mit, aber …“, so eine weitere branchenübliche Chiffre des Mitgefühls. Anschließend werden dem staunenden Publikum die katastrophalen Tabellenwerte der Augsburger entschlüsselt. Das „respektvolle Sprechen“ über den FCA auf der Metaebene ist nicht ernst zu nehmen. Auch wenn es sportlich gemeint sein sollte, heißt es im Grunde: „Ihr seid nicht ganz so schlecht, wie ihr da steht, aber ihr habt keine Chance.“ Und in der Tat hat die kleine Serie der Rückrunde (sechs Punkte aus vier Spielen) den Abstand zu einem Nichtabstiegsplatz nicht kleiner gemacht, sondern um einen Punkt vergrößert. In der Sprache der öffentlichen Bewertung existiert also ein unmissverständlicher Subtext: „Der FCA steigt ab, und zwar todsicher.“

III Die eigene Sprache

Der FCA ist dafür bekannt, dass er die Probleme, die er zu lösen hat, selbst produziert. Das gilt in diesem Jahr verstärkt für die Trainer-Maßnahmen „auf dem Platz“. „Wir sind gut ins Spiel gekommen, hatten die besseren Chancen, aber uns gelingt der Führungstreffer nicht. (…). Wir müssen auch gegen einen solch starken Gegner noch mehr an uns glauben und entschlossener die Offensivaktionen angehen“, so FCA-Trainer Markus Weinzierl nach dem Leverkusen-Spiel. Markus Weinzierl ist ein junger Trainer und sein Sprechen über zurückliegende Partien beinhaltet ein hohes Maß an Selbstoffenbarung. Die Spieler des FCA müssen nicht daran glauben, dass sie gegen einen stärkeren Gegner gewinnen können, sondern sie müssen wissen, dass sie immer gewinnen können, gegen jeden Gegner. In der gleichen Liga schlägt Form Klasse. Das ist eine einfache Wahrheit. Der FCA ist längst in Liga eins angekommen. Leverkusen war kein „starker Gegner“, sondern ein schwacher und an diesem Tag schlagbar, wie Nürnberg, Düsseldorf, Freiburg oder Mainz an jedem Tag. Was den Augsburgern dazu fehlte: eben diese Erkenntnis und eine Offensivstrategie dazu. Alle statistischen Daten der Partie zeigen keine signifikante Überlegenheit der Leverkusener an, die Augsburger haben achtzehnmal aufs Tor geschossen (Leverkusen fünfzehnmal). Der FCA hat sechszehnmal geflankt (Leverkusen neunmal). Ballbesitzanteile, Laufstrecken, Fehlpass- und Zweikampfquoten beider Mannschaften waren in dieser Partie auf dem gleichen Level. Dennoch hat sich der FCA sang- und klanglos in die Niederlage gefügt. – Der FCA hat in dieser Saison elfmal verloren, zweimal gewonnen und neunmal unentschieden gespielt. Man muss keine Fan sein, um zu konstatieren, dass einige Niederlagen des FCA „unglücklich“ waren und dass sich einige Unentschieden wie Niederlagen anfühlten.

Ist es also das Glück, das dem FCA fehlt, wie kürzlich Geschäftsführer Peter Bircks einwarf? Glück ist im Sport immer ein Faktor, aber dem FCA fehlt in dieser Saison wesentlich mehr als das viel zitierte „Quäntchen Glück“, nämlich ein Trainer mit Format.

„Klar ist, dass wir gewinnen müssen, aber wenn man sieht, was Hoffenheim in der Winterpause investiert hat, sind wir auch in diesem Spiel nur Außenseiter“, so Markus Weinzierl über das nächste Heimspiel gegen einen Gegner, der seit Monaten weit unter seinen Möglichkeiten spielt und sich in der Tabelle mit „seiner Klasse“ vom FCA mit der „furchterregenden Distanz“ eines Punktes absetzen konnte. Unterstützend flankiert wurde des Trainers ängstliche Grundhaltung durch die chaotischen Wechselspielchen im sportlichen Management. Das gesprochene Wort und die Körpersprache des Augsburger Trainers vor, während und nach der Partie lässt sich folgendermaßen übersetzen: „Die anderen sind besser. Deshalb steigt der FCA ab.“

