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Mittwoch, 20.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Der Abschied von Votteler bedeutet eine kulturpolitische Weichenstellung

Die Augsburger Theaterintendantin Juliane Votteler wird noch einen Spielplan des Augsburger Stadttheaters gestalten, dann wird sie im Sommer 2017 nach 10 Jahren als Augsburger Theaterchefin verabschiedet.

Von Siegfried Zagler

Juliane Votteler in der DAZ-Zange: links Frank Heindl, rechts Siegfried Zagler

Juliane Votteler in der DAZ-Zange: links Frank Heindl, rechts Siegfried Zagler (Foto: Archiv)


Dass es so kommen wird, steht spätestens seit Mai 2014 fest. Seit der Bildung des Dreierbündnisses im Rathaus wurde immer wieder in den Fraktionen über die Personalie Votteler diskutiert und immer wieder kam man in allen Fraktionen zum gleichen Ergebnis: Vottelers Vertrag wird nach dessen Ablauf im Sommer 2017 nicht verlängert. Jede Fraktion hatte eine eigene Herangehensweise, um zu dieser Entscheidungsfindung zu kommen, aber einig waren sich alle darüber, dass man mit einer Nichtverlängerung eine neue kulturpolitische Weichenstellung ermöglicht.



I
st eine künstlerische Neuausrichtung des Augsburger Stadttheaters ein kulturpolitisches Ziel, das möglicherweise mit der anstehenden Sanierung des Theatergebäudes zu koppeln ist, dann ist es sinnvoll, sich vorzeitig auf die Suche nach einer neuen Intendanz zu machen.

Bleibt es bei der aktuellen wie informellen Beschlusslage, wird Juliane Votteler mit ihrem zehnjährigen Wirken von ihren zehn Vorgängern in der Nachkriegsgeschichte des Stadttheaters zeitlich nur von einem Intendanten übertroffen werden: Helge Thoma. Alle anderen Intendanten verbrachten weniger Zeit als 10 Jahre auf dem Chefstuhl des Augsburger Stadttheaters. Dass ein Intendanten-Vertrag nach zehn Jahren nicht verlängert wird, ist im Theater- und Kunstbetrieb, der Moden und Trends unterliegt, ein völlig normaler Vorgang und stellt keine Herabwürdigung der Person beziehungsweise der künstlerischen Leistung der Intendantin dar.

Schmerzvoll ist an diesem Prozedere nur, dass die Stadtregierung wie bei Joachim Lang wieder nicht in Lage war, die Kommunikationshoheit zu übernehmen. Anders als bei Brechtfestivalleiter Lang, dessen Vertrag ebenfalls auslief und eine Fraktion die Pläne des Kulturreferenten torpedierte, was zu einem monatelangen Gezerre führte, machten diesmal die Bündnis-Fraktionen Nägel mit Köpfen, und zwar unabhängig davon, was Kulturreferent Thomas Weitzel so meint.

„Der Referent ist Verwaltung, wir sind der Souverän“, hieß es stets auf Nachfrage. Thomas Weitzel selbst hat bei DAZ-Anfragen immer gemauert und auf die Entscheidungsfindung in den Gremien verwiesen. Dass Weitzel innerhalb des Dreierbündnisses möglicherweise weniger durchsetzungsfähig ist als Juliane Votteler selbst, ist einer der Witze, die zum Repertoire der lokalen Karikaturisten gehören.

Dass das nicht so weit hergeholt ist, belegt der heutige Nachmittag: Ein ehemaliger CSU-Kulturreferent bat die CSU-Fraktionsspitze zu einem Gespräch. Gegenstand der Unterhaltung: Die Verlängerung der Intendantin. Die CSU-Fraktion sei mit ihrer Entscheidungsfindung durch und gefestigt, hieß es. Dem ehemaligen Referent solle sogar die Begründung eingeleuchtet haben. Es ist nicht auszuschließen, dass Votteler die Augen vor der politischen Realität verschließt und mit den Mitteln einer Künstlerin um zwei weitere Jahre kämpft. Entsprechende Pro Votteler-Kommentare sind in den städtischen Feuilletons, aber auch in der Süddeutschen Zeitung zu erwarten. Diesbezüglich sind jedoch die Fraktionen im Augsburger Stadtrat wesentlich unempfindlicher als der Kulturreferent Thomas Weitzel.

Für einen Abgesang ist es zwar noch zu früh, doch soll an dieser Stelle bemerkt sein, dass das Verhältnis der DAZ zu Juliane Votteler die ganze Bandbreite ihrer Außenwirkung abzubilden vermag. Während die beiden Herausgeber nach ihrer Veröffentlichung über die Rolle der Theaterleitung bei der gescheiterten Containervergabe sich von ihr wie Schulbuben beschimpfen lassen mussten, wurde wenige Jahre später der Kulturredakteur der DAZ von Votteler als Gastdramaturg verpflichtet. Die Retourkutsche der Intendantin schlug krachend ein großes Loch ins Personalkontor der DAZ. Frank Heindl ist längst wieder zurück und möglicherweise wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als zum gegeben Zeitpunkt eine Bilanz der Votteler-Ära zu schreiben. Bis dahin wünscht die DAZ der Augsburger Intendantin noch ein gutes Jahr als Burgherrin am Hof ihres Stadttheaters.