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Dienstag, 03.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Eine sterbende Kultur

“Tulpan” – wunderbare Bilder aus Kasachstan

So ein langsamer Film! Ganz lange bleibt die Kamera auf einzelnen, unspektakulären Einstellungen stehen. Und wenn auch wenn von der anderen Seite der Jurte her ein heftiger Lärm zu hören ist, schwenkt sie nur gaaaanz langsam da hinüber. Und genauso gemächlich entwickelt sich die Geschichte – oder, wie man’s nimmt, entwickelt sie sich eben nicht. Denn so sehr man auf ein Happy End hoffen mag, Assa hat Pech. Frisch aus dem Militärdienst entlassen, ist er in die kasachische Steppe zurückgekehrt, um seinen Traum zu verwirklichen: ein Hirte mit eigener Herde zu werden. Doch damit der Staat ihm Schafe zuteilt, muss er verheiratet sein. “Allein”, bestellt ihm der Verwalter, “hältst du das keine Woche durch.” Der Haken: Bei den Nomaden gibt es weit und breit nur ein einziges Mädchen, und das ist zickig – Assas Ohren sind ihr zu groß, und damit basta, und auch die Schwiegermutter in spe schlägt mit Schaufel und Besen nach dem dahergelaufenen Habenichts.

Lämmer retten durch Mund-zu-Mund-Beatmung - das lernt Assa in der kargen Steppe von Kasachstan

Lämmer retten durch Mund-zu-Mund-Beatmung - das lernt Assa in der kargen Steppe von Kasachstan


Assa will trotzdem bleiben, will weg in die Hauptstadt, und dann doch nicht. Dazwischen tobt ein Kampf um jedes einzelne der Schafe, die in der austrocknenden Steppe entkräftet zusammenbrechen und nur noch tote Lämmer zur Welt bringen, die Auseinandersetzung mit einem Schwager, der wortkarg bis zur Verbohrtheit keine Freundlichkeit über die Lippen bringt, das Leben mit einer kleinen Cousine, die herzzerreißend singen kann. Assa lernt, dass Lämmer stinken, wenn sie frisch und verklebt aus dem Mutterleib kommen, und dass man sie dann trotzdem von Mund zu Mund beatmen muss. Dass in den Windhosen dieser Wüstengegend Schafe verschwinden und Tage später wieder auftauchen, dass das Familienleben hart und frustrierend sein kann. Und bleibt trotzdem. Ein zutiefst berührender Film, dessen halb optimistisches Ende nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sich hier eine Identität und eine Kultur in Todeskämpfen winden. Hier ist Zukunft nur noch für wenige Mutige, und auch diese Zukunft stirbt. (frei)

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