IV Die Mannschaft

Aktuelle Tabelle: leidenschaftslos objektiv

Aktuelle Tabelle: leidenschaftslos objektiv


Zur aktuellen Mannschaft ist in der DAZ viel gesagt worden. Sie spielt in einer der stärksten Ligen des Weltfußballs und gehört dort nicht zu den besten zwölf Mannschaften, womit gesagt sein soll, dass die Mannschaft zwar immer leicht abstiegsgefährdet ist, aber durchaus das Leistungsvermögen besitzt, diese Liga zu stemmen. Man könnte sechs Mannschaften aufzählen, die in Sachen Personal nicht besser aufgestellt sind als der FCA. Einverstanden: Der letzte Satz ist angreifbar, und gilt deshalb in zweierlei Hinsicht mit Einschränkung. Mit Mölders, Moravek, Verhaegh, Philp, Petrzela und Langkamp fehl(t)en verletzungsbedingt sehr wichtige Spieler (so genannte Leistungsträger) über sehr lange Zeiträume. Mit Simon Jentzsch und Mohamed Amsif standen viel zu lange zwei Keeper mit schwacher Strafraumbeherrschung und katastrophaler Spieleröffnung im Augsburger Tor. Gibril Sankoh, ein großartiger Innenverteidiger, fühlte sich von Weinzierl ungerecht behandelt und verließ mit dem Status eines Reservespielers den Verein. Ähnliches gilt für den hochtalentierten Offensivspieler Giovanni Sio, der in Augsburg unter Weinzierl nie eine richtige Chance bekam, was man über Knowledge Musona nicht sagen kann. Die Leihgabe aus Hoffenheim kam als Rechtsaußen für den FCA zwölfmal zum Einsatz, konnte nie richtig überzeugen und stand zum letzten Mal gegen Wolfsburg (unberücksichtigt) im Kader. Ähnlich verhält es sich mit Neuzugang Aristide Bancé, der beim FCA für drei Jahre unterschrieben hat und sich als Stoßstürmer ebenfalls in die Reservistenrolle fügen musste, aber zuletzt im Afrika Cup in der Mannschaft des Finalteilnehmers Burkina Faso überzeugen konnte. Mit Sio, Musona und Bancé soll es immer wieder disziplinäre Probleme im Training und außerhalb des Platzes gegeben haben. Der Hang zum Leichtsinn während einer laufenden Partie war exklusiv für Sankoh gebucht. Mit Dong-Won Ji hat sich der FCA in der Winterpause einen Offensivspieler geangelt, der mit hoher Handlungsgeschwindigkeit auch schwierige Bälle verarbeiten kann. Die passende Position hat er allerdings in der Mannschaft noch nicht gefunden. Ganz anders ist die Situation für Neuzugang Michael Parkhurst. Nach Ronny Philps Verletzung spielt er auf der Position des Rechtsverteidigers. Eine Rolle, die der US-Amerikaner sehr konservativ auslegt. Zu befürchten ist auch, dass Andreas Ottl nach seiner Verletzung wieder in die Mannschaft zurückkehrt. Der bundesligataugliche Kader des FCA ist somit von Verletzungspech und Selbstschwächung gezeichnet. Die Mannschaft des FCA ist teilweise krank (verletzt) und teilweise eingebildet krank. Für letzteres ist der Trainer verantwortlich.

V Der Trainer

Markus Weinzierl: Kein Trainer von Format

Markus Weinzierl: Kein Trainer von Format


Dem FCA fehlt zuvorderst ein Trainer, der die Leistungsfähigkeit seiner Mannschaft im Gefüge der Liga richtig einzuschätzen versteht, ein Trainer, der im richtigen Moment die richtigen Schlüsse zieht und einen Matchplan entwirft, der nicht an der vorgestellten Überlegenheit des Gegners ausgerichtet ist. Dem FCA fehlt ein Trainer, der in der Lage ist, eine Mannschaft in ein Spiel zu führen, das gewonnen werden muss. In der derzeitigen Situation des FCA kann es mit diesem Kader keine andere Ausrichtung geben. In jeder Minute muss jeder Spieler so spielen, als wäre es die letzte, ohne dabei zu verkrampfen. Gegen Leverkusen zeigte der Einsatz André Hahns, wie viel in dieser Angelegenheit möglich ist. In Düsseldorf, in Nürnberg und auch in Frankfurt gibt es eine Reihe Spieler vom Schlage eines André Hahns. Spieler, die in jeder Situation eine gewaltige Entschlossenheit und Siegeswillen erkennen lassen. Das ist der Unterschied zwischen dem FCA und den anderen Mannschaften „auf Augenhöhe“.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass Markus Weinzierl weder seinen Kader richtig interpretiert noch zu selten ein Spiel genau zu lesen versteht. In Leverkusen war zum Beispiel schnell zu erkennen, dass mit den Außenverteidigern de Jong und Parkhurst das Spiel nach vorne zu wenig in die Breite gezogen wurde, was dazu führte, dass für Ji, Koo und Mölders die Räume leicht zuzustellen waren. Nur Tobias Werner sorgte mit seinen Laufwegen zumindest optional auf der linken Seite für Gefahr und Entlastung. Weshalb zum Beispiel Werners Auswechslung nur mit Kopfschütteln zu kommentieren ist. Mölders lief viel und war dennoch nie richtig im Spiel. Koo und Ji „neutralisierten sich gegenseitig“ und ein Michael Parkhurst „verschenkte“ auf der rechten Seite jeden Ballbesitz mit einer blinden Flanke aus dem Halbfeld. Hätte Weinzierl sich dafür entschieden, in Leverkusen auf Gewinn zu spielen, hätte man die Zehn mit Daniel Baier besetzen müssen. (Mit Moravek fehlte in der Mitte ein Spieler mit Passgenauigkeit und einer Eins-zu-Eins-Stärke.) Hätte man links Matthias Ostrzolek im Verbund mit Werner marschieren lassen müssen, und man hätte es rechts außen mit dem beidfüßigen Hahn versuchen müssen. Nur zweimal im gesamten Spiel kam der FCA auf der Außenbahn hinter die Abwehr. Daraus resultierten eine Chance und ein Tor.

