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Freitag, 27.05.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Die Spannung des Ungewissen

Stadttheater: Neuer Spielplan in Zeiten des Umbruchs

Von Frank Heindl

"Es geht noch heller": Cover des neuen Spielplans

"... es geht noch heller": Cover des neuen 120seitigen Spielplans


Mit Spannung hatte man den Spielplan des Stadttheaters für die Spielzeit 2010/2011 erwartet: Im nächsten Jahr stehen ungewöhnliche Veränderungen an, denen nur mit ungewöhnlichen Maßnahmen beizukommen ist. Am Dienstag stellten Intendantin Juliane Votteler und ihre Direktoren ihre Pläne vormittags der Presse, nachmittags dem Werkausschuss im Stadtrat und schließlich am Abend der Öffentlichkeit vor. Die Spannung allerdings bleibt – denn ob alles so kommt, wie die Theaterleitung es geplant hat, wird noch für längere Zeit offen bleiben.

Für Generalmusikdirektor Dirk Kaftan hat die „neue Zeit“ schon begonnen. Er hat mit seinem Orchester die wohl heftigste Überraschung der laufenden Spielzeit zu bewältigen. Die plötzliche Schließung seiner Hauptspielstätte, der Kongresshalle, machte schnelle Entscheidungen erforderlich: Man wich nach Gersthofen aus, und dem Vernehmen nach ist entgegen manchen Unkenrufen das Publikum (zumindest vorläufig) mitgekommen. Orchesterfans werden sich in der nächsten Spielzeit an den längeren Anfahrtsweg gewöhnen müssen. Den wird gerne bewältigen, wer Kaftans Programm mag – es ist auch in der kommenden Spielzeit gespickt mit reizvollen Ausflügen in die Moderne, ohne deswegen die „Klassik“ zu vernachlässigen.

Konzert: Jazz, jüdische Musik, Fußball

So gibt es ein Konzert, in dem Jazz und Sinfonie aufeinandertreffen – mit dem „Concerto für Jazz-Band und sinfonisches Orchester“ von Rolf Liebermann, der „Harlem Suite“ des Jazz-Komponisten Duke Ellington und Sergej Prokofjews 7. Sinfonie. Nicht nur die Begegnung mit dem Jazz ist Kaftan wichtig, auch die mit jüdischer Musik prägt ein ganzes Konzert: Den Klarinettisten Giora Feidman hat er für ein Konzert im Rahmen des Festivals der 1000 Töne gewinnen können. Und die Journalistin Elke Heidenreich wird ein Programm literarisch moderieren, in dem es um Militärisches von Haydn (1732-1809) bis Kagel (1931-2008) geht. All dies findet, wie gesagt, in der Stadthalle Gersthofen statt. Doch auch in Augsburg kann man das Philharmonische Orchester hören: Unter anderem auf der Freilichtbühne mit einer Revue zur Frauenfußball-WM und im Goldenen Saal mit zwei Sonntags-Matineen. Daneben gibt es natürlich wieder Kammermusikmatineen, und die Fans Neuer Musik werden sich darüber freuen, dass auch die ambitionierte Reihe „Zukunft(s)musik“ weitergeht. Last but not least: Dirk Kaftan hält an seinem Konzept fest, regelmäßig mit dem Orchester „auszuschwärmen“ – unter anderem in die Schulen. 15.000 Jugendliche werden am Ende der laufenden Spielzeit das Orchester gehört haben, das Projekt soll weitergehen.

