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Freitag, 24.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Dreimal Theater zum Thema Flucht

Was das Friedensfest im Stadttheater bot – eine Zusammenfassung

Von Frank Heindl

Das Friedensfest 2015 ist seit dem vergangenen Samstag vorüber. Gerne hätte man – mal wieder – viel mehr gesehen, gehört und gewürdigt, als ein Einzelner nun mal schaffen kann. Stattdessen kann und soll hier nur besprochen werden, was sich „theatermäßig“ im Großen Haus, in der Brechtbühne und im Hoffmannkeller abgespielt hat: „Flüchtlingstheater“ auf wechselndem Niveau, gespielt von Profis und Laien, allemal spannend, nicht immer künstlerisch befriedigend, aber – was fürs Theater nicht selbstverständlich ist: immer mittendrin in den Problemen der Gegenwart. Und nebenbei auch in denen der Stadt und des Theaters selbst.

„Das ersetzt viele Stunden Unterricht“

Kaffeetassen als Insignien der Macht bei Hans-Werner Krosingers „Frontex Security“ (Foto: David Baltzer).

Kaffeetassen als Insignien der Macht bei Hans-Werner Krosingers „Frontex Security“ (Foto: David Baltzer).


Es ging am 17. Juli los mit Hans-Werner Kroesingers „Frontex Security“ – ein aus Berlin importiertes Doku-Stück des dortigen Theaters Hebbel am Ufer. Kroesinger mutete seinem Publikum schwere Kost zu: Mehr als zwei Stunden Zahlen, Daten und Fakten zur Grenzpolitik der EU und deren Organisation „Frontex“ – Kritiker halten Frontex für mindestens mitschuldig am Tod Abertausender Flüchtlinge im Mittelmeer. Das Stück entwickelte zum Zweck der Aufklärung einen Charme, der am ehesten mit dem einer TV-Talkshow verglichen werden kann. Theatral war da eher wenig zu sehen – vier Schauspieler präsentieren die aalglatte Sprache der Bürokratie, jener Verwalter-Schicht, die fernab des Geschehens in mehr oder weniger abgeschotteten Hochhäusern sitzt und darüber entscheidet, wo, wann und wie Europas Grenzen gegen wen „gesichert“ werden. Dass diese Grenze für solche Strategen der Vorwärtsverteidigung inzwischen weit in der libyschen Wüste liegen, dass in der Konsequenz ihrer Sicherung bisher schätzungsweise 23.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind, das kann man auch ohne Kroesingers Stück wissen.

Doch die wenigsten auch der gut informierten Mitbürger dürften sich bisher Gedanken darüber gemacht haben, wie genau das eigentlich vor sich geht, wenn ein Mensch ertrinkt. Bei der akribischen Schilderung des Todes im Wasser machte das Stück dann auch ungewollt klar, was vorher gefehlt hatte: Die emotionale Verankerung der präsentierten Fakten im Wahrnehmungsapparat des Zuschauers. Denn nun plötzlich – und erst hier – stellte sich jenes Grauen ein, gegen das wir mittlerweile auch bei den grauenhaftesten Fernsehnachrichten nahezu immun geworden sind. 20 Minuten verzweifelten Kampfes gegen den unausweichlichen Hirntod, beschrieben in der abstrakten Sprache der Medizin – man braucht wohl das Theater, damit so etwas in die Eingeweide vordringt, damit einem schlecht wird, damit die Botschaft mal wieder rüberkommt: Was wir da zulassen, ist zutiefst inhuman – und zur Verhinderung solcher Zustände sollte uns nichts zu teuer sein.

Zweiter Akt auf der Hinterbühne

Zwischendurch zog man im Großen Haus vom Zuschauerraum auf die Hinterbühne um, fielen aus Alu gefaltete Spielzeugschiffchen durch Europaletten, wurde ein Gedicht rezitiert („Das Schiff zerscheitert itzt, und mir ist nichts geschehn / Weil ich dem Sturme nur vom Ufer zugesehn“), schoben sich als Rezitativ Opernarien ins Geschehen, hantierten die Schauspieler mit Insignien der Macht: Kaffeebecher und Aktenordner, in Brüssel ebenso wichtig wie im verhauten Büro der Guardia Frontera auf Lampedusa, wo angeschwemmt, erfasst und weitergeleitet wird, was die Überfahrt überlebt hat, den Europaletten gleich, die in den großen Häfen ankommen, beladen mit wichtigerer Fracht, deren Wert in Euro gemessen und nicht in Sozialkosten hochgerechnet wird.

