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Mittwoch, 13.11.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

Die Stadt Augsburg ist ein Teil der olympischen Idee

Warum der „Stein des Anstoßes“ etwas Großes ins Rollen bringen sollte

Von Siegfried Zagler

Gedenkstein am Fuß des Mastes, auf dem einst das olymische Feuer brannte

Als am 28. August 1972 Karl Heinz Englet in Augsburg das olympische Feuer entzündete, hielten 30.000 Menschen am Eiskanal, der an diesem Tag zur „Olympischen Kanustrecke“ wurde, den Atem an. Bundeskanzler Willy Brandt und Franz Josef Strauß saßen zusammen mit dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage und Wille Daume, dem Vorsitzenden des Nationalen Olympischen Komitees auf einer speziell für dieses Ereignis gebauten Ehrentribüne; mittendrin: Augsburgs Oberbürgermeister Hans Breuer und sein Vorgänger Wolfgang Pepper. Augsburg wurde an diesem Tag ein Teil der Olympischen Spiele.

Die Olympischen Spiele in München haben sich stärker als jedes andere Sportereignis in das kollektive Gedächtnis der Moderne gebrannt. Der Anschlag auf die olympische Familie und das Blutbad auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck zerstörten den Traum von heiteren und friedlichen Spielen. Heute werden diese Ereignisse als Wendepunkt der deutschen Nachkriegsgeschichte dargestellt. Die Olympischen Spiele 1972 sind zur Chiffre für den Beginn des internationalen Terrorismus geworden.

„The Games must go on“ war damals eine schmerzvolle und für viele eine unerträgliche Antwort. Vierzig Jahre später ist festzuhalten: Es war die richtige Antwort. München 72 war eine Tragödie. Und es waren zugleich Olympische Spiele, die im kollektiven Gedächtnis der Generationen 50 + x als großes Sportereignis hängen blieben. Ulrike Meyfarth, Heide Rosendahl, Mark Spitz, Walerij Borsow, Klaus Wolfermann vs. Janis Lusis, das Basketball-Endspiel und viele andere Wettkämpfe sind in der Erinnerung präsenter als die Stunden des Entsetzens und der Trauer.

Die Bedeutung der Teilhabe an den Olympischen Spielen noch nicht richtig begriffen

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Spärlicher Hinweis auf eine große Geschichte: Schild in trister Umgebung


In Augsburg wurde der Kanuslalom 1972 als neue olympische Disziplin eingeführt. Es gab vier Wettbewerbe, die alle von Athleten eines Landes gewonnen wurden, das man damals „Deutsche Demokratische Republik“ nannte. Der Kalte Krieg ist bekanntermaßen vorbei und dennoch erinnert nach 40 Jahren nur noch ein Schild in trister Umgebung an die damaligen Medaillengewinner. Ein verwittertes Schild, das an dieser Stelle bereits 1973 angeschraubt wurde. Dass es auf der gesamten Strecke nur sehr spärliche Hinweise dafür gibt, dass Augsburg einmal Olympia-Stadt war, ist ein weiteres Symptom für eine für eine traurige Diagnose: In Augsburg hat man die Bedeutung der Teilhabe an den Olympischen Spielen 1972 auch nach 40 Jahren noch nicht richtig begriffen. Die Stadt Augsburg hätte als Mitausrichter die Pflicht, dieses Erbe zu pflegen. Geschehen ist in dieser Hinsicht in den letzten 40 Jahren so gut wie nichts.

In diesem Zusammenhang war und ist der Beschluss des Sportausschusses im März 2012, sich gegen eine Hinweistafel in Sachen Olympisches Feuer zu positionieren, eine Entscheidung, die beinahe im wahrsten Sinne des Wortes zurecht viel Staub aufgewirbelt hat, und somit dem Ansehen der Stadt Augsburg geschadet hat. Augsburg ist eine international hoch angesehene Stadt des Kanusports – und es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass Karl Heinz Englet vor und nach den Olympischen Spielen 72 dazu mit großem Engagement beigetragen hat. Gegen den so genannten „Englet-Gedenkstein“ gibt es nichts einzuwenden, außer vielleicht, dass er viel zu klein ausgefallen ist und dass es längst an der Zeit wäre, dieses Gelände, das in seiner Schönheit und in seiner sportlichen Leistungsfähigkeit in 40 Jahren wenig eingebüßt hat, seiner historischen Relevanz entsprechend auszustaffieren. Ob eine Stadt sich im Glanz und Elend der Olympischen Idee reflektieren soll oder nicht, hängt im Prinzip an einer Qualität, die sich mit „Kultur des Erinnerns“ umschreiben lässt. Wer wir sind und wohin wir uns entwickeln wird davon bestimmt, woran wir uns erinnern. Im Kontext der Sportausschussentscheidung, keinen „personifizierten Gedenkstein“ zuzulassen, sind viele Dinge geschehen, gesagt und geschrieben worden, die den Sportausschuss und seinen Vorsitzenden Peter Grab zu einem städtischen Gremium der „besonderen Art“ gebrandmarkt haben.

