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Sonntag, 19.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Der Weg ins soziale Abseits

Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ am Theater Augsburg

Von Halrun Reinholz

Es ist immer schwierig, epische Handlungsstränge auf die Bühne zu bringen, aber offenbar eine Herausforderung, der sich Regisseure heute gern stellen. So auch Anne Lenk, die den Erfolgsroman von Hans Fallada dem Augsburger Theaterpublikum präsentiert. Nun gibt es dafür bereits eine Bühnenfassung von Luc Perceval, auf die sie zurückgreifen kann, dennoch wird mehr erzählt als gespielt – und das ist Teil des Konzepts.



Wie bei einem Werkstattprojekt oder einer Leseprobe sitzen die Darsteller von Anfang an auf der Bühne. Auf ihre Rollen festgelegt sind nur die beiden Hauptdarsteller Pinneberg (Tjark Bernau) und Lämmchen (Lea Sophie Salfeld). Die anderen fünf Akteure teilen sich die facettenreichen Nebenrollen. Die Illusion vom „Spiel im Spiel“ wird noch verstärkt durch das Bühnenbild, das ausschließlich aus an Kleiderbügeln hängenden Kostümen besteht, in die die Darsteller je nach Bedarf und Rolle schlüpfen. Erzählt wird der soziale Abstieg von Johannes Pinneberg und Emma, genannt Lämmchen, die aus kleinbürgerlichen bzw. proletarischen Verhältnissen kommen und ein Kind erwarten. Die schlechte Wirtschaftskonjunktur der Endzwanziger und der Druck der kapitalistischen Arbeitswelt (Verkauf auf Provisionsbasis) führen dazu, dass Pinneberg ohne Arbeit ist und die Familie trotz aller „Zwischenhochs“ und Hoffnungsschimmer immer mehr ins soziale Abseits stürzt.



Was die Schauspieler in ihren wechselnden Rollen hier leisten, ist große Klasse. Ute Fiedler wandelt sich von der Proletenmutter Mörschel über die komplexbeladene Marie Kleinholz zur lebenslustigen Bardame und Kupplerin Mia Pinneberg. Wandelbar und mundartkundig präsentiert sich auch Thomas Kitsche als Karl Mörschel, Emil Kleinholz und vor allem als Schauspieler Franz Schlüter. Anton Schneider brilliert vor allem als Vater Mörschel und als Dandy Holger Jachmann. Anton Koelbl hat neben der Glanzpartie des Heilbutt diverse Frauenrollen (Emilie Kleinholz) zu bewältigen, während Sarah Bonitz sich in vielen kleinen ausdrucksstarken Partien beweisen muss. Überzeugend flankieren sie die beiden Hauptdarsteller, die das junge naive Liebespärchen mit viel Empathie verkörpern. Der Wechsel zwischen epischem Erzählen (mal in der ersten, mal in der dritten Person) und zum Teil sehr ausgespielten Szenen (Nachtszene im „Fürstenzimmer“ der Mia Pinneberg) ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Dadurch entsteht immer wieder ein Bruch in der Handlung, der der epischen Vorlage geschuldet ist. Dramatisch ist das Geschehen auch im Roman nicht, es gibt keine Höhe- und auch keine Tiefpunkte und das Ende des Stückes ist, wie das des Romans, offen. Trägt diese epische Breite einen Bühnenabend? Bei „Kleiner Mann – was nun?“ ist das (bei aller Skepsis) mit einigen Abstrichen gelungen. Die Längen des Erzählens sind im richtigen Augenblick immer szenisch (und auch mit adäquater Situationskomik) aufgelockert. Durch die beängstigend aktuelle Thematik ist das Stück jedenfalls auf keinen Fall eine Fehlbesetzung im Spielplan.

Fotos: Nik Schölzel