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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Tiefgarage Fuggerstraße: Freigang für Flaschengeist

Warum die Walter-Tiefgarage nicht totzukriegen ist

Kommentar von Siegfried Zagler

„Wenn es so weiterginge, wird unsere Innenstadt zur Proletenmeile“, so die düstere wie unqualifizierte Prognose des „Stadtplaners“ Prof. Ignaz Walter, der mit seinem Parkhaus-Pamphlet, das er jeder Stadträtin und jedem Stadtrat einzeln zuschickte, weder in sprachlicher noch in inhaltlicher Hinsicht überzeugt. Dabei liegt Walter mit seiner Grundlagenfeststellung nicht falsch. Dass jedoch die Augsburger Innenstadt seit vielen Jahren weder mit kulturellen Angeboten noch mit Warenangeboten zu glänzen versteht, hat nichts damit zu tun, dass es zu wenig Stellplätze für Autos gibt. Digitalisierung, eine visionsfreie Kulturpolitik sowie eine blutleere Wirtschafts- und Stadtplanungspolitik haben der Stadt Augsburg trotz beispiellosem Wirtschaftsboom in Bayern schwer zugesetzt. Sinkende Kaufkraft sorgt für Schließungen, Leerstände und zahlreiche Billigshops in der Innenstadt, deren Niedergang seit Jahrzehnten durch niederschwellige Gastronomie und niederschwellige künstlerische Angebote begleitet und gefeiert wird. 

Die Funktionalität von Amazon, die Attraktivität der City-Galerie, die Kampfpreise der zahlreichen Discounter, Outlet-Stores und der Fachgeschäfte am Stadtrand und im Umland sind weder durch lokale Kauf-Kampagnen („Lass den Klick in deiner Stadt“) noch durch Bäckereiwaren, Schuhgeschäfte, Starbucks oder Telefonläden korrigierbar. Die galoppierende Unwirtlichkeit der Innenstädte im Zusammenhang mit explodierenden Mietpreisen ist ein weit verbreitetes Phänomen und kein Augsburger Spezifikum. Deshalb ist der Vorstoß des ehemaligen Bauunternehmers Ignaz Walter, die „Fuggertiefgarage“ nach mehr als 20 Jahren quasi als „patriotische Stiftung“ wieder aus der Flasche zu lassen, nicht viel mehr als ein Flaschengeist-Witz. Dass ein Unternehmer die Stirn hat, ein renditeintensives Projekt wie eine Tiefgarage mit großem Tamtam als Schenkung zu präsentieren, zeigt insgesamt die Verwahrlosung der politischen Stadt an.

Immerhin hat der irrwitzige Schnaps die Stadt in der politischen Bewertbarkeit weitergebracht: Volker Schafitel ist als Lokalpolitiker schon immer gerne auf Geisterfahrt gegangen. Von dieser Desperado-Mentalität ist er immer noch nicht geheilt. Während die meisten Stadträte – allen voran OB Kurt Gribl und Baureferent Gerd Merkle – sich relativ zügig, deutlich und klug von dem Flaschengeist distanzierten, hat sich Schafitel wieder einmal ins politische Abseits geredet. Ihm bleibt als Bündnisgenosse nur die Augsburger Allgemeine, die unverblümt ihre Leserschaft zu einem Bürgervotum auffordert.

Die Stadt Augsburg mag im Zentrum verslumen, mag an der mangelnden Reflexionsfähigkeit der Augsburger Medien leiden, mag wegen einer schwachen politischen Kaste unterentwickelt sein und an der nahezu vollständigen Abwesenheit eines Bildungsbürgertums kränkeln: In den Stadtvierteln geht unabhängig davon die Kurve der Entwicklung in jeder Hinsicht nach oben. Das hängt mit den beschriebenen Defiziten der Innenstadt zusammen. Ein großes City-Parkhaus ist jedoch ein Projekt, das eben diesen Niedergang nicht aufhalten, sondern beschleunigen würde.



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