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Samstag, 24.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Endspiele für den FCA: Quantensprung in der Augsburger Sportgeschichte oder Rückzug ins Mittelmaß?

Eines der heiligsten Geheimnisse des deutschen Fußballs soll heute preisgegeben werden. Nicht nur wegen der Entlassung des holländischen Cheftrainers beim FC Bayern, sondern auch Jos Luhukay zuliebe.

Von Siegfried Zagler

Außerdem ist nach van Gaals Rauswurf beim FC Bayern nicht mehr auszuschließen, dass der Heilige Gral des deutschen Fußballs von niederländischen Sportjournalisten entdeckt und auf dem Markt der Eitelkeiten verramscht werden könnte. – Jenen unter den großen Fußballverstehern, die behaupten werden, dass es sich nicht um ein heiliges Geheimnis, sondern lediglich um eine kleine wie irrationale Banalität handeln sollte, von der sie schon immer gewusst hätten, soll vorausschauend gesagt sein, dass sie damit auf ähnlich dünnem Eis wandeln, wie die Kirche im Falle Galileis.

„Die Erde ist rund wie eine Orange“

„Die Kirche zur Zeit Galileis hielt sich viel enger an die Vernunft als Galilei selber, und sie zog auch die ethischen und sozialen Folgen der Galileischen Lehren in Betracht. Ihr Urteil gegen Galilei war rational und gerecht.“ Dieses Zitat stammt aus der spitzen Feder von Paul Feyerabend, der damit Wissenschaftskritik im Schilde führte, was wiederum einen gewissen Joseph Ratzinger, damals (1990) Kardinal im Dienste der katholischen Kirche, nicht davon abhielt, Feyerabends Text anzuführen, um das Urteil gegen Galilei aus dem Jahre 1633 in einem ganz anderen Zusammenhang zu rechtfertigen. Ratzinger sollte viele Jahre später unter dem Künstlernamen “Papst Benedikt XVI.” weltbekannt werden.

Was das mit Luhukay und van Gaal zu tun hat? Nicht wenig, aber nicht deshalb, weil ein Holländer das erste Fernrohr erfunden hat, mit dessen Gebrauch sich Galilei zur „Erkenntnis“ durchgerungen hat, dass die Erde „rund wie eine Orange“ sei. Eine damals abenteuerliche These, deren Beweis – in der Tat – von Galileo Galilei nicht wissenschaftlich zu führen war.

Die letzten Spiele stehen unter einem anderen Stern

Eine Bundesligasaison hat kein festes Ende. Sie endet irgendwo zwischen dem 29. und dem 30. Spieltag, dann fängt etwas Neues an, so die These, die sich nicht weniger leicht belegen lässt als “Galileis Orange” vor der Inquisition. Spätestens am 30. Spieltag zieht in die Liga die Hitzigkeit des Pokals ein. Die letzten Spiele werden von der Bundesliga und ihrem Publikum mit mehr Enthusiasmus als anderswo gepflegt. Die vier bis fünf Endspiele am Ende einer Ligasaison stehen unter einem anderen Stern als die anderen Spiele. Sie sind sozusagen ein eigenes Turnier mit eigenen Gesetzen. Ein Turnier, für das man sich 29 lange Spieltage qualifizieren musste. Ein Turnier, bei dem es auf jede Grätsche, auf jedes Tor und auf jedes Trainerwort ankommt, obwohl kein Punkt, kein Tor und keine Niederlage mehr oder weniger zählt, als zu Beginn Saison. Mit der kühlen Ratio (die man van Gaal wie Luhukay nachsagt) betrachtet, ist das nicht zu verstehen: Irgendwann in den Iden des Aprils hört die Liga auf, nach den bekannten Gesetzen zu funktionieren. In der Serie der letzten Spiele zeigt sich, welche Mannschaft die letzten Reserven mobil machen kann, um am Ende als Mannschaft zu überzeugen, und dabei jene Tugend zu kreieren, die zur größten Legende des deutschen Fußballs gehört und alle zwei Jahre der deutschen Nationalmannschaft bei Turnieren zugesprochen wird: die Fähigkeit unter Druck neue Stärken zu entwickeln, um über das bisher Mögliche hinaus zu wachsen.

