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Dienstag, 20.08.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

MEINUNG

Der Fall Egk

Warum Werner Egk nicht als Namenspatron für eine Schule taugt

Kommentar von Siegfried Zagler

© DAZ

Nicht nur Wissenschaftler, Juristen oder Beamte konnten nach dem Ende der NS-Zeit ihre Karrieren in der Bundesrepublik fortsetzen, auch zahllose Künstler, die sich mit dem Verbrecherregime gemein machten und es auf diese Weise bestätigten und davon selbst profitieren, setzten nach dem Krieg ihr Schaffen und ihren Weg fort, ohne in die Kritik oder gar in Gefahr zu geraten. Werner Egk war einer von ihnen.

Die Debatte um die Umbenennung einer Grundschule in Augsburg hat das skandalöse Wegsehen bei Egk beendet. In Donauwörth geboren, in Augsburg zur Schule gegangen, in München gewirkt. So wurde der Komponist Werner Egk in der Region zu einem Fall, besser: zu einem Streitfall, wie man ihn auf dem weiten Feld und in dem dunklen Wald der deutschen Vergangenheitsbewältigung selten antrifft. Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Verbrecherstaat, Bundesrepublik: Für den komponierenden Kulturfunktionär und den Anpassungskünstler Werner Egk gab es nur eine Richtung: nach oben.

Von 1930 bis 1933 arbeitete Egk für den Bayerischen Rundfunk, wo er auch 1935 als Gastdirigent seine Karriere als Orchesterleiter begann, die er zwischen 1936 und 1940 als Kapellmeister an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin fortsetzte. Danach ließ er sich als freischaffender Komponist vor allem in Lochham bei Münchennieder. Zwischen 1941 und 1945 war er Leiter der Fachschaft Komponisten der STAGMA  in der Reichsmusikkammer. 1933 vertonte Egk das von Kurt Eggers geschriebene NS-Festspiel „Job, der Deutsche“. Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin erhielt er eine olympische Goldmedaille in der Kategorie „Orchestermusik“ für seine Olympische Festmusik. Im November 1938 wurde seine Oper Peer Gynt uraufgeführt. 1939 notierte Propagandaminister Joseph Goebbels: „Ich bin ganz begeistert und der Führer auch. Eine Neuentdeckung für uns beide“. Egk wird in die NS-Liste der Gottbegnadeten aufgenommen.

Wenig später wurde ihm von Goebbels ein Musikpreis verliehen. Im Mai 1941 zeichnete er verantwortlich für die Musik zum HJ-Film „Jungens“ mit dem Marsch der deutschen Jugend zu einem Text von Hans Fritz Beckmann.

Ekgs „Verdienste“ und seine Honorare während der NS-Zeit sind gut dokumentiert. Vor der Spruchkammer gab er 1947 an, 1932 die Kommunisten gewählt zu haben und ein wahrer Antifaschist gewesen zu sein. Die Richter wollten ihm das nicht abnehmen, entlasteten ihn zwar, aber sahen durchaus eine moralische Schuld, indem er mit dem Regime „paktierte“.

Nach Kriegsende arbeitete Egk von 1950 bis 1953 als Direktor der „Hochschule für Musik“ in West-Berlin. 1950 wurde er Präsident des von ihm mitbegründeten Deutschen Komponistenverbandes und Vorsitzender des Aufsichtsrates der GEMA, 1951 Mitglied der Bayerischen Akademie der schönen Künste, 1964 Mitglied des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks, Ehrenmitglied der Dramatiker Union e.V., Ehrenmitglied der Städtischen Bühnen Augsburg und Gastdirigent der Bayerischen Staatsoper München. 1968 wird er Präsident des Deutschen Musikrates und 1976 Präsident der Confédération Internationale des Sociétés d’Auteurs et Compositeurs (CISAC).

