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Donnerstag, 25.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Ein Orchester aus Stimmen

Gewaltig: Cornelius Cardews „Great Learning, Paragraph 7“ im Goldenen Saal

Von Frank Heindl

Was passiert hier, was singen die da, wie funktioniert das, wie ist das organisiert? Wer sich ohne entsprechende Vor-Informationen am Sonntagabend im Goldenen Saal „The Great Learning, Paragraph 7“ des britischen Komponisten Cornelius Cardew anhörte, der war lange Zeit mit vielerlei Fragen beschäftigt und möglicherweise dadurch stark von der wunderbaren Musik abgelenkt, die den weiten Saal strahlend durchflutete – es wurde nur gesungen, doch manchmal glaubte man, ein ganzes Orchester zu hören.

Titelseite des Programmheftes zu „The Great Learning“ mit Foto des Komponisten Cornelius Cardew.

Titelseite des Programmheftes zu „The Great Learning“ mit Foto des Komponisten Cornelius Cardew.


Stellen wir also im Rückblick das Unwichtigste an den Anfang, die Frage nach der Art und Weise, wie dieses unglaubliche Chorwerk organisiert wird, und stellen wir gleich eingangs fest: Es funktioniert viel einfacher, als es sich anhörte. Cornelius Cardew hat einen zentralen Satz aus dem Paragraph 7 des Werks „Das große Lernen“ des chinesischen Philosophen Konfuzius (er lebte im sechsten und fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) zu Musik gemacht: Wenn es an den Wurzeln nicht stimme, besagt dieser Satz, könne nicht gut regiert werden. Das wirklich Solide werde sich gegen das Banale durchsetzen, Schund könne sich nie als solide etablieren – „das passiert einfach nicht.“ Cardew zerlegt diesen und einen Schlusssatz in 18 Abschnitte. Seine Sänger betreten die Bühne und konzentrieren sich auf einen inneren Ton, den sie sich zunächst nur vorstellen. Wenn der Dirigent den Einsatz gibt, singen alle ein „if“ („wenn“) mit ihrem jeweils eigenen Ton.

Zu Beginn ein gigantischer Cluster

Da nur die wenigsten Menschen über ein absolutes Gehör verfügen, kommen in diesem kollektiven „if“ nicht nur die 12 Halbtöne der westlichen Tonskala vor, sondern auch eine Vielzahl von Zwischentönen – der erste Eindruck des Hörers ist also ein gigantischer Cluster mit enormer Reibung. Die (schwierige!) Aufgabe der Sänger und Sängerinnen des Chores besteht nun darin, sich beim Singen ihres Tones nicht von den Nachbarn beeinflussen zu lassen – also nicht nach und nach in irgendeine Art von Harmonie einzuschwenken, sondern am eigenen Ton, an der eigenen Stimme festzuhalten. Jeder singt das vorgegebene Wort so lange, wie sein Atem reicht, schließt dann eine Pause an, die ebenso lang sein sollte, und wiederholt das Wort so oft, wie es der Komponist vorgibt – zwischen fünf und 17 mal werden die Worte wiederholt, manche sollen ein- oder mehrmals laut gesungen werden. Da jeder Sänger unterschiedlich lange Luft hat, sind die einen früher mit ihrem Wort fertig als andere und beginnen daher früher oder später als andere mit dem nächsten. So entsteht nach und nach zusätzlich zur musikalischen auch eine textliche Divergenz – jeder Teilnehmer befindet sich an einer anderen Stelle der Partitur, jeder ergänzt seinen persönlichen Ton auch mit seinem individuellen Rhythmus. Außerdem ordnet Cardew an, dass die Sänger sich, sobald sie mit einem Wort „fertig“ sind, an eine andere Stelle des Raumes begeben – es herrscht also auch ein beständiges „Bäumchen wechsle dich“ im Goldenen Saal, ein Streben mal weg von der Mitte (wo alles begann), dann wieder dorthin zurück.

