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Montag, 04.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Die Csárdásfürstin: Tanz auf dem Vulkan an der Zeitenwende – etwas mehr Paprika hätte dabei nicht geschadet

Mit dem Triumphzug der Musicals scheinen die Operetten etwas ins Abseits gedrängt, doch immer wieder werden auch an renommierten Häusern Operetten inszeniert, ja selbst von „Renaissance“ war schon die Rede. In Augsburg hat man sich in dieser Spielzeit Emmerich Kálmáns Csárdásfürstin vorgenommen – eine „moderne” Operette sozusagen, die erst im Dunstkreis des Ersten Weltkriegs 1915 uraufgeführt wurde.

Von Halrun Reinholz

Ein betont schlicht-graues Bühnenbild im ersten Akt

Die „Csárdásfürstin“ ist eine Varietésängerin, in die sich ein junger Adliger verliebt hat. Die Standesschranken sprechen selbstverständlich gegen die Ehe, weshalb es viele Verwicklungen und eine überraschende Auflösung hin zum Happy-End gibt. Dazwischen viele musikalische Ohrwürmer, mehr oder weniger (je nach Alter des Publikums) bekannt. Eine gut gemachte, leichte Unterhaltung erwartet man da wohl. Zumal der Regisseur Otto Pichler eigentlich vom Tanz kommt und auch für die Choreographie zeichnete. Das merkte man sehr, um es gleich vorweg zu sagen. Die Tanzszenen waren einfallsreich und dynamisch. Nicht originell, aber effektvoll die „Engelsflügel“ beim Liebesduett „Habt euch lieb“, die das Liebespaar schließlich wie in einer Wolke umhüllen. Ja, die große Geste passt zur Operette – wie übrigens auch zum Musical.

Für die Inszenierung hatte sich Otto Pichler aber Anspruchsvolleres vorgenommen, scheint es. Das betont schlicht-graue Bühnenbild (Jan Freese) im ersten Akt lässt nur schwer die Assoziation mit einem Varietétheater zu, allerdings wiegen die phantasievollen und bunten Kostüme (Falk Bauer) diesen Eindruck wieder auf. Passender dann im zweiten Teil die strenge Einrichtung des Schlosses, wo sich die Jagdgesellschaft mit protokollarischer Strenge zum vermeintlichen Verlobungsfest einfindet. Ein großer toter Hirsch dominiert als Slapstick-taugliches Hindernis den Raum, der auch viele Klappen und Türen sich öffnen lässt. Als der Hirsch dann schließlich weggeschafft wird, stört die Reinigungsfrau mit dem Staubsauger die romantische Liebesszene.

Scheu vor großen Gesten

Fotos: A. T. Schaefer

"Engelsflügel" beim Liebesduett - Fotos: A. T. Schaefer


Mit solchen originellen Regie-Einfällen sollten die Brüche zwischen Schein und Sein, der Illusionswelt des Varietés und der längst schon rissigen Fassade der vermeintlich standesgemäßen aristokratischen Lebenswelt ironisch aufgezeigt werden. Noch deutlicher wäre das gelungen, wenn das schmalzig-operettenhafte auch bei der Musik deutlicher gekommen wäre. Vor allem im ersten Teil hatte man den Eindruck, als wollte man die großen Gesten genau da vermeiden. Das fing schon damit an, dass die Ouvertüre weggelassen wurde und der Dirigent sich im Dunkeln gleichsam „einschlich“. Gleichförmig, fast lahm plätscherte die Musik während der Feier im Varieté vor sich hin – und das bei einem ungarischen Dirigenten und einem österreichischen Regisseur! (Auch gab es peinlicherweise zuweilen ganz deutliche Ungenauigkeiten im Zusammenspiel der Sänger und des Orchesters, die sich hoffentlich noch glätten werden). Diese Herangehensweise verstärkte den Eindruck, dass man den „Kitsch“ vermeiden wollte, der doch im Zusammenspiel mit den Verfremdungseffekten genau den Reiz einer Operette ausmacht.

Zum Glück nahm das Tempo im zweiten Teil dann doch etwas zu und die Darsteller konnten sich von ihrer besten Seite zeigen. Judith Kuhn als Sylva Varescu agierte in ihren auffällig körperbetonten Kostümen mit viel Temperament – das ihr Partner Edwin (Mathias Schulze) leider nicht hatte. Erfrischend lebendig und stimmgewaltig das andere Paar – Stasi (Kathrin Lange) und Boni (Christopher Busietta) – denen man die Spielfreude förmlich ansah. Stefan Wilkening als Feri Bácsi und Kerstin Drescher als „rote Hilde“ konnten in ihren Rollen auch überzeugen. Insgesamt doch noch gute Unterhaltung mit teils opulenten Szenen, wenn auch ab und zu „gedimmt“.