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Donnerstag, 25.11.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Debatte um Brechtbild: Jan Knopf meldet sich zu Wort

„Ich muss Sie bitten, sie in vollem Umfang und sofort abzudrucken bzw. ins Netz zu stellen, was mich davon abhalten könnte, weitere Schritte einzuleiten. Ich gehe aber davon aus, dass Sie – in der Annahme, das Ihnen die Belange Augsburgs nicht ganz gleichgültig sind – sich der Diskussion stellen“, so beginnt ein Anschreiben von Jan Knopf an mich. Mit „sie“ ist Knopfs Replik auf zwei Texte gemeint. Die DAZ-Einleitung zu Armin Ayrens „Knopf-Verriss“ und natürlich der Verriss selbst. Knopfs Beschimpfung ist in einem Ton gehalten, der kaum zu beschreiben ist, weshalb die DAZ seinen Furor in eigener Sache gerne dokumentiert. Nur eine kleine Anmerkung möchte ich mir vorab herausnehmen: Natürlich hatte die DAZ ein eigenes Urteil und natürlich waren wir nicht „feig“ und bezogen selbst Stellung. Dutzende von Wertungen zum Brechtfestival und somit zu den Thesen von Jan Knopf und Joachim Lang sind in der DAZ nachzulesen. Zwei Mal wurde wir in den Augsburger Presseclub geladen und beide Male wurde hart am Gegenstand (neues Brechtbild) diskutiert. Doch nun Bühne frei für Professor Knopfs polemische Antwort auf einen Verriss seiner Brecht-Biografie.



Siegfried Zagler

„Der stinkende Atem der Provinz

Von Jan Knopf

"Stimmt das wirklich?" Jan Knopf (links), Siegfried Zagler

 Jan Knopf (links) und Siegfried Zagler im Augsburger Stadttheater während des Brechtfestivals 2011


Da sie offenbar kein eigenes Urteil hatten und zu feig waren, selbst Stellung zu beziehen, kramten sie für das Sommerloch 2014 einen Text aus, der sich mit meiner Brecht-Biografie, erschienen 2012, beschäftigt (um es neutral zu formulieren). Die mit »ms« zeichnenden Verantwortlichen der DAZ halten diese »Rezension« für seriös, weil sie, wie sie ausdrücklich anmerken, in einem Periodikum erschien, das der Rektor der Freiburger Universität herausgibt, sich also als hochschulreif ausgibt. Da macht es nichts, wenn am Ende der Auslassungen, nur wenig verklausuliert, der Verfasser Büchervernichtung für den Fall empfiehlt, dass ihn ein Buch ärgert. Wir kennen solches Ansinnen unter dem Stichwort »Bücherverbrennung« nur allzu gut und meinten, diese Zeiten wären endlich vorbei.

Da wäre es vielleicht besser gewesen, wenn sich Herr/Frau »ms« für den Abdruck an seiner/ihrer Statt nicht auf den guten Ruf der Universität Freiburg verlassen, sondern sich daran erinnert hätte, dass es da schon einmal einen Rektor gab, der – als es noch nicht unbedingt erforderlich war – zur Vernichtung von Büchern (und damit ihrer Autoren) aufrief. Dieser Rektor hieß Martin Heidegger und hat neuerdings durch ein paar Schwarze Hefte Kratzer abbekommen, die zusätzlich hätten aufmerken lassen können (oder so). – Freilich mit diesem, dem Heidegger, hat der Verfasser des abgedruckten Texts nur eines wirklich gemein, nämlich dass auch an seinen Fersen ein wenig Boden des nur halbfernen deutschen Schwarzwalds klebt. Ansonsten, höre ich, soll er zur Sorte der Oberlehrer gehören, die, ehe sie einen Text lesen, ihre 2000 Jahre alte (lateinische) Grammatik auf ihren Schreibtisch stellen, und alles, was sich den alten und ehrwürdigen Konstruktionen nicht fügt, mit gewetzter Feder rot anstreichen und sorgfältig zusammen zählen: 946 Fehler, festgestellt, ohne eine einzige Zeile des Inhalts wahrgenommen zu haben! Welch vernichtende Zahl! Da ich inzwischen noch ein paar Fehler gefunden habe, plädiere ich für 951½ (die andere Hälfte streiche ich meiner Quelle rot an, die falsch zitiert hat).

