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Donnerstag, 16.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

EM: Wir befinden uns im Zeitalter der Bundestrainer-Schauspieler

DAZ-Herausgeber Siegfried Zagler über die deutschen Nationalmannschaften und ihre Trainer

In sechs Runden ist vieles möglich: Spielplan der EM 2012

In einer Folge von sechs Spielen ist alles möglich: Spielplan der EM 2012


Die Geschichte der deutschen Nationalmannschaft ist eine Erfolgsgeschichte, die kaum etwas mit der Klasse ihrer Trainer zu tun hat. Trainer sind die wichtigsten Akteure im schwer durchschaubaren Ablauf einer Saison oder eines Turniers. Doch sind sie das tatsächlich? Dass die Klasse eines Teams etwas mit der Klasse seines Trainers zu tun haben könnte, ist zwar ein naheliegender Gedanke, der jedoch selbst im Alltag der Bundesliga in Zweifel zu ziehen ist: Bei wie vielen Mannschaften in der zurückliegenden Bundesligasaison ist der sportliche Erfolg unbestreitbar mit dem Namen des Trainers verknüpft? Bei fünf von achtzehn Mannschaften könnte man das gelten lassen: Freiburg, Nürnberg, Hannover, Gladbach, Dortmund. Andere Trainer hätten dort möglicherweise weniger bewirkt. Will man Erfolg und Trainerkompetenz rigoros auseinanderhalten, muss man nur eines machen: knapp 50 Jahre der deutschen Nationalmannschaft Revue passieren lassen. Nach dem wenig überzeugenden EM-Start der deutschen Mannschaft am Samstag im ersten Gruppenspiel gegen Portugal (1:0) erscheint das sinnvoll, denn es bestärkt die Hoffnung, dass „wir“ trotz Joachim Löw gute Chancen haben, Europameister zu werden.

In einer Folge von sechs Spielen ist im Fußball alles möglich

Die deutsche Nationalmannschaft wird seit vielen Jahrzehnten mit einer Folge von durchschnittlichen bis schlechten Bundestrainern geplagt. Joachim Löw passt in dieser Hinsicht perfekt in das Gefüge der Durchschnittlichkeit und der Missverständnisse. Jede weitschweifige Erklärung wäre gegenüber Fußballexperten respektlos: Joachim Löw ist kein guter Trainer und würde, müsste er sich auf dem freien Markt behaupten, langfristig bestenfalls in der dritten Liga zum Zug kommen. Er kann weder ein Spiel genau lesen noch es mit einer Idee aus dem Bauch heraus beeinflussen. Ihm fehlt Witz und Besessenheit, Gespür und Analysefähigkeit und somit beinahe alles, was mit Leidenschaft und Tiefe zu tun hat. Fähigkeiten, die notwendig wären, um die Stärken einer Auswahl ausgezeichneter Fußballer in alle Verästelungen hinein auszuloten. Womit aber nicht gesagt sein soll, dass die deutsche Nationalmannschaft bei der EM 2012 nicht mit glänzenden Leistungen dem Titelgewinn sehr nahe kommen könnte. Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist in Sachen unbegabter Trainer einiges gewöhnt. Und selbstverständlich ist in einer Folge von nur sechs Spielen im Fußball alles möglich.

