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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Die Verödung der Innenstadt beginnt in den 70er Jahren

Die Vielfältigkeit und der kulturelle Reichtum einer Stadt ist gekoppelt mit historischen Institutionen und der Wirtschaftskraft der Region. Münchens Museen, Opern, Theater sind demnach der Bildungsbereitschaft der Wittelsbacher und dem Erfolg von BMW und Siemens zuzuschreiben. Das war einmal. Nach dem Ende des Industriezeitalters wird andersherum ein Schuh daraus: Kultur ist längst nicht mehr Produkt und Nebeneffekt, sondern Voraussetzung für Wirtschaftskraft und Institutionsbildung. Spätestens seit das abgehängte Bilbao wegen eines spektakulären Guggenheim-Museums auf der Landkarte bedeutsamer Städte einen vorderen Platz eroberte, haben Kommunalpolitker die Botschaften einer modernen Stadtentwicklung im Sinne Richard Floridas begriffen – könnte man meinen.

In Augsburg sieht es nämlich anders aus. Der „Donut-Effekt“, der bereits in den frühen 70er Jahren einsetzte, wird in der Brechtstadt weiter betrieben, als ginge es bei der Augsburger Stadtentwicklung systematisch darum, die Augsburger Innenstadt „von wichtigen Funktionen zu entleeren“, wie Dr. Helmut Gier in seinem DAZ-Essay schreibt. Das jüngste Beispiel ist die Freilichtbühne am Roten Tor, die in den 70er Jahren mit zirka 60 Vorstellungen pro Saison bespielt wurde. Nach einem Rechtsgutachten beschränkt sich die Nutzung nur noch auf das Stadttheater, womit die Anzahl der Vorstellungen deutlich reduziert wurde. Dass die künstlerische und kulturelle Verödung der Kernstadt Augsburg bereits in den späten 60er Jahren mit Standortverlagerungen wichtiger Instititutionen an die Peripherie begann, gehört zu der erstaunlichen Geschichte des Bedeutungsverlustes der Augsburger Innenstadt.

Wie der Bedeutungsverlust der Augsburger Innenstadt begann und wie man diesen Prozess wieder stoppen könnte

Von Dr. Helmut Gier

Zu Fuß konnte ein OB in den 70ern die wichtigen Institutionen erreichen

Zu Fuß konnte ein OB in den 70ern die wichtigen Institutionen erreichen


In der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen der Industrie- und Handelskammer aus dem Jahre 1969 prangt gegenüber dem Titelblatt noch stolz ein großes farbiges Aquarell des Köpfhauses, das damals das Quartier der IHK war. Vier Jahre später verlegte die Kammer ihren Sitz in einen Neubau an der Stettenstraße, wo sie heute noch residiert. Das Köpfhaus, eines der prachtvollsten Augsburger Bürger- und Patrizierhäuser, sucht immer noch nach einer wirklich adäquaten Verwendung. Um dieselbe Zeit zog das nebenan gelegene Stetten-Institut in den neuen Schulkomplex Am Katzenstadel um, damit das alte Gebäude abgerissen werden und an seiner Stelle ein großes Kaufhaus, der heutige Karstadt, errichtet werden konnte. Zwei Jahre vorher war bereits das nahe Gymnasium bei St. Anna von seinem jahrhundertealten Standort im Annahof in einen Neubau an der Schertlinstraße verlegt worden.

Die Jahre um 1970 stellen somit den ersten großen Scheitelpunkt dar, in dem der schleichende Funktions- und Bedeutungsverlust der Kernstadt Augsburg beginnt. Bei der immer wieder aufflammenden Diskussion um die Attraktivität und Lebendigkeit der Augsburger Innenstadt bleibt dieser Aspekt der Verödung des Stadtkerns durch die Verlagerung von Bildungs- und  Verwaltungseinrichtungen meist unberücksichtigt, da sich die Debatte „nur noch“ um die Entwicklung des Einzelhandels oder bestenfalls noch um die Standorte der Gastronomie dreht.

Als gäbe es einen von unsichtbarer Hand festgelegten Masterplan, die Innenstadt immer mehr von wichtigen Funktionen zu entleeren

Urbanes Leben in der alteuropäischen Stadt entsteht aber immer durch die enge Verflechtung der verschiedenen Bereiche von Politik, Verwaltung, Justiz, Wirtschaft, Handel, Bildung und Kultur. – Rathäuser, Gerichtspaläste, Zunfthäuser, Markthallen, Gymnasien, Bibliotheken und Theater künden als Zeugen von diesem  Neben- und Miteinander. Die enge Nachbarschaft wurde schon durch die Lage innerhalb der Befestigungen und Stadtmauern erzwungen. Im Rückblick auf die letzten 50 Jahre Stadtentwicklung in Augsburg scheint es aber, als gäbe es noch in höherem Maße als andernorts einen von unsichtbarer Hand festgelegten Masterplan, die Innenstadt immer mehr von wichtigen Funktionen zu entleeren, immer mehr Institutionen an die Ränder zu verlegen oder gleich dort anzusiedeln.