Oper: Tristan in voller Länge – Aida nur konzertant

Oberndirektor Ralf Waldschmidt startet im Oktober in seine vierte Augsburger Spielzeit – es wird seine letzte sein, er geht anschließend als Intendant nach Osnabrück. Zuvor will er noch eine paar gewichtige Zeichen setzen. Richard Wagners „Tristan und Isolde“ dürfte ein solches sein – die zirka viereinhalbstündige Oper, die zu Wagners Zeiten zunächst als unaufführbar galt, wird man als Herausforderung für das Augsburger Ensemble betrachten können. An der Wiener Hofoper jedenfalls hat man das Projekt im Jahr 1865 nach 77 Proben – aufgegeben. Wagners Musik wurde schon damals als revolutionär bezeichnet, bis heute gilt, dass sie alle bis dahin vorhandenen Grenzen überschritt. Ein weiteres Mammutprojekt wäre – eigentlich – Giuseppe Verdis „Aida“. Doch Verdis Stoff, der immer wieder zu gigantisch-pompösen Inszenierungen inspiriert hat, kommt in Augsburg stark reduziert daher: Aufgrund der eingeschränkten Möglichkeiten und verkürzter Probenzeiten wird die Oper konzertant gegeben. Waldschmidt betont, der Musik Verdis werde diese Art der Darbietung womöglich nützen, denn so komme sie „prononcierter rüber“. Man sollte die Sache aber ruhig auch – ob so geplant oder nicht – als einen mahnenden Zeigefinger der Theaterverantwortlichen begreifen: So sieht Theater aus, wenn die Stadt sich nicht um ordentliche Spielstätten und hinlängliche Arbeitsbedingungen bemüht.

Schauspiel: Auf zu neuen Orten

Auch Schauspieldirektor Trabusch quälen gelegentlich Ängste bezüglich notwendiger, aber (noch) nicht vorhandener neuer Spielstätten. Er muss in der kommenden Spielplan ohne die Komödie auskommen, und ob der neue Container wie geplant im Januar steht, ist momentan schwer abzusehen. Trotzdem stehen 16 Produktionen mit Beteiligung des Schauspiels auf dem neuen Spielplan – elf davon sind Neuproduktionen. Zwei Stücke werden auf dem Dierig-Gelände gespielt, wo zusätzlich die überaus erfolgreichen „Weber von Augsburg“ weiterhin zu sehen sein werden. Im Großen Haus gibt es Tschechows „Kirschgarten“, Hebbels „Maria Magdalena“ und den „Besuch der alten Dame“ von Dürrenmatt. Nicht zu vergessen: Für den Besuchernachwuchs wird ab November Otfried Preußlers „Kleine Hexe“ gegeben. Wenn alles gut geht, wird Trabusch im Januar die erste Produktion im neuen Container zeigen können – es dürfte kein Zufall sein, dass mit „Mann ist Mann“ ein Brecht-Stück dafür vorgesehen ist, in der Brechtstadt Augsburg eine neue Spielstätte einzuweihen. Folgen wird im Container (ob sich für ihn dann wohl eine andere Bezeichnung einbürgern wird?) später noch John Osbornes „Blick zurück im Zorn“ – und im Sommer auf der Freilichbühne „Die Abseitsfalle“, eine „szenisch-musikalische Revue“, die im Rahmen der Frauenfußball-WM in Kooperation mit dem Kulturausschuss des DFB entsteht.

Mit Optimismus und Schutzhelm in die neue Spielzeit

Übrigens macht das Schmökern im neuen Spielplan auch aus anderen Gründen Spaß: Der Fotograf A.T. Schäfer hat die 120seitige Broschüre einem „Paradigmenwechsel“ unterworfen: Alle Protagonisten des Theaters wurden gerade nicht im Theater fotografiert, sondern in anderen Augsburger Kulturstätten von „tim“ über „H2“ bis zum Wasserwerk am Hochablass. Und Schäfer verzichtet bei seiner Fotoarbeit auf jede EDV-technische Nachbearbeitung: seine Fotos sind noch (und wieder) echte Handarbeit. Gekrönt werden sie von einer Bildfolge am Ende des Heftes: Sie zeigt noch einmal den skandalösen baulichen Zustand des Stadttheaters. Und ganz zum Schluss eine Direktorenmannschaft um Juliane Votteler, die der Misere mit Schutzhelmen trotzt, sowie einer gehörigen Portion Beharrungsvermögen und Optimismus, die sich im neuen Spielplan zeigen. Der Container wird wohl kommen, ob und wann die neue Spielstätte hinter dem Großen Haus und das generalsanierte Haupthaus selbst auf dem Spielplan der Stadt stehen, lässt sich derzeit kaum absehen. Für den Theaterbesucher könnte die Übergangszeit einen eigenen Reiz entwickeln: All der Zwang zur Improvisation, alle das Herumziehen zu neuen Spielstätten, und dann die veränderte Wahrnehmung der „altehrwürdigen“ Institution Stadttheater in ganz neuen Kontexten – das hat etwas ziemlich Spannendes. Als ewig unzufriedener augsburgerischer Zeitgenosse wird man das möglicherweise eines Tages sogar vermissen.