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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Sonntag, 11.11.2018 - Nr. 315 - Jahrgang 6 - www.daz-augsburg.de
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Die Gier nach Geld nennt sich „Super League“

Europas Spitzenklubs wollen sich offenbar nicht mehr dem Macht- und Geldkartell der Uefa unterwerfen und prüften zusammen mit dem FC Bayern das Szenario einer „Super League“.  Zu lesen ist das neben vielen anderen Ungeheuerlichkeiten im SPIEGEL, der die geheimnisvolle Plattform „Football Leaks“ auswertete und in seiner aktuellen Ausgabe auch von den Machenschaften des Fifa-Präsidenten Gianni Infantino berichtet, der systematische Financial-Fairplay-Verstöße gedeckt haben soll. Nun ja, Letzteres überrascht nicht wirklich, während die Pläne einer europäischen, von der Uefa und den nationalen Ligen abgekoppelten „Super League“ für Spannung in der Tiefe des Raumes sorgt. Denn die Idee der Super League bildet etwas ab, das Bertolt Brecht bereits in seinem Klassiker „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ dramatisierte: Die Finalisierung und den Niedergang einer entfesselten Gier, die damals noch „Kapitalismus“ hieß.  

Kommentar von Siegfried Zagler

Natürlich wünscht sich der gemeine Fußballzuschauer und Stadiongänger, dass man in der Bundesliga nicht jeden Eckstoß via Lautsprecher und „Ergebnisanzeige“ von einer ortsansässigen Firma präsentiert bekommt und die ehemals heiligen Orte des Fußballsports nicht immer weiter zu Marketing-Buden verkommen, wo es stets blinkt und scheppert wie bei Dauerwerbesendungen. Ein aberwitziges Beispiel liefert dabei der FC Bayern: In der Allianz Arena zieht eine Reihe von Zuschauern vor Beginn des Spiels eine Art weißen Woody-Allen-Spermaüberzug an, um das Logo eines Telekommunikationsunternehmens in die Ränge zu zeichnen. Das Geldmachen greift sogar die Integrität der Zuschauer an, die für diesen Schriftzug den Kontrast bilden.

Und natürlich wünscht sich der „Normalfan“ Sicherheit in den Stadien, keine menschenverachtenden Schmähungen gegenüber Einzelpersonen oder anderen Vereinen, keine Abfackelei von giftigen und gefährlichen Bengalos, keine Rauchbomben und Gewalt gegenüber Polizei und Sicherheitskräften. Die aktuelle Situation in den Stadien ist unerträglich und sollte ohnehin dazu führen, dass sich seriöse Firmen aus den Sponsoring-Engagements zurückziehen.

Es ist darüber hinaus zu wünschen, dass die Vereine die Gestaltungshoheit über die Art und Weise um das Spiel herum endlich in den Griff bekommen. Dazu würde dann auch gehören, dass es keine albernen Jubiläumsfeierlichkeiten zu einem frei erfundenen Gründungsjahr gibt. Der Fußball ist in Deutschland zu sehr zur Spielwiese der sogenannten „Ultras“ verkommen. Die absurden Gewalt-Spiele und Choreografien der Hardcore-Fans gehören längst zum Szenario in den Stadien dazu – wie die Pommes zur Currywurst. Zu dieser kleinteiligen wie fragwürdigen Zuschauer-Kultur passt keine durchkommerzialisierte Super League, weshalb es in der Tat eine wohltuende Drohung gegenüber den Exzessen der sogenannten „Fankultur“ und den syndikatsähnlichen Strukturen der Uefa darstellen würde, wenn die Rummenigges der europäischen Spitzenklubs dem Werben der großen Kapitalanleger nachgeben würden und ihre Traumvorstellungen eines auf den Sport fokussierten Konstrukts finalisieren und den europäischen Fußballsport den Strukturen der USA angleichen: Der Spitzensport als kapitalintensives Buisness-Spiel im Sinne von Firmenmanagement und Familienevent für Besserverdiener wäre immerhin noch besser als das hemdsärmlige 50+1-Gedöns der nationalen Ligen-Kartelle mit dem groben Gesangspöbel auf den Rängen.

