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Freitag, 21.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

„Der eigentliche Erfinder von ku.spo ist wohl Bertolt Brecht“

Klaus Müllers Eventagentur „eest!“ hat sich der Aufgabe verschrieben, aus dem umstrittenen ku.spo Projekt eine akzeptierte Marke zu formen. Im DAZ-Interview erklärt Müller seine Strategie.

DAZ: Herr Müller, Sie haben sich im Kulturausschuss dahingehend geäußert, dass es besser wäre, wenn sich die politische Szene aus dem umstrittenen „Kultur&Sport“ Projekt – wie Sie es nun nennen – der Stadt heraushalten würde. Wie kommen Sie auf diese Idee? Das Projekt wird in hohe Maße mit Steuergeldern finanziert.

Müller: Ich wollte damit nur ausdrücken, dass es dem Projekt gut täte, wenn es nicht in einer parteipolitischen Mühle aufgerieben wird, sondern von der Auseinandersetzung einer objektiven und konstruktiven Diskussion befruchtet wird – der wir uns ja auch in einer öffentlichen Diskussionsrunde im H2 Anfang Juni mit Vertretern aus Kultur und Sport stellen werden. Dies ist auch der Wunsch vieler engagierter Bürger, ob im Bereich der Kultur oder im Sport, was ich aus vielen Gesprächen weiß, die ich die letzten Wochen geführt habe.

DAZ: In ihrem Konzept legen Sie Wert darauf, dass ku.spo kein Festival sei, sondern eine Plattform, die aufzeigen will, wo sich Kultur und Sport sinnvoll verbinden und wo „entsprechende Projekte und Aktivitäten wesentliche Stützpfeiler des gesellschaftlichen Lebens geworden sind“. Gibt es auch Verbindungen zwischen Kultur und Sport, die nicht sinnvoll sind?

Müller: Ich denke, wie in jeder guten Ehe gibt es Dinge, die anfangs gut waren, sich aber später als nicht tragfähig heraus gestellt haben. Bei ku.spo ist das nicht anders. Dabei sollte aber auch beachtet werden, dass viele Programmpunkte nicht einfach von einem Projektteam konstruiert, sondern von Bürgern eingereicht wurden. Genau das zeigt aber auch die Vielfalt einer lebendigen Stadtkultur, und letztendlich entscheidet der mündige Bürger was gefällt.

DAZ: Haben Sie noch die Zeit nachzubessern, um eventuell – wie gefordert – mehr auf Integration zu setzen und um die Universität als „wesentlichen Stützpfeiler des gesellschaftlichen Lebens“ einzubauen?

"Wir bauen den Bus und die Aktiven überlegen, wohin die Reise gehen soll": Klaus Müller


Müller: Da ku.spo ein offenes Konzept ist und von den einzelnen Initiativen und Anregungen aus allen Bereichen einer Stadt befruchtet wird, nehmen wir täglich neue Impulse auf und bauen diese ein. Stellen Sie sich das so vor: Wir bauen den Bus im Auftrag der Stadt, die Aktiven aus Kultur und Sport überlegen, wohin die Reise gehen soll, und gemeinsam erreichen wir das Ziel. Wir wollten nicht unter dem Deckmäntelchen des sozialen Engagements und des Integrationseifers eine Philosophie vorgaukeln, die nach näherer Betrachtung nur Alibifunktion hat. Wenn tragfähige Ideen an uns herangetragen werden, nehmen wir diese gerne mit auf und unterstützen sie mit ganzem Herzen. Ich möchte dabei betonen, dass wir ein offenes Konzept haben, das auf Familien mit und ohne Migrationhintergrund aller Schichten eingeht. Was schon allein durch die engagierte Vereinsarbeit vieler eingebundener Vereine selbstverständlich ist. Hier beginnt für mich auch eine bunte Stadtkultur.

DAZ: Somit wäre ku.spo nicht mehr so leicht anzugreifen, wie im vergangenen Jahr. Ein politisches Problem des auf fragwürdige Breitenwirkung angelegten Projekts ist doch besonders die angespannte Haushaltssituation der Stadt. Dort wo im Kulturbereich gekürzt wurde, besteht Unmut darüber, dass ku.spo relativ ungeschoren stattfindet. Die Kunstschaffenden haben das unlängst im H2 Herrn Grab vorgehalten. Ku.spo ist durch und durch ein politisches Projekt geworden. Ist es nicht so, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, dass Sie nun als erprobter Marketing-Experte einem schwer ins Schlingern geratenen Grab-Projekt ein neues Image einhauchen sollen?

Müller: Es geht nicht darum, ein neues Image einzuhauchen, sondern ku.spo ein Image zu geben, um in den Köpfen der Bürger anzukommen und durch Kontinuität ein Art Qualitätssiegel zu werden. Wir wollen allerdings keine Scheinmarke aufbauen, sondern wir wollen aufzeigen, was eine Stadt bewegt, wenn Kultur und Sport aufeinander treffen und sich Menschen für Neues begeistern, ob im Theater oder im Stadion. Ku.spo unterstützt den Blick über den Zaun. Dazu nutzen wir bewährte Werkzeuge und Konzepte, die Unternehmen erfolgreich machen. Wir beraten, strukturieren, präsentieren. Aus unserer Arbeit für Unternehmen sind wir es gewohnt, budgetorientiert zu handeln und, wo es notwendig ist, einzugreifen, um Kosten zu reduzieren oder Alternativen zu suchen. Mein Team und ich sehen uns als Projektbegleiter und Arbeiter, die ihre jahrzehntelange Erfahrung aus unterschiedlichen, oftmals nicht ganz einfachen Projekten einbringen.