„Das ersetzt viele Stunden Unterricht“, resümierte ein Oberstufenlehrer im anschließenden Publikumsgespräch – und so hatte es sich auch ein wenig angefühlt. Allerdings war man mit dieser Bemerkung dann auch schon wieder bei dem Thema, das alle Theaterelemente des Friedensfestes ungewollt mit sich rumschleppen mussten: Brauchen wir für sowas eigentlich ein Theater, fragte Peter Bommas, einer der Kritiker der städtischen Sanierungspläne, aus dem Publikum, wäre dieses Stück nicht besser in den Schulen aufgehoben, dort, wo es ein Publikum erreicht, das nicht zu den eh schon Überzeugten gehört? Kroesingers Argumente waren so wenig überzeugend wie der Umzug auf die Hinterbühne: Das Theater sei der Ort „an dem eine Gesellschaft über sich selbst reflektieren kann“, und außerdem brauche man eben gutes Licht und gute Akustik für solch komplexe Themen. Es gibt natürlich genügend Beispiele von Bühnen, die ihre Häuser verlassen und mit Erfolg nicht nur in Schulen, sondern überall dorthin gehen, wo das Publikum ist – gute Akustik hin oder her.

Familienaufstellung im Hoffmannkeller

Am zu großen Projekt verhoben: das „theater.interkultur“ (Foto: theater.interkultur).

Am zu großen Projekt verhoben: das „theater.interkultur“ (Foto: theater.interkultur).


Mit deutlich weniger Professionalität widmete sich wenige Tage später das „theater.interkultur“, ein Projekt der Volkshochschule, der Flüchtlingsthematik. Mit „Verbrennungen“ des kanadisch-libanesischen Schriftstellers Wajdi Mouawad hatte sich das Team, das ausschließlich aus Laien-Darstellern besteht, heftig übernommen. 16 Schauspieler, allesamt engagiert und voller Eifer, beseelt und ausgefüllt von ihren Rollen, mühten sich mit einem viel zu komplexen, viel zu langen Text ab, der sich im Hoffmannkeller über mehr als zwei Stunden hinzog und mit dem auch ein professionelles Team seine Mühe gehabt hätte. Nicht nur radikale Kürzung wäre hier notwendig gewesen. Die anspruchsvolle Konstruktion des Stücks, das auf mehreren Zeitebenen spielt, hätten Dramaturgie und Regie auf ein stark reduziertes Konzept vereinfachen müssen – stattdessen holten sie die mehreren Ebenen teilweise gleichzeitig auf die Bühne. Das Geschehen dort ähnelte dann oft eher einer Familienaufstellung: Statisch positionierten sich Gruppen um denjenigen Darsteller, der gerade Text aufzusagen hatte. Dabei wurde regelmäßig viel zu schnell und oftmals auch viel zu hölzern gesprochen, waren die Übergänge zu schnell und zu kurz – wurde schließlich auch das Publikum überfordert, bleib viel zu wenig Zeit zum Verstehen und Reflektieren.

Dabei ist Mouawads Stück in mancher Hinsicht ein regelrechter Krimi – eine entsetzliche Geschichte, die von Vertreibung, Folter, Vergewaltigung und der Zerstörung einer Frau handelt, von der Vererbung einer Gewaltbiographie auf die Nachkommen, von generationenübergreifender Zerstörung – die Verfilmung unter dem Titel „Die Frau, die singt – Incendies“ war für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Man möchte dem vitalen, überaus engagierten Team aus Augsburger Laiendarstellern mit Migrations¬hinter¬grund wünschen, dass es sich vor seinem nächsten Projekt besser beraten lässt und nicht ein Stück wie dieses auswählt, das unter den bestehenden Voraussetzungen praktisch unspielbar war. Und, nicht zu vergessen: Beim Hinausgehen wieder die Stimmen anderer Besucher, denen die Aufführung als Beweis dafür dienst, dass das Theater Augsburg seine Tore für andere Produktionen und Ensembles öffnen müsse – und dies bereits eifrig tue.

Große Oper auf kleiner Brechtbühne

„Zaide“-Regisseurin Julia Huebner (Mitte mit Mikrofon) mit Ensemble beim Publikumsgespräch nach der Vorstellung (Foto: Frank Heindl).

„Zaide“-Regisseurin Julia Huebner (Mitte mit Mikrofon) mit Ensemble beim Publikumsgespräch nach der Vorstellung (Foto: Frank Heindl).


Den Abschluss der Flüchtlingsthemen im Theaterprogramm des Friedensfestes bildete „Zaide“ – ein Projekt um die im Thema überaus engagierte Sängerin Cornelia Lanz (siehe DAZ-Bericht „Was, wenn es nicht besser wird?“). Gleich vornweg: Die Premiere am vergangenen Donnerstag rechtfertigte größtenteils die hohen Erwartungen. Regisseurin Julia Huebner arbeitete mit einem gemischten Team aus Profis und Laien: Auf dem engen Spielraum der Brechtbühne bewegte sich eine große Teilnehmerschar aus Orchestermusikern, arabischen und afrikanischen Musikern, Opernsängern, Schauspielern, Sprechern und Tänzerin. Das Konzept von Produktionsleiterin Lanz: Sie verwendete das kurze Opernfragment „Zaide“ von Wolfgang Amadeus Mozart als Textgrundlage, beließ die wenigen Arien und musikalischen Zwischenspiele im Original und wob drum herum eine Geschichte von Flucht und Vertreibung.

