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Samstag, 22.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Ekstasetechniken vom Apo-Opa

Fast schon Kabarett: Rainer Langhans im Hempels

Von Frank Heindl

Fragt sich, warum man Rainer Langhans einladen muss. Der einstige Apo-Protagonist, eine der Ikonen der 68er-Studentenbewegung in Deutschland, hat sich eigentlich schon vor zwanzig Jahren mit – gelinde gesagt – merkwürdigen Erklärungsversuchen zur NS-Diktatur und viel esoterischem Schwachsinn ausführlich selbst diskreditiert. Hitler als fehlgeleiteter Spiritueller? Eigentlich doch eher eine Lachnummer! Ausgerechnet Langhans am Abend vor der Nazi-Demo in Augsburg ein Forum zu bieten, scheint mindestens unbedacht und auf jeden Fall geschmacklos. Nun gut, Michael Symolka hat’s trotzdem getan, hat den knapp Siebzigjährigen ins Hempels in der Bäckergasse geholt, ihn ausführlich einzuführen versucht und ihn reden lassen.

Linksjugend auf der Anti Mixa-Demo: "politischer Kampf bestärke den Gegner"

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Er wolle „68“ einmal anders deuten, begann Langhans und setzte sich sofort, dezidiert und eindeutig von allem ab, was Symolka in seiner Einführung an Politik und Gesellschaftskritik aufs Publikum losgelassen hatte. Das Jahr 1968 hätten er und seine Genossen in der „Kommune I“ als „Ekstase“ erlebt – weit weg von den alten Ekstasetechniken „drugs & sex & rock’n’roll“, als Teil einer kollektiven, ja globalen „Ekstase“. Seither muss es, Langhans zufolge, als Ziel gelten, „ekstatisch“ zu leben, die äußeren, „niedrigen“ Ekstasen als unwichtig zu erkennen, stattdessen Meditation zu üben, den „Austritt aus dem Körper“ zu erlernen. Kampf, politischer wie militärischer, sei da eher kontraproduktiv: denn der bestärke den Gegner in seiner Rolle, mache ihn größer. Von Politik war aber dann auch nicht mehr die Rede in Langhans‘ Vortrag, höchstens noch in Seitenhieben auf Symolkas einführende Suade unter anderem gegen die katholische Kirche und deren Bischof Mixa. „Die Kirche hat doch nichts mehr zu melden“, meint Langhans, weshalb sich also noch erregen.

Andererseits scheinen ihm gerade die derzeitigen Probleme der Katholiken dann doch irgendwie sympathisch zu sein: Die wegen Kindesmissbrauchs angegriffenen Pädagogen hätten womöglich nur versucht, Neues auszuprobieren, da müsse man ganz genau hinschauen. Von hier war’s dann nur noch ein kurzer Schritt zur Verteidigung von Kinderpornografie – deren Betrachten sei möglicherweise gar nicht so schlimm, und dass das Betrachten gerade erst die Produktion ermögliche, sei ja auch gar nicht erwiesen. Man hörte da merkwürdigerweise im Publikum nicht das geringste Aufstöhnen.

In diesem wirren Stil gab’s viel Durcheinander aus Sigmund Freud und Wilhelm Reich, längliche Exkurse übers Altern, erläutert an den Beispielen von Walter Jens und Rainer Langhans‘ Mutter, die völlig argumentfreie Behauptung, das Internet löse eine Menge der materiellen Probleme und die Jugend sei bereits dabei, im Netz alle herkömmlichen Ekstaseformen abzulegen, schnelles Fahren im Sportwagen (natürlich öko, natürlich elektro) befördere die Unfähigkeit zu pinkeln, bei Google zu arbeiten sei traumhaft und eigentlich keine Arbeit und die derzeitige Finanzkrise werde zum „bedingungslosen Grundeinkommen“ führen, was schließlich nichts anderes sei als – ja, genau: Kommunismus.

Das war alles ziemlich fürs Kabarett geeignet und hätte zu herzlichem Gelächter animieren können, wäre es nicht zusätzlich dröge und langweilig gewesen. Und hätte es da nicht zwei irritierende Gesichtspunkte gegeben: Zum einen das Publikum, das lange Zeit stoisch, erst später dann doch allmählich murrend all den Unsinn ertrug (eine rühmliche Ausnahme: Kulturreferent Peter Grab, der allerdings auch mittels konkreter Fragen den Guru nicht zu konkreten Antworten bewegen konnte); zum anderen Moderator Symolka, der es in irritierender Wendigkeit schaffte, sowohl Langhans permanent zuzustimmen, als auch die kritischen Publikumseinwände ebenso heftig zustimmend zur Kenntnis zu nehmen. Selten erlebt: so wenig Niveau und so wenig Streit darüber.