Jemand, der in den sechziger Jahren (oder früher) in dieser Stadt Abitur gemacht hat, weiß noch, dass es Gymnasien bis zu dieser Zeit im gesamten Großraum Augsburg von Schwabmünchen bis Meitingen nur im innersten Bezirk der Stadt Augsburg gab, außerhalb des historischen Stadtkerns jenseits des einstigen Mauerrings lagen damals nur das Jakob-Fugger-Gymnasium und Maria Stern. Das bedeutete aber, dass nicht nur alle Schüler der künftigen Bildungselite aus dem Umland täglich am innerstädtischen Leben teilnahmen, sondern auch ihre Eltern zu Sprechstunden, Klassenabenden und Schulveranstaltungen die Kernstadt aufsuchten und damit belebten. Die älteren Augsburger werden sich noch daran erinnern, welche Menschenmengen, darunter natürlich viele Gymnasiasten, damals den Königsplatz sowie die angrenzenden Straßen und Gassen rund um den „Pilz“ als Mittelpunkt zur Mittagszeit bevölkerten.

Wichtige Institutionen entfernten sich im Lauf der Zeit vom Zentrum …

Mit der Aufnahme des Unterrichtsbetriebs in den Gymnasien der angrenzenden Städte Neusäß, Friedberg, Königsbrunn, Gersthofen und im Augsburger Stadtteil Hochzoll in den Jahren zwischen 1965 und 1976 änderten sich die Wanderungsströme der Bildungselite grundlegend, mit den neuen Gymnasien in Mering und Diedorf setzt sich diese Entwicklung fort, sodass der weitaus größte Teil der Gymnasiasten und ihrer Eltern in der Region nur noch sporadisch die Kernstadt als Ort des Einkaufens und Ausgehens aufsuchen.

Der Verlust an Zentralität in der eigentlichen Innenstadt beschränkt sich aber nicht auf das Bildungswesen, sondern erstreckt sich auch auf Wirtschaft und Verwaltung. Sie begann mit der genannten Verlagerung der Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer für Schwaben hat es ihr jetzt vor einigen Jahren mit dem Umzug an den Rand des Siebentischwalds nachgemacht.

Das hat dazu beigetragen, dass das ganze ursprüngliche Areal zwischen Schmiedberg und Leonhardsberg zum städtebaulichen Problemfall geworden ist. Wichtige Institutionen entfernten sich im Lauf der Zeit vom Zentrum: das Arbeitsamt zog von der Sieglindenstraße in die Wertachstraße, das Finanzamt Augsburg-Land vom Fronhof in die Sieglindenstraße, die Volkshochschule vom Zeughaus vor das Vogeltor, das Polizeipräsidium und das Strafjustizzentrum von der Frölichstraße und dem Alten Einlass in Richtung Göggingen. Standen früher bei überregional bedeutenden Prozessen die Ü-Wagen gegenüber dem Stadttheater und konnten Journalisten bei Pausen am urbanen Leben teilnehmen, erleben sie heute eine gesichtslose Vorstadt. Die Deutsche Rentenversicherung verlegte ihren Sitz in einen Neubau in Oberhausen, an ihrer einstigen Stätte. Am Katzenstadel befindet sich jetzt das früher unweit vom Königsplatz gelegene alte Einwohnermeldeamt. Dass von hier aus noch ebenso viele Besucher in die großen Kaufhäuser oder den Stadtmarkt gehen, ist unwahrscheinlich.

… nur die Vertreter der großen Kirchen halten der Kernstadt noch die Treue

Einen großen Verlust für die Vielfalt städtischen Lebens im Zentrum bedeutete auch der Umzug der Augsburger Allgemeinen im Jahre 1981 von der Ludwigstraße nach Lechhausen. Konnte so ein Oberbürgermeister in den frühen siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts viele wichtige Persönlichkeiten in Augsburg wie den Bischof, den Chefredakteur der großen Zeitung am Ort oder die Präsidenten der Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer noch auf einem gemächlichen Rundgang zu Fuß durch die Innenstadt erreichen, muss er sich heute schon kreuz und quer durch die Stadt fahren lassen.

Nur die Vertreter der großen Kirchen halten zum Glück der Kernstadt noch die Treue. Gotteshäuser lassen sich auch nicht so ohne weiteres versetzen. Die ursprüngliche räumliche Dichte unterschiedlicher Existenzweisen und sozialer Beziehungen, die für ein lebhaftes Umfeld in der Mitte Augsburgs sorgte, kann durch immer mehr Geschäfte und Gaststätten nicht ausgeglichen werden. Bezeichnend ist dafür, dass das ehemalige Gebäude der Augsburger Allgemeinen mittlerweile weitgehend leer steht, auch hier konnte eine schlüssige Verwendung auf Dauer nicht gefunden werden.

In der Summe ergeben die angeführten Verlagerungen, Umzüge und Neugründungen einen großen Exodus

Der Glaube, dass die riesige Fläche zwischen Dom und St. Ulrich sowie dem Bahnhof und der Altstadt immer nur mit Einzelhandel und Gastronomie bespielt werden kann, ist jedenfalls eine Illusion, erst recht nachdem eine große Shopping-Mall am Rande dieses Gebiets errichtet wurde.

