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Donnerstag, 22.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Der Theologe als Pornoproduzent

Jens Hoffmanns Film über die Pornoindustrie auf dem Filmfest

Finanzkrise hin oder her – die amerikanische Pornoindustrie setzt nach wie vor Milliarden von Dollars um. Jens Hoffmann hat darüber einen Dokumentarfilm gedreht, der am Freitag und Samstag auf dem Augsburger Filmfestival läuft. DAZ-Redakteur Frank Heindl sprach mit dem Regisseur.

DAZ: Herr Hoffmann, Ihr Film handelt von der Pornoindustrie. Was erwartet den Zuschauer?

Jens Hoffmann

Jens Hoffmann


Hoffmann: Den erwartet ein Dokumentarfilm in Kinolänge. Er wurde in Los Angeles gedreht und portraitiert zehn Menschen, die als gemeinsamen Nenner ihre Tätigkeit in der Pornoindustrie haben. Los Angeles und das San Fernando Valley sind das Mekka des Pornos, etwa 80% der Filme, die weltweit verkauft und konsumiert werden, entstehen dort. Es geht aber nicht nur um die Darsteller, sondern auch um Agenten, Produzenten und andere Beteiligte.

DAZ: Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Hoffmann: Ich hatte die Vorurteile des Durchschnittsmenschen über dieses Thema. Eines Tages hab ich am Schneidetisch gearbeitet, als jemand anrief und erzählte, er kenne da so einen Pornoproduzenten, der hier gerne mal sein Material ansehen würde, weil er die entsprechenden Geräte nicht hatte. Dieser Mensch kam dann tatsächlich vorbei und entsprach gar nicht meinen Vorstellungen von so jemandem.

DAZ: Also kein schmierig-schleimiger Widerling …

Hoffmann: … nein, nicht diese Mischung aus Zuhälter und Gebrauchtwagenhändler, die man sich so vorstellt. Er war extrem kurzsichtig, klein, untersetzt, und – er hat Theologie studiert.

DAZ: Nein!

Hoffmann: Doch! Das hat überhaupt nicht zusammengepasst! Dieser Mensch hat damals in Prag gedreht, und da hab ich mir das mal angeschaut. Und da tat sich eine Welt auf, von der ich keine Ahnung hatte. Also haben wir zu recherchieren angefangen. Es gibt viel Material, aber nichts, was meinen Vorstellungen entsprochen hätte. Wir wollten das ganz authentisch gestalten, die Leute über längere Zeit beobachten, sodass der Zuschauer sie dann beurteilen kann, ohne belehrenden Kommentar aus dem Hintergrund.

DAZ: Läuft man mit einem solchen Film nicht Gefahr, Voyeure zu bedienen?

Hoffmann: Das muss man schon strikt vom Fernsehen unterscheiden. In der Tat laufen ja auf RTL usw. furchtbare Reportagen, die eigentlich versteckte Erotikberichte sind und genau das tun – Voyeure bedienen. Mein Film soll unterhalten – aber nicht durch diesen Voyeurismus, sondern weil ich ihn als Episodenfilm konstruiert habe. Der Zuschauer lernt die Protagonisten kennen, und mit der Zeit verknüpfen sich ihre Tätigkeiten und ihre Tagesabläufe und man sieht, wie alles zusammenhängt. Deshalb haben wir den Film auch zu 80% auf 16 Millimeter gedreht, nicht wie bei Dokus meist üblich auf Video. Jemand, der von unserem Film “angeregt” würde, der müsste schon eine sehr schräge Phantasie haben!

DAZ: Wie reagiert das Publikum auf den Film?

Hoffmann: Wir waren mittlerweile auf vielen Festivals an den unterschiedlichsten Orten – im liberalen Montreal und im sehr katholischen Buenos Aires. Wir hatten ein extrem kritisches und gebildetes Publikum. Es gab nie, nicht ein einziges Mal die Behauptung, dass der Film irgendetwas verharmlosen oder gar beschönigen würde. Wir haben extrem lange Diskussionen nach dem Film, aber immer in einer sehr guten Atmosphäre. Viele Leute melden sich noch Tage danach und sagen, sie könnten nicht aufhören, darüber nachzudenken. Das freut mich natürlich.

“9 to 5 – days in porn” läuft am Freitag und Samstag jeweils um 22.30 Uhr im Thalia. Regisseur Jens Hoffmann ist bei beiden Vorführungen anwesend und steht für Diskussionen zur Verfügung.

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