Das Zünglein an der Waage gibt es im Stadtrat nicht

Sportreferent Peter Grab, Pro Augsburg und die Opposition versuchten zu verhindern, dass der ehemalige Weltklasse-Kanute Karl Heinz Englet im Licht der olympischen Idee sichtbar wird. Sie sahen und sehen in Englet zuvorderst einen politischen Konkurrenten, der 2014 seinen Hut für die CSU in den Ring wirft. Alle Argumente der Gegner dieser Hinweistafel sind vorgeschoben und nicht ernst zu nehmen. Der Hinweis, dass Englet im Stadtrat seine „Zünglein-an-der-Waage-Rolle“ ausspiele, um Lobbyismus für „seine Sache“ zu betreiben, ist allein schon deshalb falsch, weil es diese Rolle im Stadtrat nicht gibt. Die Opposition hat seit der schweren Erkrankung von Karin Egetemeir eine Stimme weniger. Rechnerisch hätte somit das Regierungslager zwei Stimmen mehr, doch ein Regierungslager gibt es ohnehin nur noch auf dem Papier. Und wenn sich die Grünen darüber aufregen, dass sich Englet dafür einsetze, dass Kanu Schwaben – nicht den Sportförderrichtlinien entsprechend – pauschal bezuschusst werden solle, dann sollten sie auch erklären, warum der ehemalige Finanzreferent Gerhard Ecker (SPD) – der damals auch für den Sport zuständig war – 2005 eben genau diese pauschale Bezuschussung in Höhe von 18.000 Euro pro Jahr während der Regenbogenära verfügt hatte.

Sportausschuss wird zum „Bananenausschuss“

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Den Stein erst enthüllt, dann sein Verschwinden verfügt: Sportreferent Peter Grab (links)


Es gehört natürlich eine Portion Unverfrorenheit dazu, einen Beschluss eines städtischen Gremiums zu ignorieren, um genau das zu tun, was der Ausschuss untersagt hatte: einen personifizierten Stein zu platzieren. Nicht aber die breite Brust Horst Woppowas hat den städtischen Sportausschuss zu einem „Bananenausschuss“ degradiert, sondern der Ausschuss hat sich diese Zuschreibung selbst erarbeitet. Peter Grab erfuhr am 12. September kurz vor der Enthüllung von dem personifizierten Stein. Augsburgs 3. Bürgermeister und Sportreferent Peter Grab wurde von Hermann Weber eingeweiht, der vorher Bescheid wusste. Hermann Weber vertrat als 2. Bürgermeister OB Kurt Gribl, der wohl, wenn er nicht im Urlaub gewesen wäre, das Gleiche wie Hermann Weber getan hätte: den Stein enthüllt, eine Rede gehalten, um hinterher mit den erfolgreichen Kanusportlern der Londoner Spiele zum Buffet zu schreiten. Auch Peter Grab hat an der normativen Kraft des Faktischen mitgewirkt. Er hat sich an der Enthüllung beteiligt und hat sich anschließend zum Buffet begeben, um drei Wochen später, am 2. Oktober, als Vorsitzender des Sportausschusses zu verfügen, dass dieser Stein wieder verschwinden müsse.

Oberbürgermeister Kurt Gribl hat am 4. Oktober diese Verfügung kassiert. Der Sportausschuss wurde von allen Bürgermeistern der Stadt Augsburg blamiert. Aus dieser schwierigen Lage könnten alle Beteiligten ohne Gesichtsverlust nur dann herauskommen, wenn man das groteske Theater um den „Englet-Gedenkstein“ in eine Offensive für einen angemessenen Ort der Erinnerung verwandelt. Die Augsburger Kanustrecke gehört mit zu den interessantesten Orten der Stadt. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Streit um eine scheinbar kleine Sache etwas Großes ins Rollen bringt.