In der Summe ergeben die angeführten Verlagerungen, Umzüge und Neugründungen einen großen Exodus aus der Augsburger Innenstadt, der natürlich im Trend allgemeiner Stadtentwicklungsprozesse liegt und für den es im Einzelfall immer gute Gründe gibt. Insgesamt vollzog er sich aber mit besonders hoher Intensität, was dazu führte, dass die Frequenz an Passanten in der Innenstadt niedriger ist, als es der Größe der Stadt und Region angemessen wäre.

Denn leicht wird übersehen, dass für die Dichte des urbanen Lebens nicht nur die Anziehungskraft einer Stadt als Ort zum Einkaufen entscheidend ist, sondern auch wie viele Menschen einfach schon aus anderen Gründen da sind. Umgekehrt ist es eher so, dass Leute, die in der Innenstadt arbeiten, ihren Geschäften nachgehen oder auch wohnen, Dienstleitungen in Anspruch nehmen, Behörden aufsuchen, Prozesse führen oder sich weiterbilden und amüsieren, auch am regelmäßigsten die Einkaufsmöglichkeiten und gastronomischen Angebote nutzen.

Das Museum für Moderne Kunst wurde im Niemandsland angesiedelt

Jede Verlagerung von Institutionen, Firmensitzen und Behörden ist in diesem Zusammenhang der Entwicklung der Kernstadt nicht förderlich. Um sich bewusst zu machen, welch hohe Intensität diese Veränderungsprozesse in Augsburg erreicht haben, genügt schon ein Blick nach München: das Polizeipräsidium befindet sich dort unverändert mitten in der Altstadt gegenüber der Frauenkirche, das traditionsreiche Wilhelmsgymnasium ist noch am selben Standort wie vor 150 Jahren. Dass die großen Ministerien und selbst ein Weltkonzern ihren Sitz in der Kernstadt haben, sei wenigstens erwähnt. Neue Museen wie die Pinakothek der Moderne wurden dort wenigstens fußläufig zum Zentrum errichtet, während in Augsburg das Museum für Moderne Kunst im Niemandsland angesiedelt wurde. In München wurde das Literaturhaus 1997 im Herzen der Altstadt am Salvatorplatz eröffnet, das Augsburger Kulturhaus Abraxas befindet sich seit 1995 am Rande Kriegshabers. Mit dem Gaswerk, dem Bahnpark und einem Römermuseum am Pfannenstiel dreht sich die Diskussion um weitere Kulturstandorte, die fernab vom Zentrum liegen. Positive Gegenbeispiele, die zu einer Aufwertung und Belebung des Zentrums beitragen, wie der neue Sitz der Patrizia Immobilien AG gibt es leider nur wenige.

Augsburg verfügt über ein enormes historisches Kapital in Form Stein gewordener Geschichte, deren Prestige und Strahlkraft noch mehr entfaltet werden muss

Gesamteuropäische Entwicklungen wie die Verlagerung von Kaufkraft in die Einkaufszentren an der Peripherie sind nicht rückgängig zu machen. Möglichkeiten damit umzugehen, bestimmten Prozessen entgegenzuwirken, gibt es aber schon. Dazu muss aber jede Möglichkeit ergriffen werden, das Zentrum zu stärken. Im Vergleich zu vielen gesichtslosen Innenstädten verfügt Augsburg immerhin über ein enormes historisches Kapital in Form Stein gewordener Geschichte und alter Bausubstanz, deren Prestige und Strahlkraft noch mehr entfaltet werden muss. Wenn schon die Attraktivität der Einkaufsstadt durch die immer stärkere Konzentration in und außerhalb der Kaufhäuser auf Bekleidung, Schmuck und Kosmetika leidet und viele Gebrauchsgegenstände wie Hammer, Dübel und Elektroartikel in der City gar nicht mehr zu bekommen sind, muss erst recht die urbane Vielfalt unterschiedlicher Nutzungen gestärkt werden.

Niemand begibt sich nur deshalb irgendwo hin, weil die Verkehrsverbindungen gut sind oder der Straßenbelag sich angenehm anfühlt. Der atmosphärische Reiz der Innenstadt gegenüber den Einkaufszentren an der Peripherie, dass sich dort die Menschen eben nicht nur zum Einkaufen aufhalten, aber immer auch potentielle Kunden sind, muss wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Zielführend ist dabei sicher nicht, wenn ständig darüber nachgedacht wird, welche neuen Einrichtungen am Stadtrand entstehen und dabei dem Verfall der historischen Gebäude achselzuckend zugesehen wird.

Die  Anstrengungen müssen in Zukunft vermehrt darauf gerichtet sein, wo immer sich die Möglichkeit ergibt, weiteren Verlagerungen entgegenzusteuern und eine vielfältige dichte Mischung von Handel, Konsum, Dienstleistungen, Verwaltung, Bildung und Kultur zu erhalten und zu stärken.



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