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Sonntag, 05.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Galoppierende Webstühle

Neue Musik: „Der Klang der Stadt“ im Textilmuseum

Von Frank Heindl

Schon das erste Konzert der Reihe „Zukunft(s)musik“ (die DAZ berichtete) hatte nicht nur musikalisch, sondern auch durch das Ambiente des „H2“ Maßstäbe gesetzt. Trotzdem wurde es am Dienstag noch übertroffen: In Zusammenarbeit mit „Mehr Musik“ und dem „Festival der 1000 Töne“ ertönte „Der Klang der Stadt“ im noch nicht eröffneten Textilmuseum (tim).

Für den „Klang der Stadt“ hatten sich Musiker des Leopold-Mozart-Zentrums der Universität mit freien Musikern der Jazzszene zusammengetan. Organisierender Kopf hinter dem Ganzen: Ute Legner von der Initiative „Mehr Musik“. Legner hatte Hansi Ruile vom „Festival der 1000 Töne“ mit ins Boot geholt: Solche Projekte seien „für einen einzelnen Veranstalter eigentlich nicht zu schultern, mit unseren Einzeletats kommen wir da nicht hin“, ihre Initiative werde außerdem gerade gefördert, um Vernetzungen zu schaffen. Das Experiment darf als geglückt bezeichnet werden: Für Ruiles „1000 Töne“-Konzept fanden sich genug Anknüpfungspunkte in dem „Stationenkonzert“, zu dessen Klängen das Publikum sozusagen einen Preview-Rundgang durchs prächtige neue Textilmuseums genießen durfte.

Aus den komponierten Hauptwerken des Abends ragte unter anderem Marc Mellits „Parking violation“ hervor: Von der Empore aus ließ Gerhard Veith seine Oboe in den Vorraum schallen und erfüllte damit genau die Vorgabe des Komponisten für eine hallige Präsentation. Obwohl von der Parkplatzsuche in New York inspiriert, strahlte das Stück mehr lyrische Ruhe als aggressiven Großstadtverkehr aus. Das galt fast ebenso für Peter Eötvös „Music for New York“, die Hans-Christian Dellingers Sopransaxophon mit einer elektronische verfremdeten Tonbandaufnahme ungarischer Volksinstrumente in Dialog setzte. Dellingers Saxophon setze unter gigantisch-überdimensionalen Kleiderpuppen den Elektrosounds vom Band (manchmal klangen sie ein bisschen nach Starwars-Roboter R2D2) seinen konzentriert weichen, ebenfalls eher sanften Ton entgegen.

Fietschende Blockflöten und prächtige Gewölbe

Zwischen die Hauptwerke hatten die Veranstalter acht einminütige „Spots“ von Frederic Rzewski gestreut -ausgeführt von Studierenden der Universität. Mal im Eingangsbereich stehend, mal locker auf der Treppe sitzend, mal vor leeren Stoffrollen, präsentierten sie Miniaturen für jeweils vier Instrumente, unter anderem Harfe, Perkussionsinstrumente, Cello, Blockflöten, während die Zuschauer ihre Blicke durch die Architektur des Museum schweifen lassen konnten, dank vieler gläsernen Durchblicke mal Baustellenatmosphäre im Nebenraum, mal die Sicht auf Webmaschinen, Holzpaletten, Gabelstapler, mal auf prächtige Rundgewölbe genossen und in Beziehung zur Musik setzen durften.

Vom Andrang waren die Veranstalter regelrecht überrollt worden: Optimistisch hatte man 120 Eintrittskarten gedruckt – doch die reichten bei weitem nicht, Ute Legner zählte „mehr als 160 Gäste“, die sich im weiteren Verlauf von Steve Reichs New York Counterpoint ebenso begeistert zeigten wie von Iris Lichtingers virtuoser Bewältigung von Moritz Eggerts „Außer Atem“ – der Komponist forderte der Musikerin eine tatsächlich erschöpfende Performance auf mehreren, teilweise gleichzeitig geblasenen Blockflöten ab. Klanglich war das sicher der „modernste“ Teil des Abends: Die Flöten wurden fortwährend überblasen, fiepten und fietschten, tönten bewusst scharf und schrill und imaginierten den aufregend-aufgeregten, heftigen und atonalsten Part des „Klangs der Stadt“.

Industriesound und Industriegeschichte

Den krönenden Abschluss bildete ein eigens komponiertes Stück, das in der Tat alles unter einen Hut brachte, was an diesem Abend anstand: Neue Musik, Webstühle, Multikultur und Industriegeschichte. Vier in der Augsburger Jazzszene gut bekannte Musiker hatten sich dafür zusammengetan, ergänzt durch einen fünften: Alwin J. Weng kommandierte die Webstühle, und diese lieferten Rhythmus und Grundsound. Der Elektronikkünstler Sebastian Giussani ließ die aus dem „Maschinenraum“ herübergeleiteten Klänge mal unverändert (und gleichwohl beeindruckend!) passieren, wandelte sie mal kunst- und kraftvoll um, schuf einen Klangteppich aus dumpfem Gurgeln, lautem Rumoren, Dröhnen, Brummen, aus sanftem Sägen und Schleifen. Walter Bittner verstärkte das mit seinen Drums, akzentuierte die von den Textilmaschinen vorgegebenen Rhythmen. Stephan Holstein fügte das große Klangspektrum von Saxophon, Klarinette und Bassklarinette hinzu, und Seref Dalyanoglu unterstützte das Quintett nicht nur mit den orientalischen Klängen von Saz und Ud, sondern steuerte auch noch die multikulturell-historische Komponente bei: Der Musiker kam als 15-Jähriger nach Augsburg und arbeitet damals in der Färberei der Kammgarnspinnerei.

Das Ergebnis dieser Zusammenstellung war ein Stil, den man, wäre nicht der gleichmäßige Maschinensound gewesen, als Freejazz hätte bezeichnen müssen. Dank der Webstühle von Herrn Weng allerdings entfaltete das Arrangement einen Sog, der Dirk Kaftan, den Augsburger Generalmusikdirektor, zu dem geflüsterten Ausruf „einen schönen Groove haben die Maschinen!“ veranlasste (siehe Interview). Lang anhaltender Applaus und eine noch stärker mitreißende Zugabe, in der die Webstühle zu Güterzügen, zu galoppierenden Herden, zu Trommeln in der Nacht, zu tanzenden Krieger wurden. „Klang der Stadt“? Aber ja! – Das Relikt der Natur haben Komponisten und Autoren schon immer vorgefunden im Maschinensound des 20. Jahrhunderts.