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Donnerstag, 27.01.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Das kannten wir alles schon

Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“ scheitern im Stadttheater

Von Frank Heindl

Wunschbild fürs Album: Künstlerfreund Braun (Toomas Täht), die frischgebackenen Eltern Käthe (Judith Bohle) und Johannes (Tjark Bernau), sowie Mutter und Vater Vockerat (Eva Maria Keller und Eberhard Peiker)

Wunschbild fürs Album: Künstlerfreund Braun (Toomas Täht), die frischgebackenen Eltern Käthe (Judith Bohle) und Johannes (Tjark Bernau), sowie Mutter und Vater Vockerat (Eva Maria Keller und Eberhard Peiker)


Es ist doch noch gar nichts passiert – aber diese Käthe ist schon reichlich borderline. Nervös trommeln ihre Finger auf dem Griff des Kinderwagens, auf fast schon hysterische Weise versucht sie sich am glücklichen Lächeln. „Du kannst ganz zufrieden sein!“, befiehlt freundlich die Mutter und wird mit ähnlichen Banalitäten konsequent zu verhindern versuchen, dass „das Käthchen“ einmal sagt, was wirklich in ihm vorgeht. Dann klickt wieder der Fotoapparat für die Familienaufstellung, dann tritt man wieder „zurück ins Bild“, spielt heile Familie vor softer Hintergrundmusik, vor farblos hohen, keine Aussicht bietenden, plüschweich nachgiebigen Wänden. Manchmal allerdings, in trancehaft-alptraumartigen Zwischenszene, fällt das Bild aus, zerplatzt die oberflächlich geordnete Wirklichkeit in flirrende Pixel, lösen die Wände sich auf in eine wabernde Masse, gibt es keinen Halt mehr ringsum.

Gerhard Hauptmanns mehr als hundert Jahre alte „Einsame Menschen“ hat Lilli Hoepner fürs Stadttheater jung und modern auf Isabelle Kittnars Bühne gestellt. In weich gepolsterter Umgebung kämpfen sie ums gute, sinnvolle Leben wie wir Heutigen, strampeln sich ab beim Versuch, es anders und besser und doch wieder nur wie alle anderen zu machen. Verblüffend – einerseits –, wie wenig sich in den vergangenen hundertzwanzig Jahren getan hat, seit Hauptmann das Stück verfasste: Dreiecksverhältnisse gab’s schon damals, Hauptmann schrieb die authentische Geschichte seines Bruders um und erlebte sie kurze Zeit später in der eigenen Ehe. Andererseits leben wir doch in anderen Zeiten: Jeder kennt solche Geschichte heutzutage aus eigener Anschauung. Wie Ehen lautlos implodieren, wie Familien am Alltag zerbrechen, wie allerlei literarische Figuren am Ideal ihrer Glücksvorstellungen zugrunde gehen: Wir haben’s erlebt, gehört, gelesen und haben anschließend noch ein paar Ratgeber zum Thema konsumiert, alles ohne großen Nutzen.

Alle suchen die heile Familie

Käthchen, still leidend in der Ecke: Judith Bohle und Tjark Bernau mit Karoline Reineke als Anna Mahr

Käthchen, still leidend in der Ecke: Judith Bohle und Tjark Bernau mit Karoline Reineke als Anna Mahr


„Man ist halt verpfuscht“, sagt die unglückliche Käthe, schon ahnend, dass sie ebenso wenig aus ihrer Haut kann wie die anderen Mitspieler im Gefühlsreigen – „die reinsten Krüppel sind wir.“ Lange wird sie diejenige bleiben, die alle Schuld bei sich selbst sucht, während die Studentin theoretische Reden schwingt („Man muss frei sein in jeder Beziehung“), während Mama Altersweisheit versprüht („Elend hat’s immer gegeben“), während ihr philosophierender Ehemann an die Entscheidungsfreiheit appelliert („Du sollst wollen!“) – Phrasendrescher allesamt. Aber was ist eigentlich passiert? Johannes hat eine andere kennengelernt, die ihm geistig näher steht. Eine erotische Annäherung könnte stattgefunden haben, wird aber allerhöchstens angedeutet. Die andere, Anna, zieht ein und geht nicht mehr, wird zunächst von allen geliebt, sucht ja auch nur eine heile Familie wie alle anderen.

Und allen schauen weg: Keiner will wissen, was sich da anbahnt, und doch bekommt jeder alles mit – Käthe vor allem, die immer irgendwo im Bühnenhintergrund duldsam herumsteht, wenn anderswo vorwiegend über sie geredet wird. Auch Mutter Martha sieht alles. Und Ehemann Johannes weiß, dass alle wissen, verficht halsstarrig seine Freiheit, mit Beziehungen zu experimentieren, schafft es mit Anna zusammen, seine Frau in ein Spinnennetz aus Worten und Papier zu verstricken. Bis zum Schluss bleibt er seiner Vision treu: Einer „Ahnung“ von neuen Verhältnissen in den Beziehungen der Geschlechter. Auch das ist uns vertraut, nur den erforderlichen Pathos bringen wir nicht mehr auf: Hundertzwanzig Jahre weiter glauben wir zu wissen, dass all das ein Trugschluss war. Geändert hat sich nichts im Beziehungsschlamassel, obwohl wir heute vieles viel genauer wissen …

Dialoglastig und entwicklungsarm

Und das dürfte wohl die Krux weniger der Augsburger Inszenierung als des Stückes selbst sein: Das alles kennt ja jeder! Man kriegt abends Anrufe von heulenden verlassenen Ehefrauen und von vorgeblich glücklichen Müttern mit heftiger postnataler Depression, zwischendurch nimmt man alten Freunden die Beichte ab, die sich „auch noch mal jung fühlen“ wollen. Und man weiß, dass die Götter und die Lebensweisheiten der Eltern dabei keinen Schritt mehr weiterhelfen. Wie also sollte Gerhart Hauptmann noch Neues mitteilen können? Wie also sollte man anders als desinteressiert-gelangweilt reagieren auf ein stark dialoglastiges Stück, dessen Personal kaum Entwicklung, nur nervenzehrenden Status Quo zeigt, ein Stück, das keine Lösung, nur einen offenen Schluss kennt? Da hilft es nur wenig, dass Eva Maria Keller die Mutter Vockerat mit viel Inbrunst und noch mehr Witz darbot, dass Karoline Reineke die Störenfriedin Anna mehrdimensional ausloten durfte. Tjark Bernau als Ehemann Johannes blieb, stur und uneinsichtig, wie Hauptmann ihn gezeichnet hat, allzu flach, seine Flucht am Ende war psychologisch kaum vorbereitet. Judith Bohle hatte mit der gequälten Käthe, die Katastrophe schon fürchtend, als noch eifrig „heile Welt“ gespielt wird, die dankbarste, weil glaubhafteste Rolle. Mitreißen allerdings, fesseln, wenigstens zur Diskussion anregen konnte die Inszenierung nicht – wir kannten das doch alles schon.