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Mittwoch, 08.07.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

„Erlesene Orte“: Plädoyer für das geschriebene Wort

Mit einer Lesereihe will die Kongresshalle Literaturbegeisterte in ihr Haus locken – und bietet dabei durchaus auch ungewöhnliche Blickwinkel.

Von Halrun Reinholz



Ihm sei aufgefallen, sagt der Germanist und Regisseur Stefan Schön, dass bei den meisten kulturellen Ereignissen in Augsburg die Wortbeiträge ein Schattendasein führten, das Musikalische überwiege zumeist. Hier gelte es, einen Kontrapunkt zu setzen. Schön ist für seine Kunstaktionen bekannt, tritt aber immer wieder auch mit Literatur vor sein Publikum – Literatur von anderen, die er geschickt zusammenstellt und eindrucksvoll, aber wohltuend unpathetisch präsentiert. So zum Beispiel Texte über „Wasser“ anlässlich der Bewerbung Augsburgs für den Eintrag in die Unesco-Welterbe-Liste. In Zusammenarbeit mit der Regio Augsburg, die die neue Kongresshalle unter dem Namen „Kongress am Park“ betreibt, entstand die Idee einer Literaturreihe. Nicht über Literatur, sondern mit ihr soll auch da gesprochen werden. Sie kommt selbst zu Wort, neun Mal im Lauf des Jahres 2014. Immer am Sonntagvormittag. Und an teils ungewöhnlichen Orten innerhalb der Kongresshalle.

Literarische Appetithäppchen

Irgendwie kommt einem das bekannt vor – Literatur an ungewöhnlichen Orten. Gab es da nicht mal die „Shuttle-Lesungen“, wo einen der Bus von Ort zu Ort führte – vom Gefängnis bis zum Abwasserkanal? Diese Reihe war sogar eine Augsburger Erfindung, 1997, aber nun ist sie verschwunden. Bei „Erlesene Orte“ geht es – auch wenn der Name das implizieren könnte – weniger um den Ortswechsel. Zwar werden die Zuschauer eher nicht von der Bühne „berieselt“, sondern womöglich im Heizungskeller oder auf dem Dachboden, vielleicht nehmen sie auch selbst auf der Bühne Platz, aber das Wandern hält sich wohl eher in Grenzen. Bestimmend für die Lesung ist ein Thema – ein Autor oder auch zwei oder drei in der Gegenüberstellung. Die Ortswahl ergibt sich aus dieser inhaltlichen Prämisse und wird den Zuschauern auch nicht zwingend vorher angekündigt. „Appetit auf Literatur“ will Schön machen und so folgt er bei der Auswahl der Texte keinem bestimmten Programm, sondern der eigenen Leidenschaft. Vielleicht hat die etablierte Reihe des Münchner Literaturkritikers Bernd C. Sucher („Suchers Leidenschaften“) Pate gestanden, jedenfalls plant Schön Geistreiches und Unterhaltsames mit Niveau.

Texte von Stanislaw Lem bis Andersen Märchen

Entsprechend weit gefasst ist das literarische Spektrum der insgesamt neun Veranstaltungen von Januar bis November (mit Sommerpause): Den Startschuss gibt bereits am 26. Januar ein Ausschnitt aus der Schöpfungsgeschichte („Es werde Licht“), der sich als Bezugspunkt für „Die Sternentagebücher des Ijon Tichy“ von Stanislaw Lem eignet. Dem Valentinstag im Februar ist der Briefwechsel zwischen dem Schriftsteller George Bernard Shaw und der Schauspielerin Stella Campbell gewidmet. Im März folgt der „italienische Rilke“ Giacomo Lombardi, im April Alphonse Daudets „Briefe aus meiner Mühle“. Ein besonderes Schmankerl verspricht Christian Enzensbergers „Versuch über den Schmutz“ zu werden, im Juni folgt Max Frisch mit seinem „Gantenbein“, dem „sehenden Blinden“ und Einträgen aus Tagebüchern. „Revolutionäres Pathos“ bietet der Monat der Marseillaise mit „Reden aus der Französischen Revolution“: Zu Wort kommen Robespierre, Restif de la Bretonne und Stefan Zweig. Gedichte Friedrich Hölderlins und „Gianozzos Seebuch“ von Jean Paul bestimmen im September die Gedanken zur „Unbedingtheit des Abenteuers“. Eine „märchenhafte Matinee“ mit Texten von Hans Christian Andersen setzen dann kurz vor der Eröffnung des Weihnachtsmarktes den Schlusspunkt der Reihe. Stefan Schön liest die Texte immer selbst, in einigen Fällen holt er sich die dialogisierende Hilfe der Schauspieler Sandra Pagany und Florian Kreis, beide aus dem Umfeld des Eukitea-Theaters.

Ein Programm, das neugierig macht und viel verspricht. Seine Motivation erklärt Schön mit einem Zitat von Umberto Eco: „Ein Mensch, der liest, taugt so viel wie zwei.“ Im Umkehrschluss heißt das: Wer nicht liest, lebt nur sein eigenes Leben und verbaut sich die Möglichkeit, in andere Sphären, Zeiten, Perspektiven einzutauchen. Probieren kann jedenfalls nicht schaden.



Erlesene Orte.

Literaturreihe.

Januar bis November 2014,

Kongress am Park.

Jeweils Sonntag, 11 Uhr.

Dauer: 1 Stunde.

Eintrittskarten (5 Euro) an der Touristinfo am Rathausplatz und an der Tageskasse vor Ort.

Termine und Programm unter
www.kongress-augsburg.de/literaturreihe.html.

Start ist am 26. Januar mit Stanislaw Lem: Die Sterntagebücher des Ijon Tichy, 8. Reise.