Bis zur Pause funktionierte dieser Plan prächtig. Mozarts Oper handelt, kurz zusammengefasst, von Liebe, Freiheitsdrang und Fluchtversuch der Sultans-Sklavin Zaide. Lanz konfrontiert nun die schönen, hehren Worte der Arien mit der Wirklichkeit der Flüchtlinge aus Augsburg, die im Stück mitspielen. „Ruhe sanft, mein holdes Leben, schlafe, bis dein Glück erwacht“, singt Zaide ihrem Geliebten Gomatz vor. Doch sein Problem – und das vieler Flüchtlinge – ist die Schlaflosigkeit. Flüchtlinge aus der Darstellerschar erzählen nun von deren Ursachen: Fluchttrauma, Verfolgungsangst, Sehnsucht nach den zurückgelassenen Familienangehörigen … Begleitet werden diese Aussagen vom klassischen Orchester „Ensemble Zuflucht“ (rekrutiert aus „Freiwilligen“ von München über Augsburg bis Stuttgart), aber auch und in nahtlosem Übergang von dem Trommlertrio „Voice of Africa“ und einem arabischen Ensemble aus Sass, Oud und Harmonium.

Die Sage vom mörderischen Drachen wird erzählt und getanzt

Was in den musikalischen Übergängen passiert, ist nicht mehr neu, seit im Genre „Worldmusic“ genau diese Verschmelzung vielfältig praktiziert wird: Die Klänge gehen ineinander auf, ergänzen sich, verfremden sich, schaffen Bewusstsein für eine vielsprachige, vieldialektische Verständigung in der Weltsprache Musik – und dafür, dass die Entfernungen, die diese Stile voneinander trennen, keine Welten sind. Verbindendes Element zwischen den musikalischen Elementen und den inhaltlichen Aspekten von Flucht, Vertreibung und Exil ist die Drachensage, die im Laufe des Abends erzählt und weiterentwickelt wird. Der Drache, vor dem die Migranten geflohen sind, ist vielgestaltig, tritt mal als Rechtlosigkeit, mal als (Bürger-)Krieg, mal als purer Hass auf – und breitet seien Schwingen, unter anderen Namen, auch schon über dem Zufluchtsland aus. Großartigste Szene des Abends: Die Nigerianerin Esther Jacobs-Völk tanzt ihre Version der Sage, teilt verzweifelte Hiebe aus gegen den übermächtigen Feind und steckt brutale Schläge ein.

Jubelnden Applaus gab es schon zur Pause – danach verlor das Stück ein wenig an Konsistenz. Im zweiten Akt zeigt es in durchaus sinnfälliger Verkehrung der Rollen deutsche Flüchtlinge in einem arabischen Land. Jetzt wird fürs Publikum plötzlich die Leinwand mit den Textübersetzungen wichtig – denn nun sind es die Deutschen, die in unverständlicher Sprache angebrüllt werden, die die Schriftzeichen auf Formularen nicht entziffern können, mit Junkfood abgespeist werden, während der Fernsehkoch die Zubereitung einheimischer Spezialitäten zelebriert, nun müssen sie sich „Das Boot ist voll“-Sprüche anhören und sich Sozialschmarotzertum vorwerfen lassen, geduckt und voller Angst, zurückgeschickt zu werden. Schade, dass das Stück hier ein wenig in Parodie und Kabarett abgleitet. Schade auch, dass die Regie dann den appellativen Charakter übertreibt, indem auf der Texttafel nicht mehr Übersetzungen zu lesen sind, sondern aktuelle Daten über Grenzzäune und Flüchtlingsdaten. Das hatten wir doch schon bei Kroesinger zu Genüge.

Großartiger, bedrückender Schluss

Großartig trotzdem der bedrückende Schluss, als nach und nach alle Flüchtlinge von brüllenden Aufsehern von der Bühne geschleppt werden, als schließlich auch die Orchestermusiker mit unmissverständlichen, rohen Gesten hinausgeworfen werden und als schließlich auch der Klang des afghanischen Harmoniums erstirbt, während ein Musiker rüde zur Tür geschubst wird. Mit dem Projekt „Grenzen dicht“, so die Botschaft, wird nicht nur die „fremde“, sondern auch die „abendländische“ Kultur, auch „unser“ Mozart vertrieben. Am Ende also enges, bedrohliches Schweigen auf der Bühne. Und danach verdienter, lang anhaltender Applaus.