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Donnerstag, 04.06.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Der FCA spielt nicht über seine Verhältnisse

Der FC Augsburg ist im Fußball-Oberhaus zu einer guten Adresse geworden. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Die Spieler dieser Mannschaft haben sich zu überdurchschnittlichen Bundesligaspielern entwickelt.

Von Siegfried Zagler



Dass die Augsburger Fußball spielen können, haben sie in ihren beiden bisherigen Spielzeiten in der Bundesliga zweimal überzeugend bewiesen – in den Rückrunden! In den Rückrundentabellen lag der FCA schon öfters nah an einem Europa League Platz. Dabei handelte es sich zugegebenermaßen um theoretische Tabellen, die nur die halbe Wahrheit sagen. Dieses Jahr ist alles anders. Die aktuelle Tabelle erzählt die ganze Wahrheit und dennoch hat sich beim Schreiber dieser Zeilen der Eindruck verfestigt, dass man sie den Skeptikern zu erklären habe. Die Wahrheit ist ein starkes Zeug. Unverträglich, irritierend und nicht selten ist ihr Auftauchen mit schweren gesellschaftlichen Erschütterungen verbunden. Die Erschütterungen sind einfach zu beschreiben: Einst mächtige Vereine stehen am Abgrund und kämpfen ums Überleben. Die Wahrheit wird allzu leicht mit der Wirklichkeit verwechselt. Mit der Wahrheit sollte sich die Metaphysik beschäftigen, mit der Wirklichkeit die Wissenschaft. Wir reden hier über Fußball. Bleiben wir also bei der Wahrheit: Der FCA gehört zu den ersten acht Mannschaften Deutschlands. Es ist kein Traum, die Puppenkiste ist auf dem Weg nach Europa.

Überraschungsmannschaften gibt es beinahe in jeder Saison. In der Vorsaison stürmten unter den ungläubigen Augen der Experten Eintracht Frankfurt und der FC Freiburg ins europäische Fußballgeschäft. Im Jahr davor staunten die Experten nicht schlecht, als Gladbach mit einem kaum veränderten „Beinahe-Abstiegskader“ die Liga rockte und sich für die Champions League-Qualifikation qualifizierte. Dieses Jahr hat der FC Augsburg das Prädikat „Überraschungsmannschaft“ inne. So wirklich überraschend ist das allerdings nicht. Und um das Kalauern ein wenig auf die Spitze zu treiben: Überraschend sind auch die branchenüblichen Erklärungsversuche nicht: „mannschaftlich geschlossen, taktisch diszipliniert, sehr geordnet, laufstark, kämpferisch, gut eingestellt“ usw. Das ist Sportreporter-Rabulistik, womit gesagt sein soll, dass die vermeintlichen Experten das für sie Unverständliche auf der Ebene des Unverständlichen „vertiefen“. Das Wichtigste wird dabei übersehen, nämlich die Leistungsfähigkeit der Spieler. Für die einfachste Erklärung fehlt oft der klare Blick.

Tabelle nach dem 20. Spieltag

Die ganze Wahrheit: Tabelle nach dem 20. Spieltag


Spieler, die in der Vorsaison kaum eine Rolle spielten, die Ersatzbank drückten oder sehr unauffällig agierten oder in einer tieferen Liga kickten, spielen „über Nacht“ auf einem wesentlich höheren Niveau, und dieses Phänomen bleibt dem Expertenblick meist verborgen, weil das menschliche Hirn auf frühe Festlegungen und Fixierungen „großen Wert legt“. Man könnte diesbezüglich zahlreiche aufregende Untersuchungen aus den wundersamen Laboratorien der Hirnforschung zitieren. Muss nicht sein. Es reicht, einen Namen zu nennen: Tobias Werner. Bei Werner vollzog sich die Leistungssteigerung hin zur Bundestauglichkeit sehr langsam und somit für das menschliche Gehirn im vollkommen unsichtbaren Winkel der Langsamkeit. Noch in der zweiten Liga kein Stammspieler, schien der nette Herr Werner für die Bundesliga untauglich wie ein Dackel fürs Hunderennen: ein Chancentod, einfüßig, technisch limitiert, kein Kopfballspieler, kein Zweikämpfer, athletisch zu schwach, keine Übersicht und so weiter. All diese negativen Attribute hat Werner unermüdlich in den zurückliegenden Jahren in Stärken verwandelt. Tobias Werner kann inzwischen alles überdurchschnittlich gut und ist zu einem Spieler gereift, der den Erfolg des FCA verkörpert und erklärbar macht. Entwicklungs-Phänomene mag es immer wieder geben (Dieter Eilts, Mario Basler etc.), beim FCA scheint die Ausnahme zur Regel zu werden. Darin liegt das Kapital des FCA. Bei Werner mussten viele Dinge zusammen kommen, damit er sein verborgenes Potential freilegen konnte. Matthias Ostrzolek wurde unter Luhukay vom Zweitligisten Bochum geholt, um im Notfall für De Jong einen zweiten Linksverteidiger zu haben. Der Notfall trat sofort ein. Ostrzolek musste den verletzten De Jong ersetzen und mit seiner schlichten aber wirkungsvollen Dynamik nach vorne sorgte Ostrzolek für Entlastung nach hinten und zugleich für gefährliche Tempogegenstöße. Mit Ostrzolek konnte Werner sein Spiel sukzessive weiter nach innen verlegen und somit flexibler aus seinen Ressourcen schöpfen. Werner wurde beinahe unbemerkt zu einem wichtigen Element der Augsburger Spielgestaltung. Ohne Neuzugang Ostrzolek wäre Werners entscheidende Entwicklung wohl nicht möglich gewesen. Für einen weiteren Schub sorgte Halil Altintop, der für Werner die Räume Richtung Strafraum schafft, die der ehemalige „Linksaußen“ vorher nicht hatte, weil er meistens auf Mölders auflief, der dort auf eine Direktabnahme „wartete“.

