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Montag, 26.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Die Kraft der Tänzer

Warum Weinzierl in Augsburg Erfolg hat und sich nun neue Ziele setzen muss



Kommentar von Siegfried Zagler



Grasshof/Weisweiler, Schwan/Lattek, Lembke/Rehhagel,  Allofs/Schaaf, Stocker/Finke sind die berühmten Zweierkisten der Fußballbundesliga. Als sich diese Männer trennten, waren zumindest die Trainer weniger als die Hälfte wert. Das lässt sich nicht nur an den individuellen Karriereverläufen dieser Trainerpersönlichkeiten ablesen, sondern auch an den Erfolgskurven der jeweiligen Klubs, die von diesen Pärchen geprägt wurden wie eine Flusslandschaft vom Fluss. Die Klaviatur des Erfolgs entspringt nicht aus einem einsamen Herzen, sie braucht ein Spannungsfeld, eine Dialektik von Vision und Vernunft.

Nun scheint sich in Augsburg ein neues Duo in die Geschichtsbücher der Liga zu schreiben: Reuter/Weinzierl. Sie schienen jene Kraft und jenen Lauf zu entwickeln, wie man sie von den bekannten Tanzpaaren kennt, die das Schicksal zusammen geführt hat und somit füreinander bestimmt sind. Dann kam der Lockruf aus Gelsenkirchen, dem Weinzierl nicht widerstehen konnte. Nach zweiwöchigen Gesprächen soll ein unterschriftsreifer Vertrag vorgelegen haben, den Weinzierl nicht unterschrieb, weil ihm plötzlich eingefallen sein soll, dass die Kinder in die Schule müssen und man einen Klub, der jemand groß gemacht hat, nicht fluchtartig verlässt, wenn ein anderer Klub mit Geld wedelt. Es waren wohl eher die durchschlagenden Argumente von FCA-Präsident Klaus Hofmann, die Weinzierl in Augsburg bleiben ließen und nicht die plötzliche Einsicht, dass Dankbarkeit im Profigeschäft eine wichtige Kategorie sein sollte. Weinzierl hat kürzlich einen Vertrag bis 2019 unterschrieben, und zwar ohne Ausstiegsklausel. Hofmann bestand darauf, dass Weinzierl seinen Vertrag erfüllt und Weinzierl hat sich möglicherweise daran erinnert, wie sehr der Mainzer Manager Christian Heidel Trainer Thomas Tuchel zugesetzt hat, weil er damals ebenfalls aus einem laufenden Vertrag heraus wollte. Nach Informationen der DAZ wollte Tuchel seinerzeit auch zu Schalke wechseln.

Man darf es einem jungen Trainer nicht übelnehmen, wenn er für wesentlich mehr Geld von einem kleinen Klub zu einem Top-Klub wechseln will – wenn er die Möglichkeit dazu hat. Von Augsburg nach Schalke zu wechseln, ist kein Risiko. Gelsenkirchen ist derzeit für jeden Trainer ein Pflaster, wo es nichts zu verlieren, aber dafür sehr viel zu gewinnen gibt. In Schalke  hätte Weinzierl (wie jeder anderer Trainer) nicht verbrennen können, aber ein starkes finanzielles Fundament für seine Zukunft legen können. Dass man in Schalke als Trainer nicht tief fallen kann, dafür sorgt die Aura des Klubs, der von der Mitbestimmungskultur seiner Fans stärker geprägt ist als jeder andere Klub in Europa. In Schalke wird ein Trainer zum Scheitern verpflichtet. Der Klub lebt von der Aura der Krise. Weder Manager Horst Heldt noch Fleischverkäufer Clemens Tönnies hätten für Weinzierl ein positives Gegenüber bilden können: Auf Schalke haben Trainer geringere Halbwertszeiten als bei Real Madrid, obwohl der Revier-Klub seit vielen Jahren keinen Blumentopf gewann.

Mit dem Duo Reuter/Weinzierl sowie einem starken Präsidenten und den möglichen „Baba-Millionen“ steht der FCA vor einer Zukunft, deren Gestaltung zum spannendsten gehört, was die Bundesliga derzeit zu bieten hat. Kein Wunder, dass allen FCA-Fans ein Schreck in die Glieder fuhr, als alles danach aussah, dass Reuter mit einem anderen Trainer diese Erfolgsgeschichte fortzuschreiben hat.

Dass es nun doch beim Führungstrio Hofmann/Reuter/Weinzierl bleibt, ist eine gute Sache. Der FCA steht vor Abenteuern, von denen man im beschaulichen Augsburg vor wenigen Monaten noch nicht zu träumen gewagt hat. In der zurückliegenden Saison konnte der FCA nicht immer überzeugen und hatte am Ende viel Glück, als Sieger aus einem endlosen Schneckenrennen hervorzugehen. In der kommenden Saison kann Weinzierl wohl erstmalig aus einem Kader schöpfen, der zu mehr bestimmt ist, als im Abstiegskampf zu bestehen. In der Liga vorne mitspielen, in der Europa League sich für die Play-Offs qualifizieren: Das müssen die Ziele eines Trainers sein, der beinahe zu Schalke 04 gewechselt wäre.