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Samstag, 18.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Die Banditen von Gerolstein

Zwei Operetten von Jacques Offenbach eröffneten in einer Art „Fuggerstadt-Remix“ mit Klamauk und dem Versuch einer politischen Botschaft die Theatersaison des Schauspiels auf der Brecht-Bühne.



Von Halrun Reinholz



Einiges ist neu am Theater Augsburg in dieser neuen Spielzeit, unter anderem die Leitung der Sparte Schauspiel, die nun von dem Tandem Oliver Brunner und Maria Viktoria Linke verkörpert wird. Neu auch die Idee, als erste Premiere gleich eine Eigenkreation zu bieten: Aus zwei (eher wenig bekannten) Operetten von Jacques Offenbach, „Die Großherzogin von Gerolstein“ sowie „Die Banditen“ entwarf Gastregisseur Paul-Georg Dittrich eine boulevardeske Klamotte mit Musik. Letztere ist allerdings nicht von Jacques Offenbach, die Operetten trugen nur inhaltlich zum Gesamtkonzept bei. Die begleitenden Töne zum Schauspiel lieferte vielmehr die junge Bühnen- und Filmkomponistin Friederike Bernhardt, ein „Hüttenquartett“ von vier jungen Musikern (Angelika Löw-Beer, Juri Kannheiser, Agnes Liberta, Lilijan Waworka) führte sie aus. Nun handelt es sich, anders als bei Eigenproduktionen wie „Die Weber“, hier nicht um ein Thema aus der Augsburger Geschichte, das „Fuggerstadt-Remix“ hatte also keinen lokalen Bezug. Stattdessen versprach der Einführungstext den aktuellen Verweis auf die Finanzkrise und, ganz im Sinne des Offenbachschen Vorbilds, eine „Satire auf Machtmissbrauch und Günstlingswirtschaft“.

Räuberei schräg und multimedial



„Die Großherzogin von Gerolstein“ ist bei Offenbach eine Satire auf Militarismus und Protektionismus in einem monarchisch-autoritären Regime, wo, ungeachtet der Qualifikation, nach Belieben befördert oder degradiert wird. Thema der opéra bouffe „Die Banditen“ wiederum ist unter anderem die satirische Darstellung korrupter Staatsdiener in einem ebenfalls willkürlichen Günstlingssystem: Der Chef der Räuberbande wird vom beraubten Herzog am Ende zum Polizeichef ernannt. Einige Schlenker und Gedankenbrücken waren schon nötig, um die beiden Handlungsstränge zu kompilieren und da fehlte es dem Regisseur nicht an skurrilen Einfällen. Im flotten Boulevardstil mit schnellen Szenen-, Kostüm-  und Perspektivwechseln verzeiht man abstruse Konstruktionen wie eine „deutsch-spanische Grenze“ bei stimmigem Gesamtbild  durchaus. Der Facettenreichtum gelingt auch durch den bravourösen Einsatz der Medien: Mehrere Videoperspektiven begleiten das Geschehen auf der selbst schon in mehrere Ebenen geteilten Bühne. Ein Teil davon schräg im wahrsten Sinne des Wortes: Hier ist die Videokamera so installiert, dass die Schauspieler in der Schräge halb liegend spielen müssen, damit das Bild real aussieht.

Schauspieler mit vielen Facetten

Womit wir bei der Besetzung wären: Neben bereits bekannten und bewährten Gesichtern (Sarah Bonitz, Klaus Müller, Sebastian Baumgart, Anton Schneider) geben zwei „Neue“ ihren Einstand. Sarah Bonitz wird mittels Maske in die pubertierende Fiorella mit vorstehenden Zähnen verwandelt, darf aber auch mittels Videobotschaft über ihre Rolle (oder über die Liebe!) sinnieren und zeigt als schon „gereiftes“ Ensemblemitglied immer neue Spielarten ihres Könnens. Klaus Müller wirkt in bewährter komödiantischer Manier dreifach als General Bumm, Prinz von Spanien und Barbavano. Als Letzterer („Seniorenmitglied“ der Räuberbande) meistert er mit dem Rollator bravourös Pirouetten auf der Bühnenschräge.

Sebastian Baumgart gibt die dramaturgisch wenig überzeugende (aber schauspielerisch besonders fordernde) Doppelrolle des jungen Liebhabers Fritz der Gräfin von Gerolstein und gleichzeitig des Fragoletto, der sich in die Tochter des Räuberhauptmanns verliebt. Die Kostüm- und Rollenwechsel auf offener Bühne zeigen seine Wandlungsfähigkeit auf beeindruckende Weise. Anton Schneider muss als Caramagnola den Supermann mimen, aber als Finanzminister Pipo auch knallharte Verhandlungen führen und „immer den Dicken spielen“.  Sebastián Arranz, neu im Ensemble, sieht so südländisch aus, wie er heißt. Als Räuberhauptmann Falsacappa hat er in dem Stück Gelegenheit, als dominante Figur mit großer Brillanz ein Gemisch aus Macho und coolem Deutschtürken zu geben. Friederike Butzenberger spielt (als Gast) mit Sex-Appeal und schäumendem Temperament eine facettenreiche Gräfin von Gerolstein.

Unterschätzung des Publikums?

Das Stück beginnt mit „a capella“-Gesang im Stil der Comedian Harmonists, wo die vier Musiker des „Hütten-Quartetts“ (allesamt klassisch ausgebildet und preisgekrönt) aktiv eingebunden sind. Im Laufe des Stückes wechseln sich klassische Musikzitate (Schubert) mit elektronischen Klängen zwanglos ab und fordern die Schauspieler und Musiker auf hohem musikalischem Niveau zu lustvollem Miteinander heraus. Nicht nur die Schauspieler müssen sich dabei musikalisch beweisen, auch die Musiker sind immer wieder in das (Schau-) Spiel mit eingebunden. Warum sie in Dirndl und Lederhosen agieren, erschließt sich dem Publikum jedoch nicht. Auch andere Anspielungen und Zitate (Supermann, Logo des Gerolsteiner Mineralwassers) sind nicht unbedingt förderlich für das Verständnis der Handlung, erhöhen jedoch als komödiantische Einfälle das Vergnügen an der Aufführung durchaus. Doch offenbar wollte der Regisseur Klartext reden, statt der Komödie und dem satirischen Verständnis der Zuschauer zu vertrauen. Bei Offenbach genügte es noch, Krieg und Militarismus zu karikieren. Die modernen Medien machen es möglich, echte (Schock-) Videos gegenwärtiger Kriege (Irak) einzublenden, wenn die Gräfin von Gerolstein und General Bumm über Kriegsstrategien verhandeln. In dem Kontext einer Boulevardkomödie wirkt das eher befremdend als belehrend und grenzt zweifellos hart an Geschmacklosigkeit. Bei all den wirklich witzigen Einfällen hätte man der Kraft der Komödie  vertrauen und auf die politisch korrekte Heilslehre verzichten können.