Nehmen wir die sensationellen Entwicklungskurven von Paul Verhaegh, Daniel Baier, Jan-Ingwer Callsen-Bracker hinzu, dann lässt sich das „Augsburger Wunder“ eben nicht spirituell, sondern mit der messbaren Klasse der Spieler erklären. Alle genannten Spieler sind langfristig beim FCA zu sehr guten Bundesligaspielern gereift. Mit diesen Spielern steht und stirbt der Augsburger Spirit. Auch ohne die explosive Übernacht-Entwicklung eines Andre Hahn könnte der FCA in der Bundesliga bestehen, stünde aber ein gutes Stück weit tiefer in der Tabelle. Bei Andre Hahn sind selbst für den kühlsten Kopf Anleihen bei der Metaphysik unumgänglich: Ein Geschenk der Götter!

Mit Milik, Bobadilla und Dong-Won Ji haben die Verantwortlichen beim FCA auf das statische Strafraumspiel reagiert. Mit Altintop haben die Brechtstädter einen ballsicheren wie torgefährlichen Verteiler im Mittelfeld gewonnen. Hitz und Manninger sind zwei bundesligataugliche Torhüter. Mit Verhaegh, (Philp) Klavan, (Hong) Callsen-Bracker, Ostrzolek (de Jong) steht eine erstklassige Verteidigung, die sich von Spiel zu Spiel zu einer wundersamen Gummiwand formte. Die in Klammern gesetzten Spieler garantieren als Ersatzspieler diese Klasse. Mit Baier hat der FCA einen der besten defensiven Sechser in der Bundesliga (zuverlässig und konstant wie ein feines Schweizer Uhrwerk). Falls er mal pausieren müsste, könnte er von Hong oder Callsen-Bracker ersetzt werden. Mit Kevin Vogt steht der erste Brecher vor und neben Baier. Vogt greift immer stärker ins FCA-Uhrwerk nach vorne ein. Er hat seinen Optimierungszwang bei Ballbesitz abgelegt, spielt nach zahlreichen Schnitzern wieder einfache Bälle, hat aber nach wie vor das Auge für lange Bälle und kluge Pässe in die Schnittstelle der gegnerischen Abwehr. Das Gleiche gilt für Jan Moravek, der, wenn in Form, vielleicht der beste Mittelfeldspieler der Augsburger ist. Die Winterverpflichtung Dominik Kohr ist für die nächsten 17 Monate eine solide Bank. Sollte den FCA keine biblische Strafe treffen, sollte er also von einer Verletzungsmisere verschont bleiben, so dürfen die Augsburger mit diesem Kader unverblümt von höheren Weihen träumen. Die Mannschaft steht wegen ihrer Klasse auf Platz acht, nicht weil sie seit Monaten über ihre Verhältnisse spielt.

Der Augsburger Trainer ist ein Abbild der Mannschaft. Markus Weinzierl kam ebenfalls aus dem Nichts der dritten Liga und wirkte in der ersten Spielzeit heillos überfordert, steigerte sich an seiner Aufgabe und wirkt derzeit so, als wüsste er immer genau, was zu tun ist. In Augsburg pfeifen es sie Spatzen von den Dächern, dass der ehemalige Weltklassespieler Stefan Reuter in seiner Eigenschaft als Manager dem Augsburger Trainer sehr klug und unauffällig mit Rat und Tat zur Seite steht. Wenn man sich monokausal festlegen wollte, müsste man eher Stefan Reuter als Markus Weinzierl zum Vater des Erfolgs erklären.

Der FC Augsburg führt aufgrund seiner erstklassigen Spieler eine großartige Mannschaft ins Feld der Träume. Kein Experte von Rang könnte sich lange gegen die These stellen, dass der FCA zu den ersten acht Mannschaften der Liga zählt, weil er einen dementsprechenden Kader hat. Die Puppenkiste kämpft längst nicht mehr gegen den Abstieg, sondern ist auf der Suche nach den ganz großen Momenten. Falls man am kommenden Sonntag zu Hause gegen Nürnberg und das Wochenende darauf gegen Freiburg triumphieren sollte, ist es vorbei mit dem vorsichtigen (wie verständlichen) Hab-Acht-Gerede der Vereinsführung. Dann muss sich das Management neue Ziele setzen. Ein einstelliger Tabellenplatz ist kein Ziel. Dann heißt das Ziel Europa. Die meisten FCA-Spieler, soviel steht fest, hätten dafür die Klasse.