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Mittwoch, 17.04.2024 - Jahrgang 16 - www.daz-augsburg.de

Kinderbuch

Diversity-Check in der Kinderbuchabteilung der Stadtbücherei

Nach der Umbenennung des Hotels Drei Mohren und der Neuausrichtung der Ausstellung im Fugger und Welser Museum stellt sich auch die Augsburger Stadtbücherei der Rassismus- und Diskriminierungs-Debatte, was sich in dem Diversity-Check ihres Kinderbuch Sortiments niederschlägt.

Von Udo Legner

Bei der Präsentation der Projektergebnisse des Hallo Vielfalt – Diversity-Check Projekts verwies Stadtbücherei- Leiterin Tanja Fottner darauf, dass sich bereits die Veranstaltungsreihe  „Respekt! Augsburg lebt Vielfalt“, eine Kooperation zwischen der Stadtbücherei Augsburg und dem Büro für gesellschaftliche Integration der Stadt Augsburg, mit dem Thema postkoloniale Perspektiven befasst hatte.

Diversity-Check für Kinderbücher

In Kooperation mit der Hochschule Augsburg und unter Federführung von Dr. Simon Goebel, Professor für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Diversität an der Hochschule Augsburg, wurde die Kinderbuchabteilung von zwölf Studenten des Studiengangs Soziale Arbeit einem Diversity-Check unterzogen. 

Nach Professor Goebel verlange der Zeitgeist nach neuen Maßstäben –  insbesondere, wenn es um Lektüreempfehlungen von Kinderbüchern gehe. Konsens bestehe nämlich darin, dass Kinderbücher mittels ihrer Identifikationsfiguren ganz maßgeblich zur Vermittlung von Werten und Haltungen beitragen. Deshalb sei es so wichtig, dass Kinderbücher die Vielfalt der Gesellschaft abbildeten und Diversität eher als Regel denn als Ausnahme beschrieben. Nur so könne verhindert werden, dass sich nicht weiße Leser verletzt und ausgegrenzt fühlten. 

Mit viel Herzblut und Engagement erklärten die Studenten die Vorgehensweise bei ihrem Diversität-Check. Bei ihrer rassismuskritischen Bewertung hatten sie sich streng an einen im Vorfeld erarbeiteten Kriterienkatalog gehalten.

Dass Michaels Ende Kinderbuch-Klassiker Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer hierbei die schlechteste Note erhielt, beruht nicht nur auf den Gebrauch des N-Worts, sondern unter anderem auch auf der despektierlichen Bewertung von Jims Hautfarbe, die wiederholt mit Schmutz verglichen wird. Am Ende der Präsentation wurden die Bücher „Bleibt der jetzt für immer“ von Lauren Child und Ganz normal, oder? von Tom Perzival als Paradebeispiele angeführt – beide mit der bestmöglichen Bewertung. Letzteres vermittelt, dass Normalitätsvorstellungen ausgrenzend sein können und dass es nicht die eine Normalität gibt. Fazit: So werden junge Leser dazu gebracht, sich selbst so wertzuschätzen wie sie sind.

Sensiblisierungs- statt Verbotskultur

Der größte Pluspunkt des Vielfalt-Checks der Augsburger Stadtbücherei: Es gibt weder eine Brandmarkung noch eine Ausgrenzung oder gar eine Aussortierung der gecheckten Bücher. Ganz im Gegenteil: Wer sich eines der bewerteten Bücher ausleiht, der findet lediglich einen Aufkleber auf der Rückseite des Buches mit einem QR-Code. Nur wer diesen einscannt, gelangt auf eine Internetseite mit rassismuskritischer Bewertung und Kommentar. Im Idealfall führt dies dazu, dass Eltern beim Vorlesen mit ihren Kindern kritische Punkte besprechen und so verhindern, dass Stereotypen übernommen werden.

Es bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen dieser Vielfalt-Check in und außerhalb der Stadtbücherei haben wird.