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Freitag, 05.06.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

Der FCA ist ein Bundesligist, der selbst von seinem Trainer schwer einzuschätzen ist

Es gibt in der Geschichte der Fußballbundesliga kaum einen anderen Klub, der Fans wie Experten stärker überrascht hat als der FC Augsburg. Das gilt auch für die aktuelle Saison, in der der FCA von einem Sinkflug in einen Höhenflug umzusteuern verstand. Was den Sinkflug verursachte und warum er erst so spät eine Ende fand, ist eine Frage, die man trotz aller Glückseligkeit über den Höhenflug nicht unter den Tisch fallen lassen sollte.

Von Siegfried Zagler

Halbzeittabelle: FCA auf Platz 12

Halbzeittabelle: FCA auf Platz 12


In vielen Partien der gestern zu Ende gegangen Vorrunde zeigte sich der FCA als launische Diva, die sich selbst nicht richtig einzuschätzen verstand. Nach zwölf Spieltagen befand man sich zurecht auf dem letzten Platz. Dann kam der 13. Spieltag und alles wurde anders. Über Nacht legte der FCA die Diva-Rolle ab und stemmte sich diszipliniert und leidenschaftlich gegen den Abstieg. Dabei erzielte der FCA nicht nur gute Resultate, sondern zeigte verloren geglaubte Qualität, was folgende These erlaubt: Hätte sich der FCA von Beginn an auf das Spiel eingelassen, das er spielen kann und spielen hätte müssen, nämlich aus einer geordneten und giftigen Defensive heraus, die bei Balleroberung auf schnelles Spiel nach vorne umschaltet, und dabei schnell den Abschluss sucht, hätte der FCA nach nach dem Ende der Hinrunde nicht die die geringsten Abstiegssorgen, sondern könnte die verwegensten Träume träumen.

Es steht außer Frage, dass der FCA gegen Berlin wie gegen München einen Punkt hätte mitnehmen müssen, gegen Frankfurt und Mainz jeweils drei Punkte hätte mitnehmen müssen und es ist auch nicht daran zu zweifeln, dass der Augsburger Kaders qualitativ hinreichend bestückt ist, um in den beiden Heimspielen gegen die beiden Aufsteiger Ingolstadt und Darmstadt zwei Siege einzufahren. Triebe man es also auf die Spitze, ließe sich behaupten, dass man sich zwar über die zurückliegende Siegesserie freuen darf, aber dabei nicht vergessen sollte, dass der FCA bis zu seinem Erwachen in Stuttgart mindestens 10 Punkte liegen ließ, weil er schlecht verteidigte und konzeptlos nach vorne bolzte.

Das soll nicht heißen, dass der FCA, hätte er von Beginn an mit der richtigen Abstimmung und Einstellung gespielt, heute 29 Punkte vorweisen müsste und von der Championsleague träumen könnte, sondern soll heißen, dass der FCA fast zwei Drittel der Hinrunde sein Potential nicht voll auszuschöpfen verstand.

Ohne Unterstützung im Rücken liefen Ji oder Matavz, aber auch Altintop oder Werner die Torhüter und die ersten ballführenden Feldspieler ihrer Gegner an. Viel zu oft konnte (deshalb) der Gegner von der Mittellinie Richtung FCA-Tor Tempo aufnehmen und in offene Räume vorstoßen, die jede Abwehr schlecht aussehen lassen.Viel zu lange wurde im Mittelfeld sinnlos mit Hacke und Spitze hantiert und viel zu oft zurück gespielt. Viel zu oft hinten herum gespielt, um mit einem langen Diagonal-Ball jede gegnerische Abwehr zu unterfordern. Viel zu oft verloren die Mittelfeldspieler und auch die Stürmer einfache Bälle und viel zu oft wurden die seltenen Torchancen ausgelassen, die sich für den FCA eröffneten. Viel zu statisch eröffnete der FCA seine Angriffe und viel zu wenig suchten die Außen den Weg an die Grundlinie: Nach hinten mit zu geringer Konzentration, nach vorne zu konzeptlos und zu fahrig, so könnte man das Agieren des FCA in den meisten der ersten 12 Ligaspielen auf den Punkt bringen.

Ob das etwas mit falschem Coaching zu tun hatte, wurde in der Öffentlichkeit nur von der DAZ erörtert. Warum Markus Weinzierl erst dann, als der FCA vor dem Abgrund stand, darauf kam, was die Mannschaft kann und nicht kann, bleibt eine Frage, die die Fußball-Weisen in Augsburg ihrem geschätzten Trainer offenbar nicht entreißen wollen.

Will die lokale Presse – und damit ist vor allen das sonntägliche Boulevard-Blättchen gemeint, das die Bedürfnisse der Fangemeinde erfüllt, statt eine eigene und unabhängige Sprache zu entwickeln – dem FCA mit Ärmelschoner-Prosa schlimmstenfalls nur am Rockzipfel zupfen und ein Puppenkisten-Image verpassen? Wäre eine deutliche und reflektierende Sprache, die der Phänomenologie des FCA auf den Zahn fühlt und nicht in Watte packt, wie es die lokale Presse in Augsburg handhabt, nicht besser für den FCA? Würde der FCA öfters ein „Ausverkauft“ vermelden können, wäre die Berichterstattung zugespitzter? Die meisten Artikel in der Augsburger Allgemeinen zum Beispiel könnte man eins zu eins für die Stadionzeitung des FCA verwenden: Das macht nicht wirklich Lust auf Fußball.

Eine weitere schmerzvolle Frage: Warum steht Hertha BSC mit 32 Punkten auf dem 3. Platz? Die Antwort ist einfach: Weil die alte Dame ihre Möglichkeiten erkannt hat und ausschöpft. Bei den Berlinern stimmt die Mischung zwischen Kampf- und Spielvermögen. Das nicht einfach auszubalancierende Yin und Yang des Fußballs wurde beim FCA bereits in der Rückrunde der vergangenen Saison aus dem Gleichgewicht gebracht, indem ein Großteil der Mannschaft gegen vermeintlich schwächere Mannschaften dazu überging, alles spielerisch lösen zu wollen. Dieser Trend wurde von Weinzierl nicht ausgemerzt und somit in die aktuelle Saison übertragen. Schlichter sind Weinzierls Aufstellungsfehler, wie zum Beispiel Ji immer wieder als einzige Spitze zu bringen oder immer wieder auf Altintop zurückzugreifen, obwohl er im ersten Drittel der Vorrunde selten in der der Lage war, zwei Bälle in Folge korrekt zu stoppen.

Der Weinzierl-Satz, dass ihm der Nichtabstieg dieses Jahr mehr bedeuteten würde als der letztjährige fünfte Platz, rutschte dem Augsburger Coach über die Lippen, als sich der FCA auf dem Tiefpunkt seines Sinkflugs befand, und ist deshalb von einer dergestalt nichtssagenden Banalität gezeichnet, dass er eine dramatische Überhöhung benötigt: „Nicht sterben: Das ist dem Augsburger Trainer wichtiger als die schöne Zeit im vergangenen Jahr.“

Falls es dem FCA gelingen sollte, Form und Einstellung der letzten fünf Liga-Partien mit in die Rückrunde zu nehmen, um nach weiteren 13 Punkten in den kommenden fünf Spielen wieder Richtung Europa schielen zu können, mit welcher Priorisierungsphrase könnte Markus Weinzierl dann überraschen? Dass ihm der sechste Platz dieses Jahr wichtiger ist als der fünfte vom Vorjahr?