Allerdings, ehe ich es vergesse, hat der Rezensent eines Buchs, das ich geschrieben haben soll, mit dem Denker des Seins, ungeheuer oben, auch noch etwas weiteres gemein (er würde markieren, es muss heißen: gemeinsam!), nämlich dass er keine Ironie versteht. Es ist schön, dass er, der Rezensent, Valentins »abgründigen Witz«, für den dem Verfasser der Biografie jeder Sinn, wie er einfach mal behauptet, abgehe, zu goutieren weiß. Nur ist in jenem Buch, über das er zu schreiben scheint, gerade von diesem Witz die Rede und davon, dass Brecht von ihm profitierte und deshalb die Zusammenarbeit mit Valentin suchte. Das Beispiel, das der Wie-heißt-er-doch anführt, trifft ihn, tut mir leid (Einschübe solcher Art verbinden sich mit dem Gerundium!), entschieden selbst:

Er [der Autor jener Biografie] mag Karl Valentin nicht. Daß Brecht ihn bewunderte und mit ihm zusammenarbeitete, nimmt er ihm übel. Über eine “Show” (!) Valentins und Liesl Karlstadts, an der sich auch Brecht beteiligte, schreibt er: “Billiger als mit Persiflagen auf Schaubudenattraktionen ließ sich die Zeit wohl kaum verplempern, viel tiefer konnte das Niveau wohl kaum sinken – oder? Namen und Texte stammen, das ist deutlich zu erkennen, von Karl Valentin und nicht von Brecht, und alles läuft auf ziemlichen Blödsinn hinaus.”

Der Satz geht freilich in besagtem Buch so weiter:

Brecht aber war dabei, wenn es darum ging, »Volkskunst« zu veranstalten, wohlige Schauer unter das Publikum zu jagen oder auch das Publikum einfach vorzuführen, genauer gesagt: zu verarschen, und sich damit einen Spaß zu machen.

Jeder, der auch nur die geringste Ahnung von Valentins Kunst hat, weiß, dass es gerade dieser hochgradige Blödsinn ist, der Valentins hinterfotzigen Witz ausmacht. Und eben davon war vorher eine ganze Seite die Rede, nämlich die bisher unbekannte Tatsache, dass Brecht aktiv, und vermutlich auf dem Oktoberfest selbst, an Valentins Schaubude mitgewirkt hat, übrigens nicht Klarinette spielend, wie immer noch behauptet wird, sondern eine billige Blockflöte: Mit der verhält es sich genau so wie mit Brechts Nickelbrille, die aus Titan war. Auch für diesen Fall beweist der Herr Oberlehrer, dass er keinen Humor, vor allem auch keine Ahnung hat davon, worum es überhaupt geht. Das gilt auch für das monierte »hilfreich« statt »behilflich« (die behilfliche Hilfe war eben nicht hilfreich), oder für die »Besatzer« der Flugzeuge, die eben nicht bloße (scheinbar neutrale) Besatzungen waren, sondern mit den tödlichen Ladungen, die sie über der Bevölkerung abluden, den Anspruch verbanden, das Land für ihre Zwecke zu okkupieren. Zu solchen Nuancen gehört ein wenig Feinsinn, um den groben Sinn der Tatsachen wenigstens andeutungsweise in ihrer Brutalität zur Sprache zu bringen. Über die falschen Konjunktive verliere ich kein Wort; sie waren tatsächlich in der lateinischen Grammatik noch nicht vorgesehen und können dem Rezensenten nicht angelastet werden (was die Anzahl seiner Fehler erheblich reduziert).

