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Dienstag, 10.12.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

STAATSTHEATER

Die rote Zora: Das Meer gehört niemandem

Märchenstück des Theaters plädiert für mehr Gerechtigkeit

Von Halrun Reinholz

Katharina Rehn als Rote Zora © Jan-Pieter Fuhr

Kurt Helds Roman „Die rote Zora und ihre Bande“ schildert eine Welt, in der Kinder am Rand der Gesellschaft stehen und sich Gerechtigkeit verschaffen. Ein stets aktuelles Thema, das das Augsburger Staatstheater in seiner diesjährigen Inszenierung für Kinder und Familien in den Mittelpunkt stellt. Zora, wegen ihres roten Haarschopfes „Die rote Zora“ genannt (in der Titelrolle: Katharina Rehn – statt des Haarschopfs mit einer Kopfbedeckung versehen, die sich später als Tintenfisch entpuppt), steht als Außenseiterin an der Spitze einer Kinderbande, die sich das holt, was ihr die Gesellschaft verwehrt, nämlich Nahrung. 

Der erfahrene Jugendtheater-Regisseur Simon Windisch aus Graz hat die Geschichte im Martinipark umgesetzt. Die Kinder sind bei ihm Möwen, die auf die Brosamen (oder Fischreste) angewiesen sind, die man ihnen zuwirft. Der schüchterne Branko (wunderbar: Anatol Käbisch), dessen Mutter gerade gestorben ist, weshalb er auf der Straße und wegen eines vermeintlichen Diebstahls sogar im Gefängnis landet, stößt zu Zoras Bande dazu und gerät in den Sog der Abenteuer um Gerechtigkeit, Gleichgültigkeit, Ausbeutung und Hartherzigkeit. 

Gemeinsam helfen die Kinder dem Fischer Goran (Andrej Kaminsky), der als einziger ihre Geschichten kennt und ein Herz für sie hat, sich gegen den nimmersatten Ausbeuter Karaman (mit bösem Zynismus: Sebastian Baumgart) zu wehren, der den Fischfang mit fiesen Tricks monopolisieren will. Der umfangreiche und komplexe Roman ist als dramaturgische Vorlage nur bedingt geeignet, die Szenen werden deshalb immer wieder durch erzählerische Passagen verbunden. Das ist bei Kinderstücken nicht ungewöhnlich, hier aber durch die Vielfalt an Personen und Rollenwechseln zunächst etwas verwirrend. 

Im ersten Teil kommt die Handlung auf der Bühne deshalb kaum in Fahrt. Hilfreich ist da auch das Bühnenbild nicht, das in der Art von „Hafencontainern“ mobile Elemente enthält, die sich zwar zweckgebunden verschieben lassen, aber keinen kindergerechten Anreiz für das Auge bieten. Was die Personenführung betrifft, kann man Kindern abstrakte Rollenspiele zwar sehr wohl zumuten, doch lässt sich diesen auf der Bühne nur schwer folgen, wenn Charaktere wie im Puppenspiel durch sprechende Müllsäcke verkörpert werden, die ihre Rollen blitzschnell wechseln. 

Die Möwen-Parabel ist dabei noch zusätzlich verwirrend, denn im Text ist immer von Kindern die Rede, während die Gestalten auf der Bühne alberne Vogel-Laute ausstoßen und mit den segelartigen Flügeln (Kostüme: Rosa Wallbrecher) wackeln. Auch die Musik von Robert Lepernik, die das Geschehen immer wieder begleitet, ist leider für Kinder kaum eingängig. Die hintergründige Inszenierung hat insgesamt eher reifere Jugendliche im Auge.  

Erst nach der Pause lässt das Spiel eine sich steigernde dramatische Linie erkennen, was die Reaktionen des jungen Publikums auf einmal deutlich verändert. Der Kampf gegen Karaman wird offensiv und emotional, die Kinder verlangen zum Schluss sogar eine „Zugabe“ der Schauspieler. Simon Windisch hat dadurch gerade noch „die Kurve gekriegt“ und den immerhin doch sehr jungen Kindern, die Zielgruppe des Familienstücks sind,  letztlich noch eine Identifikationsmöglichkeit bei diesem hoch aktuellen Thema geboten.  

Das Spiel der (insgesamt nur sieben) Schauspieler überzeugt dagegen durchgehend – Zusammenhalt und Eifersüchtelei, Gerechtigkeitssinn und Grausamkeit, aber auch Hilfsbereitschaft von manchmal unerwarteter Seite (etwa der Tochter des Bürgermeisters),  werden zwar bewusst plakativ, manchmal etwas zu manieriert, aber unmissverständlich  zelebriert. Und zuletzt siegt, wie kann es anders sein, die Gerechtigkeit. Am Ende also doch noch alles gut im Märchenstück.