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Montag, 02.08.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Das klingt zu schön, um wahr zu sein“

Stadtarchiv: Studenten sammelten Unterschriften für Rettung

Von Frank Heindl

Für ihre Forderung, das Augsburger Stadtarchiv und seine wertvollen historischen Bestände zu retten, haben Studenten der Universität 630 Unterschriften gesammelt – am Donnerstag wurden sie Kulturreferent Peter Grab in dessen Büro übergeben.

„Es muss dringend etwas geschehen!“ – dieser Ausruf kommt von Herzen, denn er stammt von einer Betroffenen: Daniela Kah studiert bei Professor Martin Kaufhold am Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte und hat im vergangenen Herbst mit den Recherchen für ihre Masterarbeit begonnen. Nun kann sie sich erst mal Zeit lassen: Denn die Archivalien, die sie für ihr Thema benötigt (es geht um Augsburgs Außenrepräsentation im Spätmittelalter) sind für längere Zeit ausgelagert und nicht verfügbar.

Untragbar finden viele Studenten die Zustände im Stadtarchiv. Zu wenig Platz, zu wenig Personal, marode Bausubstanz, Brotkäferbefall – und seit einem Grundsatzbeschluss des Stadtrates aus dem Jahr 2003 ist nichts Wesentliches geschehen. Anlass genug, bei Studenten der betroffenen Fakultäten (Historiker beispielsweise und Juristen) um Unterstützung zu bitten für die Beseitigung der Missstände. 630 Unterschriften wurden seit Dezember vergangen Jahres eingesammelt – gestern übergab eine Gruppe von fünf Studentinnen die Listen in Peter Grabs Büro. Der bemühte sich, den Studierenden den Wind aus den Segeln zu nehmen.

„Die allermeisten Löcher sind schon vor meiner Amtszeit in die Bücher gekommen“ – v.l.: Daniela Kah, Pia Bornemann, Peter Grab, Jessica Schreyer, Yvonne Halfter, Miriam Aubele

In der Tat hat sich im vergangenen Jahr einiges getan, worüber man sich auch im Stadtarchiv sehr freut. Die vom alles vernichtenden Brotkäfer befallenen Bestände werden derzeit in eine der (unsanierten) Shedhallen neben dem Textilmuseum ausgelagert. Dort wird derzeit ein „Haus im Haus“ errichtet: Ein 500 m² großer, luftdicht abgeschlossener Saal entsteht, in dem die angenagten Bücher begast und so vor dem Käferfraß gerettet werden sollen. „Die allermeisten Löcher sind schon vor meiner Amtszeit in die Bücher gekommen“, betont Grab – nun geschehe endlich etwas zur Rettung. Auch mit Problem Nummer zwei gehe es gut voran: Zu den im vergangen Jahr übrig gebliebenen Mitteln kommen im laufenden Jahr weitere 100.000 Euro, um mit der Planung des endgültigen Umzugs in die Shedhallen fortfahren zu können. „Wir haben damit die Voraussetzung für die Fördergeber-Konferenz“ geschaffen, freut sich Grab, man sei im Zeitplan, der Umzug im Jahr 2013 sei „nicht gefährdet.“ Und auch das dritte Problem, die Zugänglichkeit der Archivalien, sei damit gelöst: Die begasten Akten bleiben gleich in der Shedhalle und stehen dort ab Herbst 2010 wieder der zur Verfügung – spät zwar für die Studentin Daniela Kah, aber doch für die Wissenschaft gerettet.

Das Misstrauen bei den Studenten bleibt: „Das klingt zu schön, um wahr zu sein“, meint Pia Bornemann. Doch als Sachbearbeiter Wilfried Buckreus mit den genauen Plänen der Shedhallen anrückt und auch die Kostenseite aufschlüsselt, wächst die Hoffnung. Auf knapp eine halbe Million Euro summieren sich allein die Ausgaben für die derzeitig laufende Rettungsaktion: Allein die baulichen Maßnahmen belaufen sich auf rund 300.000 €. Schwacher Trost: Die Regale für die ausgelagerten Bestände (Kosten: 155.000 €) werden nach dem Umzug weiterbenutzt.

Kerstin Lengger, stv. Archivleiterin mit einer Chronik aus dem 15. Jahrhundert

Kerstin Lengger, stv. Archivleiterin mit einer Chronik aus dem 15. Jahrhundert


Keine Hoffnung macht Grab den Studenten allerdings für eine Veränderung bei der Personalsituation im Archiv. Die Studentinnen beschweren sich und die stellvertretende Archivleiterin Kerstin Lengger bestätigt sie: „Der Andrang vor der Schließung war enorm, vernünftiges Arbeiten war da schwierig“, es habe „ein Gedränge und Geschiebe“ geherrscht, klagt Daniela Kah. Im Archiv hat man 2009 schon bis zum November 15.000 „Archivalienaushebungen“ gezählt – 15.000 mal haben Archivmitarbeiter angeforderte Akten aus den Regalen geholt. Einen ähnlichen „Run“ befürchtet man für den Herbst, wenn die ausgelagerten Bestände wieder zugänglich sind. „Das betrifft nicht nur Augsburger Studenten“, sagt Kerstin Lengger, „Wissenschaftler von überall her, teilweise aus Japan, warten darauf, dass sie mit ihren Arbeiten weitermachen können.“ Auch Lengger weiß, dass sie mit mehr Personal nicht rechnen kann – „wir werden in der Shedhalle deshalb wohl anfangs nur ein- bis zweimal pro Woche öffnen können.“

Auch ein anderes Problem bleibt dem Archiv deshalb noch für lange Zeit erhalten: Etwa 40 Prozent des Bestandes sind nach wie vor völlig unerschlossen, die Findsysteme sind teilweise noch von Hand geschrieben, Sichtung und Erfassung per EDV „werden uns noch ein Jahrzehnt beschäftigen.“ Kerstin Lengger scheint sich auf dieses Jahrzehnt zu freuen: „Wir sind jetzt sicher, dass Herr Grab und die Stadt uns weiter unterstützen werden, das Interesse ist da.“ Man werde versuchen, Mittel von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) zu bekommen, um die Bestände weiter zu erfassen, und dann „können wir auf jeden Fall noch auf tolle Überraschungen stoßen!“