Auch sollte dieser Herr, wenn er sich schon in universitäre Kreise begibt, gelernt haben – in Karlsruhe gehört dies ins erste Semester –, dass Zitate nicht aus dem Kontext gerissen werden dürfen, weil sie dann alles beweisen. So sein Urteil, dass der Schreiber dieses Buchs nicht zu den gescheiten Leuten gehöre, die Valentins Genialität (im Gegensatz etwa zu Samuel Beckett; man ist der Mann belesen) erkennen könnten. Als Beweis gilt ihm die Formulierung, Valentin habe zur Roten Zibebe von 1922 (die der Rezensent nicht kennt) mit einem »völlig idiotischen Hochrad-Akt beigetragen«. Stimmt. Der Kontext aber lautet: Nach der Pause folgte ein wohl völlig idiotischer Hochrad-Akt (dreimaliges Umkreisen der Bühne) durch Karl Valentin, und schließlich gab es noch den Valentin-Sketch Weihnachtsabend mit dem Autor, Karlstadt und Josef Eichheim. Alles zusammen war eine Mischung von Oktoberfest und literarischem Kabarett, welche die Handschrift Valentins trug und die es vorher noch nicht in >seriösen< Theaterräumen gegeben hatte. Dass Brecht damit sein eigenes Stück parodierte und dafür erstklassige Künstler [u.a. Joachim Ringelnatz, Valeska Gert, Klabund] gewann, zeigt nochmals, dass er sich frühzeitig und in aller Öffentlichkeit von der >hohen< bürgerlichen Ästhetik verabschiedet hatte und auch alles nicht so ernst meinte.

Mit der Ironie ist es so eine Sache, und an ihr sind schon so manche Brecht-Interpreten gescheitert, auch die, die meinen, Brecht habe wenig bis gar nicht gelacht, oder dem jungen Augsburger nicht zutrauen, dass er mit seinen kriegsverherrlichenden Texten, die er in den Organen seiner Heimatstadt publizierte, seine Mitbürger (wie später auch) auf den Arm nahm, sie es aber (bis heute) nicht bemerkten. Pech gehabt.

Dass der Buchbesprecher auch ansonsten – abgesehen von seiner Grammatik (die übrigens in den vorangegangenen Sätzen das Perfekt nach der consecutio temporum erforderte!) – die Zeit verschlafen (oder auch nur auf der Schwarzwalderde geruht) hat, legt er u. a. offen mit der unerbittlichen Aufzählung falscher Namenschreibungen. Den »Ihering«, den er vermisst, könnte der Autor der Biografie mit dem Robert von Jhering verwechselt haben, fragt er sich (und schon wieder beweist der Herr seine immense Bildung: nur wer ist das?), aber er kennt nicht die verschiedenen Schreibungen des Namens (deshalb ist im Register der »Ihering« ebenfalls nachgewiesen); und da sich der bekannte Kritiker »Ihering« auch »I-Hering« aussprechen ließe, hat sich der Autor (des Buchs) und auch Jhering selbst für das »J« entschieden. Bei der »Lenja« liegt der Fall ein wenig komplexer: Das »j« gehört zur deutschen Zeit vor den Nazis; das »y« wählte sie, die Lenya, im amerikanischen Exil (aus guten Gründen), und so ist es konsequent in jenem Buch gehalten (und auch für diesen Fall im Register freundlich nachgewiesen).

Dass der Rezensent vielleicht doch irgendein anderes Buch in der Hand gehabt haben könnte, legt er habe, wenn er einfach mal so behauptet: »um das wissenschaftlich saubere Zitieren mit Ziffern und Fußnoten oder Nachweisen in einem entsprechenden Register hat sich [der Biograf; Anmerkung: das schreibt man »Biograph«!] gedrückt – bei einem Werk dieser Art ein erhebliches Manko«. Nachblätternd in dem Buch, das ich kenne, finden sich die Stellennachweise auf den Seiten 523-538. Aber die haben schon andere Rezensenten übersehen. Zugegeben: sie sind (absichtlich) nicht leserfreundlich gehalten und kamen nur zustande, weil die Brecht-Erben aus naheliegenden Gründen auf Nachweisen bestanden. Denn, auch das sollten Leute, ehe sie ihre Feder wetzen, wissen, Biografien changieren zwischen Erzählung und Wissenschaft und dürfen deshalb – und dies tun auch viele – auf den wissenschaftlichen Apparat verzichten. Freilich ist dies keine Entschuldigung dafür, etwas zu vermissen, das da ist, und das der Herr nur deshalb vermisst, weil er nicht in der Lage war, die Seiten zu finden (sie stehen hinten im Buch!).