Als Markus Weinzierl in der 69. Minute die defensive Sechs (Daniel Baier) vom Feld nahm und mit Torsten Oehrl einen weiteren Rückraumstürmer brachte, wurde er für sein „artiges Bemühen“ um ein Unentschieden bestraft. Lars Bender erzielte sechs Minuten später das 2:0 für Bayer. Das war in der 75. Minute. Danach ließ Weinzierl die Schultern hängen und glaubte erst wieder an einen Sieg seiner Mannschaft, als Mölders eine Flanke von Hahn aus dem rechten Rückraum (!) in großartiger Manier zu verwerten verstand (89.). In der Nachspielzeit wechselte Weinzierl mit Hain einen Strafraumdribbler für den Rechtsverteidiger Parkhurst ein. Eine zu diesem Zeitpunkt unverständliche Maßnahme, die in dieser Phase der Partie nur Zeit kosten sollte.

VI Das Labyrinth der Mittelmäßigkeit

Man darf nicht davon ausgehen, dass ein junger unerfahrener Trainer seine Systemfehler als solche erkennt und repariert, aber am Samstag hätte die einfache Einsicht ausgereicht, dass Mölders in der Mitte „am Verhungern“ war. – Mölders ist kein Spieler, der sich im schnellen Spiel durch die Mitte in Szene setzen kann. Mölders muss man mit Flanken füttern, am besten mit Flanken auf der gleichen Linie oder aus dem Rücken der Abwehr. Wenn das nicht geht – oder zu wenig bringt – muss man in der Tat darüber nachdenken, einen Stoßstürmer wie Sascha Mölders aus der Mannschaft zu nehmen, um mit mehr Optionen und Oehrl Tempogegenstöße durch die Mitte zu generieren oder durch dynamisches Direktspiel aus dem Mittelfeld heraus auf Sieg zu spielen. Eine Idee Jos Luhukays, mit der der Niederländer in der Vorsaison die Wende einleitete.

Vom aktuellen FCA-Trainer geht zu wenig Initiative aus, kommen zu wenig Ideen, wird nicht jeder Stein umgedreht, werden im taktischen Bereich zu viele Fehler gemacht, wird offensichtlich mit den schwierigen Spielern nicht angemessen kommuniziert. Der FCA hat zehn lange Jahre von Saison zu Saison gedacht und sich nach der überraschenden Trennung von dem Führungsduo Rettig/Luhukay für einen jungen Trainer mit Perspektive entschieden. Eine mutige Entscheidung, eine falsche Entscheidung, die auch dann nicht richtiger wird, wenn man in der nachfolgenden Saison mit Weinzierl den direkten Wiederaufstieg zum Ziel erklärt. Mit Weinzierl ist der FCA in eine beinahe aussichtslose Situation gekommen. Nicht mit einer überraschenden Negativserie aus dem Nichts (wie sie Schalke gerade erlebt), sondern von Beginn an, Schritt für Schritt hat Weinzierl den FCA in den Tabellenkeller geführt. Es handelt sich nicht um eine markerschütternde Erkenntnis, der eine tiefgehende Untersuchung vorausging, sondern um eine Einsicht, die in Augsburg die Spatzen von den Dächern pfeifen: Aus dem Labyrinth der Mittelmäßigkeit wird es für den FCA mit einem Trainer namens Markus Weinzierl keinen Ausweg geben.