Die Geschichte beginnt mit Helmut Schön

Sepp Herberger und Helmut Schön (rechts) als Briefmarkenmotiv

Helmut Schön (rechts) und Sepp Herberger als Briefmarkenmotiv


Großartige Turniermannschaften, durchschnittliche bis schlechte Trainer, so könnte man die Geschichte des DFB-Flaggschiffes Nationalmannschaft in einem Satz zusammenfassen. Die Geschichte beginnt mit Helmut Schön. Otto Nerz und Sepp Herberger sind prähistorische Figuren, aber nicht ganz unbeteiligt an einer bis weit in die achtziger Jahre hinein gepflegte Struktur, die sich mit dem Begriff „Fußballlehrer-Beamtentum“ auf einen Nenner bringen lässt. Helmut Schön war acht Jahre Assistent von Sepp Herberger und trat 1964 dessen Nachfolge als Bundestrainer an. Schön konnte von 1966 bis 1974 auf die großartigsten Fußballspieler zurückgreifen, die je einem Nationaltrainer außerhalb Brasiliens zur Verfügung standen. Sein hervorstechendstes Merkmal als Bundestrainer: Er ließ sie spielen. Und bescherte somit der Fußballnation nicht nur glanzvolle Fußballmomente und mit dem Gewinn der EM 1972 und der WM 1974 zwei Titel, sondern auch spektakuläre Niederlagen, die größte im Finale 1966 in Wembley. Die Niederlagen im „Jahrhundertspiel“ bei der WM 1970 im Halbfinale gegen Italien und die legendäre Finalniederlage im EM-Finale 1976 nach Elfmeterschießen gegen die Tschechoslowakei waren ergreifende Momente, die sich nicht weniger tief als die triumphalen Siege im kollektiven Gedächtnis einer Gesellschaft verfestigten, deren nationale Identitäts- und Selbstvergewisserungsrituale nur im Kontext großer Fußballturniere möglich schienen. Nach Siegen wie nach Niederlagen zeigte Helmut Schön stets großen Respekt vor dem Gegner und beinahe fernöstliche Gelassenheit. Helmut Schön hätte zusammen mit Willy Brandt den Friedensnobelpreis bekommen sollen. In sportlicher Hinsicht hinkte er jedoch den Entwicklungen seiner Zeit hinterher. Was sich bereits bei Helmut Schön andeutete, sollte zum Markenzeichen aller Bundestrainer werden: Biedersinn statt Raffinesse, Schablone statt Genialität.

Jupp Derwall war nicht so schlecht, wie er dargestellt wurde

Jupp Derwall (Foto: Jürgen Jung / Wikipedia)

Opfer der Boulevardpresse: Jupp Derwall (Foto: Jürgen Jung / Wikipedia)


Nach seinem ersten verpatzten Turnier ging Helmut Schön 1978 in Rente, sein langjähriger Assistent Jupp Derwall wurde zum Nachfolger bestellt. Derwall war als Trainer nicht so schlecht, wie er am Ende dargestellt wurde. Möglicherweise war er sogar besser als alle anderen, die folgten. Seine Leistungsbilanz war ausgezeichnet (45 Siege, 11 Unentschieden, 11 Niederlagen), 1980 gewann er die Europameisterschaft mit einem entfesselt aus Tiefe des Raumes vorstoßenden Bernd Schuster. Danach folgte die WM 82 in Spanien mit der Finalniederlage gegen Italien. Derwalls Problem bestand darin, dass ihm von Jahr zu Jahr besonders im Mittelfeld immer weniger Topspieler zur Verfügung standen – und dass sich das Medieninteresse von Jahr zu Jahr in Sachen Fußball zu verdoppeln schien. Die Boulevardpresse (womit natürlich in erster Linie die Bildzeitung gemeint ist) schoss sich immer stärker auf ihn ein und ritt erstmalig gegen einen Trainer der deutschen Nationalmannschaft eine harte Negativ-Kampagne. Derwall war dem nicht gewachsen und trat 1984 nach dem EM Vorrunden-Aus in Frankreich zurück. Jupp Derwall war und blieb bisher der einzige deutsche Fußballnationaltrainer, der nach seiner DFB Trainerkarriere weitermachte und Erfolge vorweisen konnte. Von 1984 bis 1988 trainierte er Galatasaray Istanbul und gewann mit dem türkischen Traditionsverein zweimal die Meisterschaft und einmal den Pokal.

Tabubruch mit Franz Beckenbauer

Es folgte Franz Beckenbauer, der sich damals als Bildzeitungs-Kolumnist und Derwall-Kritiker ins Amt schrieb: „Wenn man mich fragen würde, ich würde es machen.“ Beckenbauer war der erste „Experte“ in Deutschland, der ohne jede Qualifikation Trainer werden durfte. Der Begriff „Teamchef“ war geboren, ein Tabubruch vollzogen, der Erbhof der „Trainer-Beamten“ zerschlagen und zum ersten Mal nach einem halben Jahrhundert der Bann der Biedermeier gebrochen. Genialität war gefragt. Das schien zumindest die Hoffnung des Beckenbauer-Coups zu sein. Hermann Neuberger, der damalige DFB-Chef, verband mit Beckenbauers Verpflichtung die naive Hoffnung, dass Beckenbauer als Trainer ein ähnlich differenziertes Gespür für eine Mannschaft entwickeln könnte, wie er es zum Beispiel als Kapitän der 74er Mannschaft an den Tag legte. Beckenbauer, als Spieler eine Lichtgestalt und nach seiner aktiven Laufbahn ein Medien-Darling, entpuppte sich jedoch als uninspirierter Trainer, der sich unzählige Coachingfehler und irrwitzige Fehlaufstellungen leistete.

