DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Mittwoch, 17.08.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

„Das ist mir erst gar nicht aufgefallen“

„Irdische Paradiese“: Ein spezieller Audioguide vermittelt Kindern Spaß an der Kunst

Von Frank Heindl

Von der Märchenstunde ist Elias schon ein bisschen eingestimmt worden. Auf dem grasgrünen Teppich der „Paradise Lounge“ hatte er es sich gemütlich gemacht, als Praktikantin Isabelle Glaser das Grimmsche Märchen vom „Gestiefelten Kater“ vortrug. Immer donnerstags um 16 Uhr ist hier Märchenstunde, und auch Mamas und Papas dürfen dann ein paar kuschelige Kissen nehmen und sich endlich mal wieder vorlesen lassen, anstatt das immer selber zu machen. Das Märchen hat zwar Spaß gemacht, und spannend war’s auch, wie der kluge Kater den Müllersohn mit allerlei Tricks und Schlichen reich und glücklich machte. Aber offen gestanden war Elias ein bisschen ungeduldig, denn er hatte heute noch einen wichtigen Job: Er sollte „Tester“ sein.

Und deshalb ging’s dann gleich nach der Vorleserei im Höhmannhaus schnell hinüber ins direkt nebenan gelegene Schaezlerpalais. Dort bekam Elias einen der schicken Audioguides umgehängt, deren Ausleihe im Eintrittspreis enthalten ist. Das Besondere: Mama hört sich die Führung für Erwachsene an, aber für Elias und alle anderen Kinder und Jugendliche unter den Besuchern gibt’s den extra auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Kinderguide als akustischen Führer durch die Ausstellung „Irdische Paradiese“.

Ein „Wow!“ für Rodins Durchhaltevermögen

Diese Kinderführung ist – Papa durfte mithören – tatsächlich didaktisch toll aufbereitet: Kein altkluger Kommentator nervt mit langweiligen und allzu langwierigen Erklärungen. Stattdessen unterhalten sich zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, über bestimmte Werke der Ausstellung, die mit einem eigenen „Kinderguide“-Logo gekennzeichnet sind. Und die beiden dozieren natürlich nicht wie akademische Kunsthistoriker, sondern reden so, wie Kinder eben reden. 37 Jahre lang habe Auguste Rodin an seinem „Höllentor“ gearbeitet, erzählt das Mädchen. „Wow!“ antwortet der Junge, und Elias lacht, weil er ebenso überrascht war. Anschließend wir Rodins „Adam“ interpretiert als der Mensch nach dem Sündenfall, der „gebeugten Hauptes das Paradies verlässt“. Und schon sind wir mittendrin in der Ausstellung, und ohne dass es eigens erwähnt wurde, weiß der kleine Besucher nun, dass es hier nicht nur um paradiesische Zustände geht, sondern auch um deren Gegenteil: Die Vertreibung aus der Idylle, das oftmals harte, triste menschliche Leben.

Boule spielen, Früchte naschen, Tanzen - auch für Kinder hat das Paradiesische in Paul Signacs Gemälde "In Zeiten der Harmonie" seinen Reiz. Foto: Nikolai Dobrowolskij

Boule spielen, Früchte naschen, Tanzen - auch für Kinder hat das Paradiesische in Paul Signacs Gemälde "In Zeiten der Harmonie" seinen Reiz. Foto: Nikolai Dobrowolskij


Anhand von Paul Signacs „In Zeiten der Harmonie“ wird anschließend noch einmal das Paradies-Thema näher erläutert, für ältere Kinder gibt’s auch den Hinweis auf die Maltechniken von Pointilismus und Impressionismus. Dass die Maler ihre Gemälde aus vielen kleinen Punkten erzeugten, erklären die „Audiokinder“ sich und ihren Zuhörern durch den Vergleich mit Computerpixeln. So geht’s in lockerem Ton durch die Ausstellung, viele Bilder und Skulpturen lässt der Kinderguide aus, umso besser bleiben die wenigen, einprägsam besprochenen Arbeiten im Gedächtnis hängen. Oft geht’s im Kommentar neben dem Bildinhalt auch um die weitere Bedeutung. Zu Cézannes „hockender Venus“ beispielsweise wird auch erklärt, dass die Dargestellte „die Göttin der Liebe und Schönheit“ war – „alle Männer waren verrückt nach ihr!“

Genau Hinsehen will gelernt sein

Manche Erklärung dürfte für jüngere Kinder zu ausführlich sein, selten kommen die Erklärungen dann doch ein wenig gestelzt daher („der Künstler hat die Situation wirkungsvoll wiedergegeben“), aber in den allermeisten Fällen sind die Kommentare stimmig und können jungen Besuchern helfen, ihren kindlichen Erfahrungshorizont zu erweitern. Dazu knüpfen sie oft sehr treffsicher an der kindlichen Wahrnehmung an. Henry Moore’s Bronze „Sinnendes Paar“ etwa wird gleich ein wenig angezweifelt: „Ein Paar sind sie glaub‘ ich nicht“, sagt die Kinderstimme, „vielleicht lernen sie sich gerade kennen.“ Für solche Beobachtungen muss man schon genau hinsehen – und nur das kann ja das Ziel sein, wenn man jungen Menschen bildende Kunst näher bringen will. Dass die Gestalten in einem Gemälde von Sisley fast im Bild verschwinden ist auch so eine Beobachtung: „Stimmt“, sagt Elias begeistert, „das ist mir erst gar nicht aufgefallen!“ – und hat flugs gelernt, dass einmal hinschauen meistens nicht reicht und dass manches auf den zweiten Blick ganz anders aussieht.

Manchmal reicht aber trotzdem schon das erste Hinsehen: „Das ist total witzig“, findet Elias schon beim ersten Blick auf Nino Caffès „Verschneiten Park“, in dem sich schwarz gewandete Priesterseminaristen eine ausgelassene Schneeballschlacht liefern. Das Ausstellungsplakat haben wir übrigens am Schluss noch kaufen müssen (3 Euro), weil Elias nach langem Überlegen zur Überzeugung gekommen war, dass Signacs „Zeiten der Harmonie“ in dieser Ausstellung sein Lieblingsbild ist. Er wusste nach unserem Rundgang noch ganz genau, dass die Menschen auf diesem Bild Boule spielen, tanzen, lesen, trinken und essen. Einfach paradiesisch.

PS: Elias ist sechs Jahre alt und wir haben uns für die Ausstellung eine Stunde Zeit genommen. Jüngere Kinder würde der Audioguide wohl überfordern, aber wir können uns vorstellen, dass auch doppelt so alte und ältere ihn gerne nutzen und dann auch länger in der Ausstellung bleiben werden. Mama jedenfalls hat manchmal ihren Erwachsenen-Guide ausgeschaltet und neidisch gelauscht, worüber Vater und Sohn sich schon wieder so freuen.

Und noch ein Nachsatz: Christoph Trepesch, Leiter der Augsburger Kunstsammlungen und Museen, freut sich, dass in den ersten zehn Tagen schon 6.000 Besucher die „irdischen Paradiese“ gesehen haben.