DAZ: Worin unterscheidet sich denn nun Ihr „Kultur&Sport vom ku.spo-Projekt aus dem Jahre 2009?

Müller: In erster Linie durch die Konzentration auf drei Dinge: Fördern, Publizieren und Präsentieren. „Tue Gutes und rede darüber“ ist der Ansatz, und das Feedback der letzten Woche gibt uns Recht. Das heißt, ein Teil der Mittel, und das ist den Sponsoren wichtig, geht in die Förderung von Projekten, die aktive Elemente aus Kultur und Sport integriert haben. Diese Förderung kommt besonders Projekten zu Gute, die aus den bestehenden Töpfen nicht unterstützt würden und oftmals nicht stattfinden könnten, aber gerade in dem Prozess der Integration eine wichtige Rolle spielen.

DAZ: Kultur und Sport ist ein vielschichtiges Thema. Stünde es der Stadt nicht besser, wenn man dieses Thema ein weniger tiefer ausloten würde? Womöglich haben es die Vereine respektive deren Mitglieder nicht nötig, über ku.spo an irgendetwas kulturell Höherschwelliges herangeführt zu werden bzw. sich über ku.spo zu präsentieren.

Müller: Gerade weil das Thema so vielschichtig ist, braucht es eine besondere, signifikante Darstellung. Ich denke, wir loten sehr tief aus – allein schon durch die Diskussion um ku.spo sind Dinge an die Oberfläche gekommen, die sonst ein Schattendasein hätten. Es ist nicht richtig, dass es die Vereine nicht nötig hätten, sich über ku.spo zu präsentieren. Wie uns besonders die Sportvereine mit auf den Weg gegeben haben und es das Zitat vom 1. Präsidenten des TSV Firnhaberau Alfred Sahl unterstreicht: „Hier bekommen wir als Sportverein erstmals eine größere Plattform, auf der wir uns präsentieren können!“

Gerade durch die Sprache der Künstler, ob bildende Kunst oder darstellende Kunst, erreichen Sportvereine neue Zielgruppen oder können auf sich aufmerksam machen, besonders wenn sie nicht den populären Sparten angehören. Und welcher Künstler möchte nicht aus seinem Atelier oder Übungsraum heraustreten und vor der voll besetzten Tribüne eines Stadions seine Performance zeigen und Applaus ernten? Ich möchte mir allerdings nicht anmaßen, dass es einzelne Mitglieder eines Sportvereins nötig hätten von ku.spo ins Theater geführt zu werden, manchmal ist es eher umgekehrt.

DAZ: „Für alle Zuschauer, die erst jetzt eingeschaltet haben, das erste Tor ist schon gefallen.“ Kennen Sie das Zitat?

Müller: Ja, und es passt auch zu ku.spo. Auch bei ku.spo sind wir schon mitten im Spiel.

DAZ: Günther Jauch und Marcel Reif haben ziemlich genau vor 12 Jahren ein Champions-League Spiel kommentiert, das 76 Minuten später anfing, weil die Fans von Real Madrid ein Tor vor dem Spiel umgerissen hatten. Für die von Sport- und Kulturthematik geprägte überbrückende Plauderei erhielten die beiden später den Grimme-Preis. Als das Spiel anfing, gingen die Einschaltquoten zurück. Dem Sport fehlt oft die Sprache und der Kultur die Dynamik des Resultats. Wäre es nicht reizvoller, diese scheinbare Lücke zwischen Kultur und Sport mit Sprache oder mit Sprechtheater zu schließen als mit schwer evaluierbaren „Synergieeffekten“ über Events?

Müller: „Event“ ist ein abgedroschenes Wort. Heute bezeichnet man bald jedes Grillfest als Event und jeder, der Papierservietten besonders schön faltet, ist ein Eventmanager. Wir wollen auch keine Effekthascherei betreiben durch „Zwangssynergien“. Es gibt viele Bespiele dafür, wie spannend das Thema ist und wie viel Überraschungsmomente es beinhaltet. Allein wenn man den berühmten Sohn der Stadt, Bertolt Brecht, heranzieht, der sich immer wieder dem hochemotionalen Spannungsbogen widmete, wird begreifbar, was hinter dem Anschein steckt. Denn der eigentliche Erfinder von ku.spo ist wohl Bertolt Brecht. Auch dies möchten wir 2010 herausarbeiten – unter anderem mit dem „Kinnhacken“ oder der Nationalmannschaft der Autoren. Darüber hinaus bewegen wir uns durch die Ereignisse in der Stadt an vorgegebenen Strukturen entlang, wie z.B. mit der Nutzung der Public-Viewing-Wand auf dem Rathausplatz, außerhalb der WM mit Übertragungen für die Präsentation von Auftritten, Bildern und Filmen der Kultur und Sportszene. Oder mit der Ausgestaltung des Einmarsches der Nationen beim Kanu Welt Cup am Eiskanal. Wer beide Seiten der ku.spo-Medaille anschaut, wird mehr sehen. Wer Kultur und Sport in gleichem Maß in sein Leben einbaut, wird mehr fühlen.

DAZ: Ein schönes Schlusswort. Herr Müller, vielen Dank für das Gespräch.

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Das Interview fand zeitnah per Mailaustausch statt.

Fragen: Siegfried Zagler.

» Projekt-Konzept für kultur&sport 2010 (pdf, 256 kB)