Ist also das Zustandekommen einer den USA angenäherten Sportkultur tatsächlich aufgrund der Verhältnisse in den Fußball-Arenen zu wünschen? Die Antwortet lautet ohne Wenn und Aber: „Nein!“ Denn trotz der angeführten Exzesse und Dummheiten, trotz unfassbarer Pressekonferenzen und rätselhafter Karrieren soll an dieser Stelle festgehalten werden, dass die Bundesliga ein gewachsenes Konstrukt ist, das die bundesrepublikanische Gesellschaft mit ihren Eliten und ihren Abgründen genauer abbildet als jedes andere Sportkonzept. Die Bundesliga muss jedoch wie die politische Kultur der Bundesrepublik reformiert werden – schnellstmöglich und mit genauen Zielvorgaben.

Dass die aufgezählten Verfehlungen des deutschen Profifußballs durch die Bildung einer Super League aus einer Bundesliga ohne Bayern München verschwinden würden, ist natürlich ein ähnlich naiver Gedanke wie derjenige, dass die Schaffung einer Euro-Zone zu einer Europäischen Union mit einer gemeinsamen Verfassung führen würde. Dass eine Super League im Fußball nicht funktioniert, kann man sich an fünf Fingern abzählen, da der Fußballsport seine Faszination aus sich selbst heraus bezieht, also daraus, dass der vermeintlich Kleine gegen den vermeintlich Großen gar nicht so schlechte Chancen hat. Die Aufhebung von Groß und Klein auf dem Platz ist das Große und das Einzigartige am Fußballspiel. Beispiele gäbe es genug, auch im Ligabetrieb. So spielt zum Beispiel der kleine FC Augsburg seit vielen Jahren munter in der Bundesliga mit, während große Klubs wie Köln, Hamburg, Nürnberg, Kaiserslautern und einige mehr in den unteren Gefilden kicken. Eine Super League ist Quatsch. Das wissen auch die Handvoll Vereine, die sich diesbezüglich Gedanken mach(t)en.

„Die Drohung ist meist stärker als ihre Ausführung“, dies ist eine Erkenntnis aus dem Schach. Die Idee der Super League entspringt aus dem Sumpf der Fußball-Syndikate: Der DFB, die DFL, die deutsche Nationalmannschaft und auch die überwiegende Anzahl der Profiklubs befinden sich weder in ernsthaften sportlichen noch in finanziellen Schwierigkeiten. Ihre Krise besteht aus einem Mangel an Moral und Fantasie, besteht aus einem fehlenden Kodex der Fairness. Die Krise des bundesdeutschen Fußballs ist also mit Händen zu greifen und kommt aus dem rigorosen wie unkontrollierten Erfolgseifer von Generationen von Vereins- und Verbandsmanagern. Die Krise bildet sich in der Sprache der DFB-Funktionäre, der Vereinsmanager und der Trainer ab. Die Krise des deutschen Fußballs ist in der Struktur der Organisation eingelagert und jedes Wochenende von der Bundesliga bis zur Kreisklasse erfahrbar. Der Gedanke des Sports und der Fairness bildet sich in dieser Struktur nur noch marginal ab. Ob eine Stiefelspitze gemäß einer computeranimierten Linie im Abseits war oder nicht, hat nichts mit der Idee des Abseits zu tun oder gar mit der Idee der Gerechtigkeit. Die europäischen Wettbewerbe wie die nationalen Profiligen des Fußballsports haben sich längst dem Diktat der Geldgier unterworfen. Die Bildung einer Super League wäre die konsequente Fortsetzung einer „Verteilungssteuerung“, die nicht an einer gerechten Verteilung von Wertschöpfung, sondern an der größtmöglichen Vermehrung von Geld interessiert ist.

Wenn also die Idee des Sports jedes Wochenende mit Füßen getreten wird, muss man sich fast darüber freuen, wenn sich die Gier nach Geld mit einer „Super League“ wie in Brechts Drama „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ selbst ad absurdum führt.

 

 

 

 

 



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