Eine Offensivstrategie ist nicht zu erkennen

Jos Luhukay scheint das nicht zu wissen. Bereits im letzten Jahr schwächelte der FCA im Ligafinale und enttäuschte in der Relegation. In dieser Saison haben die Augsburger in den letzten 10 Spielen in vier Spielen kein Tor geschossen. Eine 0:1 Heimniederlage gegen den hartnäckigen Verfolger Bochum, zwei torlose Unentschieden zu Hause gegen Duisburg und eben an diesem Wochenende gegen Fürth. (Plus das torlose Remis in Köpenick). Bei der Bewertung der letzten 10 Spiele, kommt man schnell zur Einsicht, dass der FCA seinen diesjährigen Erfolg zuvorderst seinen Defensivkünsten verdankt. Das Spiel der Augsburger ist nach vorne von Ideenarmut und Passungenauigkeit geprägt, eine Offensivstrategie ist nicht zu erkennen. Mal spielt Oehrl, mal nicht, das Gleiche gilt für Hain, Rafael und neuerdings für Thurk, alle Spitzen sind Fußballer mit Fähigkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, womit gesagt sein soll, dass es für die Zuspieler nicht einfach ist, aufgrund der ständigen Wechsel die Abläufe zu antizipieren. Das ist nicht nur anstrengend für die Zuschauer, sondern nimmt auch erfahrenen Spielern die Sicherheit.

Man könnte meinen, die Mannschaft befindet sich in der Vorbereitungsphase

Luhukay hat kein festes Paradigma im Kopf, kein festes System, keine Stammformation. Der FCA-Trainer sucht offensichtlich während der Woche nach „Trainingseindrücken“ und im Kaffeesatz nach seiner Aufstellung. Kein Trainer der Liga hat ohne Not seinen Kader so oft umgestellt wie Jos Luhukay, was möglicherweise erklärt, dass der FCA seit vielen Wochen im Spiel nach vorne dergestalt unkoordiniert wirkt, dass uninformierte Beobachter die Meinung vertreten könnten, die Mannschaft befinde sich in der Vorbereitungsphase. Das schmerzt insbesondere deshalb, weil man mit Michael Thurk einen großartigen Stürmführer mit hoher Spielkunst im Kader hat und der FCA im letzten Jahr in einigen Spielen meisterlich wie aus einem Guss flüssigen Angriffsfußball zu spielen verstand.

Das muss brennen

In dieser Saison spielte der FCA in der Defensive sehr konstant. Doch nun ist – wie gesagt – die Saison vorbei. Der letzte Akt hat begonnen, das Endspielszenario muss neue Stärken freisetzen. Und in diesem knisternden Turnier, in dem die Spannung bis auf den letzten Tribünenplatz hinauf zu spüren ist, ist es nicht akzeptabel, wenn man in einem Heimspiel „auf Augenhöhe“ in der 90. Minute – um ein lausiges Unentschieden festzuhalten – einen defensiven Sechser für einen offensiven Sechser einwechselt. Und es ist nicht akzeptabel, wenn man nach dem Schlusspfiff so daherredet, als habe man habe mit diesem Remis einen Verfolger auf Distanz gehalten. Luhukay muss wissen, dass man ab dem 29. Spieltag weder bei der Mannschaft, noch beim Publikum mit lauer Semantik, also den üblichen Phrasen punkten kann. Im Schlussspurt gilt in der Bundesliga alles oder nichts: Tod oder Gladiolen, um es niederländisch zu sagen. – Der FC Augsburg würde mit dem Aufstieg in die Erste Liga einen Quantensprung in der Sportgeschichte der Stadt Augsburg vollziehen. Falls der Aufstieg dieses Jahr nicht gelingen sollte, droht der Rückzug ins Mittelmaß, da der reiche Präsident aus Münster und seine imaginären Sponsoren deutlich zu verstehen gegeben haben, dass sie nicht gewillt sind, weiterhin Zuschüsse in Millionenhöhe in der Zweiten Liga zu verpulvern. Das muss brennen. Davon war am Freitagabend noch nicht viel zu spüren.