1962 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden, 1970 das große Bundesverdienstkreuz, 1972 den kulturellen Ehrenpreis der Landeshauptstadt München, 1981 den bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst. 1971 wird er Ehrenbürger der Stadt Donauwörth, 1981 Ehrenbürger der Stadt München. 1983 verstarb Egk mit 81 Jahren.

Die erste und bisher einzige postume Ehrung erhielt er 1994, als eine Schule in Augsburg/Oberhausen nach ihm benannt wurde.

Nach all den Nachkriegsehrungen, Orden und Verdienstkreuzen sahen die damaligen politischen Entscheider in Augsburg wohl keine dunkle Stellen in seiner Biografie und feierten die Namensgebung damals mit einem großen Festakt. Es ist irritierend und unbegreiflich mit welchen großen biografischen Lücken im postfaschistischen Deutschland bis in die neunziger Jahre hinein Karrieren gemacht wurden.

Ein Vierteljahrhundert später war das ganze Ehrenblech wohl nicht mehr glänzend genug, um sich davon blenden zu lassen. In den Fokus der NS-Forschung einer neuer Generation von Wissenschaftlern geriet zunehmend der „gebildete Mitläufer“, der in der Masse den NS-Staat ermöglichte und stabilisierte. Von besonderem Interesse: die Kulturschaffenden.

Opfer, Widerständige, Mitläufer, Vordenker der Nazis, Täter: Sie alle, schreibt Ernst Klee in seinem Kulturlexikon des Dritten Reiches, bildeten die Kultur des NS-Staates. Über 4000 Namen sind dort gelistet. Dazu gehören der Dirigent Wilhelm Furtwängler, die Schauspieler Heinz Rühmann und Gustaf Gründgens – und natürlich Werner Egk. Es befinden sich auch weniger prominente Namen in dem Lexikon, und zwischen den Namen der Mitläufer und Profiteure sind auch die Opfer unter den Kulturschaffenden aufgeführt.

Mit der gebotenen Nachsicht sind Pauschalbewertungen bezüglich der Nazi-Mitläufer zu vermeiden. Jeder Fall birgt eine eigene Geschichte, auch wenn williges Mittätertum massenhaft vorkam. Größer nur noch das Heer der schweigenden Mitläufer und Wegseher, der Ängstlichen und Verstummten, die sich zum eigenen Schutz oder zum Schutz ihrer Familie keinen Widerstand, keine Flucht erlauben oder leisten konnten.

Widerstand gegen das NS-Regime war die Ausnahme. Dieser Widerstand war und ist heute bedeutsamer denn je für die moralische und geistige Konstituierung und Fortentwicklung einer Gesellschaft im demokratischen Europa. Nicht die Mittäter und die Mitläufer des NS-Regimes sind es, die wir Nachgeborenen zu ehren haben, sondern die Opfer und selbstverständlich die Akteure des Widerstands.

In Zivilgesellschaften sollten für ehemalige NS-Akteure keine Ehrungen vorgesehen sein. Günter Grass hätte nicht den Literatur-Nobelpreis erhalten, hätte die Öffentlichkeit von seiner NS-Vergangenheit gewusst. Unberührt davon bleibt die Blechtrommel als Beitrag zur Weltliteratur bestehen. Die Wertschätzung der Musik Werner Egks hat keine Bedeutung bei der Frage, ob er als Namenspatron einer Schule taugt oder nicht. Lange Zeit wurde diese Frage im Fall Egk gar nicht gestellt. 

Eine Frage, die 2019 mit Nein beantwortet werden muss. Sollte der Stadtrat am Mittwoch gegen die Umbenennung entscheiden, wäre dies eine sittenwidrige Entscheidung mit der Konsequenz, dass diese Frage immer wieder aufs Neue gestellt werden müsste. Wäre es anders, müssten wir mit dem Schlimmsten rechnen, nämlich mit Gedankenlosigkeit und dem Verfall der politischen Kultur in diesem Land.



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