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Sonntag, 24.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Ein Foto und seine Geschichte

Walter Käsmair zeigt uns die Welt hinter den Dingen.



Die Augsburger Kahnfahrt ist ein Ort, der die Stadt und ihre unbeschreibliche Eigentümlichkeit, ihr magisches Wesen dergestalt intensiv reflektiert, sodass es schwer fällt, ihn länger als einen Nachmittag zu ertragen. Das mag auch an den Ruderkähnen liegen, die wie ein Versprechen am Ufer vor der Kneipe liegen. Ein Boot, das sich aus dem Blickwinkel des Betrachters entfernt, erzeugt die Illusion, dass es die uns bekannte Welt verlässt. Um an das andere Ufer zu kommen, braucht man ein Boot. Boote sind mythische Gefährte, die uns eine Reise aus dem selbst verschuldeten Elend des Alltags versprechen, ein Abenteuer oder eine kleine Flucht. Ein Boot, das im Hafen liegt, ist eine Metapher für ungestillte Sehnsüchte. Der Meisterfotograf Walter Käsmair scheint die Welt hinter den Dingen zu kennen. Das Foto von der Augsburger Kahnfahrt ist ein paar Tage alt. Käsmair nahm es während eines Fußballspiels (Deutschland  vs. Ghana) auf. Wenn die Stadt menschenleer ist, erwacht Käsmairs Obsession.

Walter Käsmairs Obsession ist nichts Geringeres als die Erfindung einer anderen Welt. Der fotografische „Sucher“ sucht nicht, sondern inszeniert. Der Künstler unter den Fotografen steuert den Lauf des Lichts in einem unentdeckten Raum. Der Raum heißt bei Käsmair „Augsburg“. Ein Augsburg, das es außerhalb seiner Lichtgemälde nicht gibt. Augsburg ist, das könnte man beim längeren Betrachten der fotografischen Kunstwerke Walter Käsmairs leicht vergessen, nämlich eine bewohnte Stadt, also voller umtriebiger Menschen und wie alle Städte geprägt von Baustellen, Verkehr, Lärm und Schmutz. In Käsmairs Fotogemälden ist Augsburg ein sakraler Ort, ein Kunstwerk, in dem gewöhnliche Menschen nichts verloren haben. Die Maximilianstraße, die Kahnfahrt, die Stadtmetzg, der Rathausplatz, die Altstadt, der Stempflesee: Es gibt keinen Ort, der ohne Geheimnis wäre. Augsburg als glanzvolle Dämmerung am Vorabend eines Ausbruchs, als atmender Ort einer versunkenen Geschichte, als Mitte einer Welt, die nur für höhere Wesen bestimmt zu sein scheint.

Walter Käsmair ist Lehrbeauftragter für analoge Fotografie an der Universität Augsburg und er vertritt gegenüber seinen Studenten ironischerweise die naive Auffassung, dass man die Fotografie für ein „weitestgehend authentisches Medium“ zu halten habe. Ein Medium kann nicht authentisch sein, sonst wäre es kein Medium. Weder die Fotografie noch der Film waren in keiner Phase ihrer Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte mehr als auf „die Wirklichkeit verweisende Zeichen“, um es mit Umberto Eco zu sagen. Zeichen, die wegen ihrer realistischen Abbildungsartistik von Semiotikern als „Kurzschlusszeichen“ bezeichnet werden. Käsmair weiß das natürlich, deshalb spielt er mit der Illusion des Rezipienten, der sich beim Betrachten von Fotografien seit mehr als hundert Jahren einbildet, nachträglich an einem authentischen Moment teil zu haben. Ein vergangener, aber wirklich geschehener Augenblick im Lauf der Zeit: Das ist die Illusion jeder Fotografie.

Jeder Nachtspaziergang eröffnet einen aufregenden, einen genaueren Blick auf die Stadt. Wer das noch nicht erfahren hat, sollte unter diesem Gesichtspunkt spazieren gehen. Wenn die Stadt schläft, dann ist sie nämlich der erste Ausgang aus der platonischen Höhle, also der Übergang in die wahre Welt aus Schatten und Licht, wo Stein und Beton nicht abbilden, sondern erzählen. Das schlafende Augsburg begeht und erforscht mit unerreichter Obsession und Kunstfertigkeit der Fotograf Walter Käsmair. Es ist nicht leicht zu verstehen, dass die Welt zwar farbig ist, aber die Schwarzweiß-Fotografie realistisch wirkt. Die Verfremdung suggeriert Realität, also etwas, das man für wahr hält. Das ist der Zauber der großen Fotografie, der uns stärker als alle anderen Künste die Notwendigkeit der Kunst vor Augen führt. Walter Käsmairs Foto von der Augsburger Kahnfahrt erscheint demnächst in einem Rahmen, der einem gewissen Bertolt Brecht gewidmet ist.