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Freitag, 03.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Ein hochsympathischer Sturkopf

„Schotter wie Heu“ blamiert jeden Banker – außer einem

Von Frank Heindl

Gäbe es einen entsprechenden Wettbewerb bei den Tagen des unabhängigen Films, Fritz Vogt hätte sicher große Chancen, zum sympathischsten Gast der Filmtage gewählt zu werden. Das hat er einem wunderbaren Film der Regisseurinnen Siegrun Köhler und Wiltrud Baier zu verdanken. Die beiden haben schon 2002 mit „Schotter wie Heu“ ein Portrait der kleinsten Bank Deutschlands gedreht, das ganz neben bei auch ein Portrait der Gemeinde Gammelsfeld und ihres Bankdirektors Fritz Vogt geworden ist.

Zu Anfang mag man den sturen Schwaben noch für einen verstockten Reformverweigerer halten. Doch schon bald wird klar, dass Vogts Widerstand nicht nur System hat, sondern auch Erfolge vorweisen kann. Der Mann hat in einem sechsjährigen Prozess gegen die Bundesrepublik seiner Gemeinde das Recht erstritten, ihre Minibank behalten zu dürfen. Und nach dem Sieg erhöht er sich nicht etwas das Gehalt, lässt ein schickes Bankgebäude bauen, stellt Personal ein und kauft teure EDV – sondern lässt alles beim Alten, erstellt seine Buchhaltung weiterhin von Hand und mit der Schreibmaschine, schickt seine Briefe mit der Post statt per Mail oder Fax, dreht eine Uralt-Wählscheibe, wenn er telefonieren will. Und betreibt nebenbei auch noch seine Landwirtschaft.

Bankdirektor, Buchhalter, Sekretärin und vieles mehr - das ist Fritz Vogt in seiner Gammelsfelder Bank

Bankdirektor, Buchhalter, Sekretärin und vieles mehr - das ist Fritz Vogt in seiner Gammelsfelder Bank


Schon der Film also macht diesen Banker ungeheuer sympathisch, die Finanzkrise tut das ihre dazu. Denn die Bank von Gammelsfeld hat sich natürlich nicht verspekuliert, braucht keinen Rettungsschirm und steht grundsolide da. Sie hat die Gelder ihrer Kunden vermehrt, obwohl sie keine Gebühren verlangt. Sie vergibt unglaublich günstige Kredite. Und die zahlt Zinsen, von denen der Normalbürger derzeit nur träumen kann – und weiter träumen muss, denn in Gammelsfeld kann nur Bankkunde werden, wer da wohnt. Und diesen Nachteil möchte man dann doch wieder nicht in Kauf nehmen, weil der Film das 530-Seelen-Dorf keineswegs idyllisiert, sondern in vielen seiner Facetten aufzeigt – auch in der einer heftigen kulturellen Provinzialität, wo der „Muswiesen“-Jahrmarkt das Highlight des Jahres darstellt und der Traum vom eigenen Audi das höchste Streben der Jugend.

Völlig hin und weg ist man dann, wenn man den Banker im Anschluss an den Film persönlich vor sich hat. Der ist jetzt über 80, hat die Bank an einen Nachfolger übergeben, der – laut sei’s geklagt! – mit zwei (2!) PCs arbeitet, ansonsten aber alles beim Alten gelassen hat. „Leisten Sie Widerstand gegen allen Unsinn, der über uns hereinbricht!“, ruft Vogt dem Publikum zu – ein mutiger, sturer, herrlich sturer Revolutionär vom Lande, der einen Vorteil vor vielen anderen Revolutionären hat: sein Modell ist erprobt und funktioniert. Man hätte sich doch allzu sehr gewünscht, dass sich der eine oder andere Banker zur Diskussion eingefunden hätte. Er hätte sich schon beim Vergleich der eigenen Zinsspanne mit der von Fritz Vogt heftig blamiert!

Den Film „Schotter wie Heu“ gibt’s nochmal am Samstag um 18 Uhr im Mephisto-Kino.

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