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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

„Die Gegenwart Europas ist die Fortsetzung der Geschichte seit der Oktoberrevolution“

Am kommenden Donnerstag verleiht die Stadt Augsburg den Brecht Preis 2018 an Nino Haratischwili. Die Jury würdigt in einem Vorab-Statement ihre Schreibkunst als eine Kunst, die komplexe historische Prozesse in sinnlich fassbare Geschichte fasse. „Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen“, so die Jury in ihrer Begründung.

Nino Haratischwili Foto (c) Danny Merz Sollsuchstelle

Die 1983 in Tiflis geborene und heute in Hamburg lebende Dramatikerin, Romanautorin und Theaterregisseurin Nino Haratischwilli kam als Zwölfjährige mit ihrer Mutter 1995 erstmals nach Deutschland und gilt seit ihrem Studium an der Hamburger Theaterakademie mit ihren zahlreichen Theaterstücken, ihren Romanen aber auch mit ihren Inszenierungen, ihrer innovativen praktischen Theaterarbeit in der deutschen Theater- und Literaturlandschaft als großes Talent. Auch nach ihrem Regiestudium in Tiflis und Hamburg kehrte sie immer wieder in ihre georgische Heimat zurück. Sie ist eine Grenzgängerin zwischen Ost und West, die wie Bertolt Brecht das Schreiben als eine Suche und das Leben als Versuch gelten lässt.

Beschrieben werden Verwerfungen eines Jahrhunderts und deren Folgen für die politischen Krisen und Konflikte der Gegenwart

Spätestens seit dem Erscheinen ihres Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ ist Haratischwili auch einem breiten Publikum bekannt. In diesem 2017 mit großem Erfolg am Hamburger Thalia Theater für die Bühne bearbeiteten Roman schildert Haratischwili den Aufstieg und Fall des Kommunismus von der vorrevolutionären Zeit bis ins Europa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus der Perspektive einer georgischen Familie. Sie beschreibt die Freuden und Verwerfungen eines Jahrhunderts und deren Folgen für die politischen Krisen und Konflikte der Gegenwart. Im Gegensatz zu den Begründungen für so manch anderen Brecht-Preisträger fällt in diesem Jahr die Erklärung der Jury nachvollziehbar aus. Nino Haratischwili ist eine würdige Brecht-Preisträgerin.

Die Begründung der Jury:

„Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen. Ihre Begabung, komplizierte historische Prozesse, Revolutionen und Kriege ebenso wie menschliches Versagen, Opportunismus und Machtmissbrauch sowie individuelle Katastrophen in sinnliche Geschichte und großartige Frauenfiguren zu fassen, erinnert an Brechts „Mutter Courage“ und seinen „Kaukasischen Kreidekreis“. Dabei erzählen die Geschichten und Figuren Nino Haratischwillis von den historischen und aktuellen Menschenströmen, die als Folge von Krieg und Revolution damals wie heute durch Europa ziehen. Während in „Die acht Leben (Für Brilka)“ in einem der Autorin eigenen, beeindruckenden epischen Pathos, das niemals den analytischen Blick verstellt, ein Jahrhundert aus osteuropäischer Sicht für uns Westeuropäer völlig neu erfahrbar wird. Dabei wird deutlich, dass es sich bei Haratischwili um eine genuine Theaterautorin handelt. Ein allwissendes Ich vermeidet sie in dieser großartigen Prosa ebenso wie ein Übermaß an Kulisse. In ihrem Theaterstück „Radio Universe“ (2010) attackiert sie uns in einer schmerztrunkenen Nacht mit dem Kaukasuskonflikt. Sie erzählt mit magischem Realismus von Anpassung, Verrat und Widerstand, Liebe, Hass und (Über-)Lebenswillen. Wie am Beispiel des Lebens der Tochter eines ehemaligen Dissidenten und ihren Dialogen mit der Pflegekraft Natalia im „Land der ersten Dinge“ (2014) oder des wütenden Monologes der Putzfrau Marusjas gegen die neuen Flüchtlingen in „Die Barbaren“ (2017), der als ein Teil des Projekt „Das Europäische Abendmahl“ am Wiener Burgtheater uns mit unserer eigenen Wohl(an)ständigkeit konfrontiert. Obwohl die Autorin in ihren Theaterstücken niemals den analytischen, vielfach schmerzlichen wie verstörenden Blick auf die Systeme scheut, ist sie fern jeglicher Selbstgerechtigkeit.“ – So die Erklärung der Jury.

Im Westen wie im Osten ist die Geschichte der Sowjetunion nicht aufgearbeitet

Zur Arbeit an ihrem, in seiner eigenwilligen Poesie und sprachlichen Schönheit faszinierenden Roman “Das achte Leben“ befragt, sprach sie in einem Radiointerview über ihre Motive und den intensiven Entstehungsprozess: „Nicht nur im Westen, auch im Osten ist die Geschichte der Sowjetunion in der Bevölkerung überhaupt nicht aufgearbeitet. Viele Vorgänge, die jetzt in Georgien und Russland stattfinden, habe ich nicht verstanden. Darum habe ich angefangen, mich mit der Geschichte zu befassen, ich wollte den Ursprung finden. Und so bin ich immer etwas weiter in die Zeit zurückgegangen, bis ich bei der Oktoberrevolution landete. Da fragte ich mich: Tu ich’s mir an? Ich hab’s mir angetan. Das Fatale an der westlichen Interpretation der Geschichte ist, anzunehmen, dass es eine Zäsur gab 1989. Das stimmt nicht, die Gegenwart Europas ist die Fortsetzung der Geschichte seit der Oktoberrevolution.“

Die Preisträgerin wird bei der Verleihung im Goldenen Saal persönlich anwesend sein. Andreas Platthaus, Leiter des Ressorts Literatur und literarisches Leben bei der FAZ hält die Laudatio. Das Theater Augsburg und das Walter Bittner Trio sorgen für die literarische und musikalische Umrahmung. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Nach dem feierlichen Akt findet ein Empfang im Oberen Flez des Rathauses statt.



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