Als ich auf Lesereise (mit der Brecht-Biografie) u. a. Oktober 2012 in Stuttgart war, hatte die Stuttgarter Zeitung freundlicherweise dieses merkwürdige Gebilde des besagten Herrn zum Datum pünktlich abgedruckt, offenbar, um Gesprächsstoff für die Veranstaltung zu liefern. Ich war gewärtig, in der Diskussion gleich mit ihm überfallen zu werden, und erlebte, dass kein Mensch aus dem zahlreichen Publikum auch nur ein Wort darüber verlieren wollte, weil alle, wie das Urteil übereinstimmend lautete, eine solche Rezension für indiskutabel hielten. Und weil dies so war, hatte auch ich beschlossen, das Machwerk auf sich beruhen zu lassen.

Nun haben sich die Konstellationen freilich dadurch geändert, dass die Redakteure der DAZ, wer immer es im einzelnen ist, meinen, mit der Rezension ein gutes Argument gefunden zu haben, um das Brechtfestival zu canceln, und hierzu nun offenbar jedes Mittel recht zu sein scheint, auch das, einfach (leicht überprüfbare) und offenbar vorsätzlich Unwahrheiten, die übler Nachrede kaum nachstehen, zu verbreiten. So heißt es, zu meiner Biografie wäre (Konjunktiv) »nur ein kleiner Artikel [in der FAZ], erkennbar ein Freundschaftsdienst«, erschienen und habe »außerhalb Augsburgs« niemand interessiert. In Wirklichkeit haben alle großen Feuilletons (ZEIT, Welt, Neues Deutschland etc.) sowie die einschlägigen Radiosender (Berliner Rundfunk, Hessischer Rundfunk zur Buchmesse, Süddeutscher Rundfunkt u. a.) das Buch besprochen. Es hat 2013 den »Preis zur Förderung exzellenter geistes- und sozialwissenschaftlicher Publikationen« erhalten (der vom deutschen Buchhandel, vom Außenministerium der Bundesrepublik Deutschland u. a. vergeben wird); es war Buch des Monats der Literaturkritik; es wird zur Zeit ins Amerikanische (Yale-University Press), ins Koreanische und Chinesische übersetzt (was alles doch wohl außerhalb Augsburgs liegt), und es ist Gegenstand eines mehrtägigen Übersetzerseminars in Peking, an dem der Produzent der Seifenblase teilnimmt. Weitere Einzelheiten trage ich auf Anfrage gern nach.

Tatsache ist vielmehr, dass sich in Augsburg (fast) niemand für die Neuigkeiten der Biografie interessiert (ausgenommen die 14.000 Menschen, die 2014 unser Publikum beim Brechtfestival waren), und ich schon meinte, dass sie, wie es Frank Schirrmacher (das ist der, der für den Freundschaftsdienst in der FAZ gesorgt hat), so großartig formuliert hat, dem »Missachtungssyndrom« nämlich anheimfiele: Was einem nicht gefällt, lässt man einfach unter den Tisch fallen und hütet sich, davon oder gar dagegen zu reden.

Die DAZ hat dieses Komplott jetzt gebrochen, und also muss ich jetzt (was mich überflüssige Zeit kostet) reagieren, weil die Behauptungen, die da jetzt an die Öffentlichkeit treten, um es milde zu sagen, dreist oder einfach falsch und mangelhaft recherchiert sind, was der journalistischen Redlichkeit ihrer Urheber, die sich auch noch zu verstecken suchen, nicht gerade gut zu Gesicht steht.

