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Mittwoch, 04.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Ein starker Abgang

King Arthur als letzte Premiere im Großen Haus

Von Bernd Wißner

Bernd Wißner ist Augsburger Verleger und Theaterfan.

Bernd Wißner ist Augsburger Verleger und Theaterfan.

Mephistos‘ Angebote, um Faust zu kaufen, sind Geld, Macht oder Ehre. Doch Faust will etwas anderes, er will Liebe. Da haben wir sie alle beisammen, die vier großen Motivatoren der Menschheit. Liebe und Macht haben seit jeher für die Kunst einen besonderen Reiz. Und so zeichnet der englische Dichter John Dryden ein Thema nach, das ihm ziemlich genau 100 Jahre vorher sein großer Kollege Shakespeare vorgegeben hatte: einen Sommernachtstraum.

In mythologische Handlung locker eingebunden, treiben die Mächtigen ihr Spiel mit der Liebe. Und nachdem Liebe mit einigen Wundern und Zauber verbunden ist, der sich selbst unserer erklärungsbedürftigen Zeit immer noch nicht ganz erschließt, werden zahlreiche Geister und Zauberer bemüht, die Irrungen und Wirrungen der Liebe, die Macht und die Verzweiflung und das Erwachen aus der Liebesblindheit mittels Zaubertrank ordentlich anzuheizen. Nur dass die Geschichte diesmal in Old Great Britain spielt und nicht nur durch den Untertitel „The British Worthy“ (der britische Held) ein gute Portion Nationalstolz freundlich parodiert wird. Hier setzt die flotte Inszenierung von Sigrid Herzog ein: denn die guten und bösen Geister werden durch überragende britische Popgrößen der letzten 40 Jahre dargestellt. Eine furiose Nummernrevue, die dem Genre dieser sogenannten Semioper durchaus entspricht, rast über die Bühne: Sergeant-Peppernde Beatles, Potternde Zauberer, Jaggernde Sänger und zahlreiche andere Stars oder Kultevents werden zitiert und amüsieren das Publikum auf das Beste. Einzelne Protagonisten aus dem gewaltigen Ensemble von Schauspielern, Sängern, Musikern und Balletttänzern hervorzuheben, wäre unfair: Die Aufführung ist eine großartige Gesamtleistung aller Beteiligten. Das übliche Opernrepertoire besteht aus etwa 50 bekannten Werken.

Jedes Haus, das etwas auf sich hält, mischt alte und neue weniger gespielte Stücke hinzu. Bei neuen Opern lauten die Kommentare des Publikums häufig: „Interessant, gut, dass so etwas mal gespielt wird.“ Bei Werken alter Meister hört man eher: „Toll, warum wird das nicht öfter gespielt.“ Zu dieser Kategorie gehört eindeutig Purcells King Arthur. Die Musik ist absolut brillant und wegweisend. So wurden die Geigenstakkatos in der Frostszene (köstlicher Einfall, Väterchen Frost aus einer Tiefkühltruhe zu holen!) ein Vierteljahrhundert später von Vivaldi unverändert übernommen und führen mit dem Winter in den Jahreszeiten zu einem der bekanntesten Stücke der klassischen Musik bis hin in die heutige Popmusik zu Klaus Nomis „The Cold Song“. So mag es einige Theaterbesucher gegeben haben, die Purcells Musik lieber pur genossen hätten, was durchaus verständlich ist. Aber welch köstlicher Abend wäre uns dann verloren gegangen. Begeistertes Publikum und zahlreiche Bravorufe für das ganze Ensemble.