Und dabei entsteht ein wahres musikalisches Wunder: Mal klingt der Gesang eher harmonisch, mal komplett dissonant, mal singen zufälligerweise alle leise, mal gibt es viele laute Töne, es wabert und hallt, schwillt an und verebbt, es entstehen unglaubliche Schwingungen, manchmal sirrt der Saal regelrecht, immer wieder vermeint man Instrumente zu hören, die ganz offensichtlich nicht vorhanden sind, eine Oboe, Geigen, ein ganzes Orchester von weit her – es ist zauberhaft und bezaubernd, großartig und gewaltig, ganz und gar traumhaft, was die Stimmen des Jungen Vokalensembles der Schülerakademie Schwaben (Leitung: Andrea Huber), sowie des Basilikachors und des Gospelchors von St. Ulrich und Afra (Leitung: Peter Bader) entstehen lassen.

Den Mut zum eigenen Ton lernen

Repräsentativster Ort des Regierens: der Goldene Saal

Repräsentativster Ort des Regierens: Veranstaltungsort Goldener Saal


Und es dauert. Denn das Stück hat keine Sätze, keine Haltepunkte, keine definierten Unterbrechungen, sondern wogt dahin, auf und ab, und wenn man es dann doch aufgegeben hatte, verstehen zu wollen, was da passierte, dann konnte man hingerissen in diesen Klängen versinken – und irgendwann ein bisschen erschrocken feststellen, dass zwei Stunden vergangen waren – und da dauerte es noch weitere dreißig atemberaubende Minuten.

Auch er habe, erzählt anschließend der Dirigent John Tilbury, immer wieder die Augen geschlossen und sei überrascht gewesen, welche Klänge er vernommen habe. Zwei Tage lang hatte der den Augsburger Sängern und Sängerinnen Cardews Kompositionsidee nahegebracht. Proben im klassischen Sinne könne man das Stück nicht, stattdessen gelte es den Teilnehmern Mut zu machen zu ihrer eigenen Stimme und ihrem eigenen Ton – um den gehe es in Cardews Komposition genau wie im Lehrtext des Konfuzius. Nur wenige kennen Cardews Werk so genau wie der 75-Jährige aus London, den Ute Legner von „Mehr Musik“ eigens für diese Veranstaltung des „Festivals der 1000 Töne“ engagiert hatte. Tilbury war mit Cardew eng befreundet, war zu dessen Lebzeiten sein Pianist (Cardew starb 45jährig bei einem Autounfall), betreut seither unter anderem Cardews Werk und hat den „Paragraph 7“ nicht nur unzählige Male gehört, sondern das Stück auch oft selbst dirigiert. Im Goldenen Saal habe er manchmal elektronische Musik zu hören geglaubt, sagt Tilbury „but much better, much more living“ – aber eben viel besser, viel lebendiger. Das Stück sei eben jedes Mal anders.

Ein sakral anmutendes Werk – am richtigen Ort

Dass einem dabei Cardews Werk nahezu sakral anmutet, wird dem Komponisten bewusst gewesen sein. Den Veranstaltern schien es gerade aus diesem Grund wichtig, das Konzert nicht in einer Kirche abzuhalten. Denn das Thema von Cardew/Konfuzius ist ein weltliches – es geht um gutes Regieren, es geht um die Feststellung, dass dieses nur stattfinden kann, wenn die Wurzeln gesund sind. Wo hätten diese Aussagen mehr Berechtigung als am repräsentativsten Ort des Regierens, den Augsburg zu bieten hat: im Goldenen Saal mit seiner historischen Bedeutung und seiner Lokalisation im Rathaus. Man muss aber kein Konfuzius-Anhänger sein, um Cardews Werk genießen zu können. Unabhängig von jeder philosophischen Interpretation gilt: Selten war man noch am Tag nach einem Konzert auf solch eine besondere Art, nun ja, es schreibt sich schwer hin, muss aber trotzdem gesagt sein: ergriffen.