In meiner Biografie sind einige Einzelheiten zu finden, welche die Augsburger eigentlich brennend interessieren müssten, die aber nie von den sich jetzt so lautstark Meldenden auch nur angesprochen wurden. Zum Beispiel: Vater Brecht »hielt sich« spätestens ab 1910 eine Geliebte, bekannt unter dem Namen »Fräulein Röcker«, eine »unbedingte Vertrauensperson«, welche die Kinder erzog, den Haushalt besorgte und so weiter, so die übliche Version. Die betrogene Mutter des jungen Brecht vermochte es zwar noch, die Dame, als sie sich einnisten wollte, rauszuwerfen; jedoch konnte sie 1918, am Ende ihrer Kräfte, nicht mehr verhindern, dass das Fräulein endgültig an ihrer Statt als Ehefrau ins Haindl’sche Haus einzog. Das war zwei Jahre vor ihrem Tod, den die Familie dann heuchlerisch betrauerte, was der Sohn durchschaute und sich deshalb – so das bis heute hochgehaltene Urteil der Familie – schlecht benahm, weil er die Heuchelei nicht mitmachte. 1926, ein anderes Beispiel, forderten die Arbeiter und Angestellten der Firma Haindl von ihrem Chef, den »Verbrechertyp«, nämlich den Herrn Direktor Brecht, zu entlassen, nicht nur wegen seiner »Hausdame«, sondern auch wegen diesem »Idioten und Revolutionsverbrecher, der noch heute von jüdischem und russischem Gelde lebt«, dem dichtenden Sohn nämlich. Dieser treibe sich mit einer Dame herum, die »auf den Strich geht« (»das Mensch« nannte man solche Frauen damals). Das war, was die Verfasser dieser geradezu unglaublichen, zugleich antisemitischen Zeilen nicht wussten, Marieluise Fleißer, die »Fleißerin«, die Brecht 1926 in Augsburg besucht hatte. So viel andeutungsweise zum politisch-gesellschaftlichen Leben in Augsburg, damals.

Ebenfalls halten die Augsburger bis heute hartnäckig an der Mär fest, dass Brecht als nationalistischer Chauvinist seine Texte ab 1914 für Augsburger Zeitungen geschrieben habe, obwohl meine Biografie handfeste Beweise dafür anführt, dass alles das, was die Brecht-Forschung bisher für bare Münze genommen hat, in Wahrheit raffinierte Versteckspiele des jungen Brecht waren, der nicht umsonst – auch dieses Urteil ist nachgewiesen – von einem Dichter außerhalb Augsburgs als »Sprachgott« bezeichnet wurde. Wer ein Gedicht, um einen Beweis der schwierigeren Art anzuführen, wie Der Kaiser. Silhouette, publiziert in den Augsburger Neuesten Nachrichten, 27.1.1915) für eine ächte (Entschuldigung: das ist Göthes Ortografie) Meinungsäußerung des Autors hielte, der setzte voraus, dass der siebzehnjährige Knabe damals ziemlich verblödet hätte sein müssen (um es umständlich auszudrücken). Dieser Knabe hatte Oscar Wilde gelesen, war an Wedekind geschult, interessierte sich nachweislich für Politik und wusste denn auch, dass seine Majestät, der Kaiser, nicht gerade zu den hellsten Köpfen gehörte. Einem Reim wie »Kaiser des Lands / Immanuel Kants« konnte kein Psychopath standhalten, weshalb die Genre-Bezeichnung eben nicht »Standbild« lautete, sondern »Silhouette«, und die ist nun mal kein Monument, wie es die Zeit für den angeblichen Friedenskaiser forderte. – Was der junge Brecht da wagte, war politisch so brisant, dass es, hätte die Häme jemand bemerkt, ihn wegen Majestätsbeleidigung den Kopf hätte kosten können. Diese, gut in Literatur verpackten Politika pflasterten buchstäblich den dornenreichen und kurzen Lebens- und Arbeitsweg des Poeten Bertolt Brecht, der deshalb einmal um die Welt gejagt wurde und zwischen alle ideologischen Stühle geriet.