„Macht Franz Fehler?“

Als Botschafter Deutschlands war Beckenbauer in den ersten Jahren eine Katastrophe und langsam begann sogar sein Hausblatt BILD zu zweifeln: „Macht Franz Fehler?“, so eine Balkenüberschrift während der Qualifikation zur WM 90. 1986 war Beckenbauer bei der WM in Mexiko heillos überfordert. Das deutsche Nationalteam zog dennoch ins Finale gegen damals haushoch überlegene Argentinier ein. Ein Finale, das aus deutscher Sicht, man kann es kaum höflicher formulieren, überraschenderweise halbwegs offen gestaltet werden konnte. 1988 schied Beckenbauers Elf bei der EM in Deutschland im Halbfinale gegen Holland aus. Auf der Bank der Niederländer saß mit Rinus Michels ein 60jähriges Trainerfossil. Michels war im Finale 74 der Gegenspieler von Helmut Schön, dessen Prinzip er 14 Jahre später kopieren sollte. Er überließ den Spielern das Spiel: Gullit, van Basten, Rijkaard, Wouters, alle in Hochform. Womit gesagt sein soll, dass selbst ein Holger Fach auf der holländischen Trainerbank den ersten Titelgewinn von Team Oranje im Jahre 1988 nicht verhindern hätte können.

Beckenbauer im Liga-Alltag erfolglos

Im Zenit seiner Trainerkarriere: Franz Beckenbauer 1990 bei der Bambiverleihung (Foto: Wolfgang Kluge / Wikipedia)

Im Zenit seiner Trainerkarriere: Franz Beckenbauer 1990 bei der Bambiverleihung (Foto: Wolfgang Kluge / Wikipedia)


Unter Beckenbauer entwickelte sich die Qualifikation für die 90er WM in Italien sehr zögerlich. Erst durch ein sehr spätes Tor gegen Wales ging die Tür nach Italien auf. Dann folgten zwei große Spiele. Während der WM 90 schien der Mythos Beckenbauers endlich zu greifen. „Kaiser Franz“ war der erste Mann im Lande, der als Spieler und als Trainer einen Weltmeistertitel verbuchen konnte. Das Schlüsselspiel damals war nicht das 4:1 im Auftaktspiel gegen Jugoslawien, sondern der 2:1 Sieg gegen Holland im Achtelfinale. Diesmal saß mit Leo Beenhakker ein hemdsärmliger Luftikus auf der niederländischen Bank. Ein Trainerduell auf Augenhöhe!  Außerhalb Deutschlands gilt die WM 90 als schwächste in der Geschichte. Das Deutsche Team erarbeitete sich nach dem grandiosen Sieg gegen Holland den Titel. Es schoss nach dem Achtelfinale kein Tor mehr aus dem Spiel heraus. Ein Elfmetertor im Viertelfinale gegen Tschechien, ein abgefälschtes Freistoßtor im Halbfinale gegen England und ein Elfmeter im Finale gegen ein schwaches Argentinien: Mit weniger ist noch niemand Weltmeister geworden. Später war Beckenbauer als „Trainer“ im Liga-Alltag ähnlich erfolglos wie sein Nachfolger Hans-Hubert Vogts. Zuerst senkte man bei Olympique Marseille die Daumen über Beckenbauers Haupt und später riss er als Interimstrainer beim FC Bayern im Durchschnitt weniger als der von der Bayern-Führung wegen Erfolgslosigkeit gefeuerte Erich Ribbeck. Bereits vor der WM 90 beschloss der DFB mit Berti Vogts die Rückkehr in die solide Stube der Lizenzinhaber. Für die politische Wiedervereinigung war Helmut Kohl zuständig, für die sportliche Zusammenführung schien Vogts der richtige Mann: Trainingsanzug statt Glamour, Fachwissen statt Schauspieler-Attitüden.

Morgen im zweiten Teil: Nach Berti Vogts und Erich Ribbeck folgte Bauchredner Rudi Völler. Schließlich das große Missverständnis Jürgen Klinsmann, dessen Nachfolger Joachim Löw sowohl in Sachen Kreativität als auch in der Außenwirkung in etwa im Spannungsfeld der Schlagertexte von Roy Black und Rex Gildo anzusiedeln ist.