Philologie könnte dazu da sein, ambivalenten und mehrsinnigen Formulierungen auf den Grund zu gehen, die in der Öffentlichkeit, ohne dass ihre Doppelbödigkeit auffiele, »durchgehen«, womit der damals mit »Berthold Eugen« zeichnende poeta minoris listig und erfolgreich rechnete. Wir Nachgeborenen könnten jetzt, unterrichtet von den furchtbaren Realitäten, denen Brecht zeitlebens ausgesetzt war, mit seinem Werk souverän umgehen und mit neuem Verständnis aufnehmen sowie ästhetisch umsetzen, vorausgesetzt wir informieren uns und verabschieden uns von (ideologischen) Überzeugungen, die längst erledigt sind. Die Künstler des Brechtfestivals beweisen seit Jahren, dass sie das können. Wieso nur sie? Und wer kann daran Interesse haben, das zukünftig zu verhindern?

Dass Brecht sich schon früh als »unabhängiger Unabhängiger« outete, sich zum Bolschewisten erklärte, der »ganz hinten« stehend ganz Augsburg vor möglichen Blutvergießen bewahrte, dass er noch 1927 die Rote Armee der Sowjetunion mit den Versen bedachte: »Und viele sah man mit Tigergebissen / Ziehend der roten, unmenschlichen Fahne nach« – Und: »mit blutbefleckten leeren Händen / So kommen wir grinsend in euer Paradeis«, dass Brecht 1934, im Jahr der Kunstdoktrin des Sozialistischen  den herrschenden Marxismus als »Murxismus« qualifizierte (was der Rezensent auch nicht verstand), dass er die Sowjetunion mied wie die Pest, aber trotzdem ungeschoren durch sie in die USA reisen durfte (während andere im GULAG endeten), all dies und vieles mehr, was gegen die Mär der »Konversion« zum Kommunismus ab 1926 spricht, habe ich – nicht nur mit meiner Biografie, sondern auch mit meiner Teilhabe am Brechtfestival – ausreichend und mit allen handfesten Nachweisen zur Diskussion angeboten.

Aber (fast) niemand geht darauf ein, auch der Augsburger Buchhandel nicht, der das Buch versteckte, auch das Dreigroschenheft nicht, das keine Besprechung brachte, auch die DAZ nicht, deren Redakteur Zagler ich persönlich ein Exemplar zukommen ließ und der mir eine Rezension versprochen hatte, und auch die Diskussion um unser bisheriges Angebot auf den Brechtfestivals ging nicht auf die neuen Tatsachen und Inhalte ein, sondern hielt sich an die alten Urteile mit einer schier unglaublichen Ignoranz. Auch das Brechtfestival brachte genügend Beweise dafür, dass die längst überholte Politisierung des Dichters, die eine verhängnisvolle Ideologisierung bedeutete, endlich in haltbare und vergnügliche künstlerische Umsetzung einer revolutionären Ästhetik überführt werden konnte, eine Ästhetik, die trotz allem Spaß und Humor, die sie mit sich brachte, nicht ihre gesellschaftskritischen, also politischen Spitzen verlor. Das Publikum gab und gibt uns recht. Warum sich ausgerechnet in Augsburg so viele Menschen der politisch-kulturellen Öffentlichkeit zu Wort melden, denen das nicht recht zu sein scheint, weiß der Geier (das einzige Tier, das alles weiß, es aber nicht verrät).

Was die DAZ jetzt bietet, ist ein furchtbarer Rückfall in den Kalten Krieg, ist der Versuch, ein Brechtbild zu retten, das nie den Realitäten, wohl aber den kleinbürgerlichen Vorstellungen einiger saturierter DDR-Oberen und ihrer Mitläufer vom politischen Dichter entsprach. Es ist immer noch der stinkende Atem der Provinz, der Brecht schon 1949, zurückkehrend nach (Ost-)Berlin, entgegenschlug. Es wäre zu begrüßen, wenn Augsburg nicht an ihm erstickte.

» „Das bisherige Brecht-Bild wird von Grund auf erneuert“ – Jan Knopf im DAZ-Interview zu seiner Brecht-Biografie (2011)