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Donnerstag, 28.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Das Große Haus kann nun ohne das Relevanzgedöns der Theaterleute begutachtet werden

Warum die “vorzeitige” Schließung des Theaters eine letzte Chance bedeuten könnte

Kommentar von Siegfried Zagler

Das Große Haus des Augsburger Stadttheaters wird am 19. Juni 2016 für unbestimmte Zeit geschlossen. Ein Jahr vor der geplanten Schließung beginnt die Zeit der Planer, der Brandschutzexperten, der Statiker und der Handwerker. Und im Gegensatz zur Auffassung der Augsburger Allgemeinen, die der Stadtregierung in Sachen Brandschutz durch die Blume taktisches Vorgehen unterstellt, bedeutet für die Kritiker der Sanierung diese „vorzeitige“ Schließung eine frische Brise Wind in den Segeln, sodass ihr Schiff, das ein wenig ziellos in fremden Gewässern herum schipperte, endlich Fahrt aufnehmen könnte.

I   Brandschutz ist verhandelbar und Brandschutz ist nicht verhandelbar!

Nach der derzeitigen Planung der Stadt soll die Wiedereröffnung in der Spielzeit 2022/23 stattfinden. Trotz der vorzeitigen Schließung ändert das an diesem Zeitplan nichts. Die Stadt räumt indirekt mit dieser Schließung ein, dass die überraschende Spielzeitverlängerung bis in den Sommer 2017 sich als ein „schwerwiegender Verhandlungsfehler“ mit dem Brandschutz herausstellte. „Brandschutz ist nicht verhandelbar“, so der kategorische Imperativ, den Baureferent Gerd Merkle wie eine Gesetzestafel den Sanierungskritikern immer dann entgegen schleudert, wenn diese ihr Credo ausbreiten: „Brandschutz ist verhandelbar“.

Brandschutz wird ständig verhandelt, sonst hätte in Augsburg kein einziger Opernball stattfinden können. Brandschutz ist ein Dauerverhandlungsthema und ohne verhandelte   Kompensationsmaßnahmen, die den Brandschutz zeitgemäß auf Stand halten, würden in Deutschland Theaterschließungen zum Standardrepertoire der Berichterstattung in den Feuilletons gehören. Wenn Gerd Merkle aber sagt, dass Brandschutz nicht verhandelbar sei, dann würde das dennoch stimmen, wenn er nur hinzufügen würde, dass die Stadt nicht mit ihren Bürgern über Brandschutz verhandeln könne. Die Verantwortung für den Brandschutz liegt bei der Stadt. Kommen Menschen durch einen Brand im Theater zu Schaden, sitzen OB Gribl, Baureferent Merkle, Ordnungsreferent Wurm und Brandschützer Habermaier auf der Anklagebank und nicht die Bürger, die über den Brandschutz verhandeln wollen. Der Brandschutz ist ein Schutz, der stets verbessert werden muss, also ist er in diesem Sinn der Maßgebung des technischen Fortschritts ausgesetzt und somit im Fluss und stets verhandelbar. Unverhandelbar wäre er nur in dem Zusammenhang, dass fehlende Standards durch ein Zuviel an temporärer Kompensation ersetzt werden sollten.

II    Nicht die Schließung ist der Skandal, sondern der Umstand, dass die Erkenntnisse, die zur Schließung führen, ‘neu’ sind

Aus gutem Grund muss man sich also darüber wundern, dass das Große Haus so lange bespielt werden konnte. Und man könnte gar zur Auffassung kommen, dass der Brandschutz im Großen Haus zu stiefmütterlich behandelt wurde. Wenn man zu „neuen Erkenntnissen“ kommt, die dazu führen, dass man das Haus umgehend schließen muss und ein Opernball aus Sicherheitsgründen nicht mehr genehmigungsfähig ist, dann bekommt das Vorgehen der Stadt einen Geschmack, der schwer auszuhalten ist: Nicht die Schließung wegen neuer Erkenntnisse ist der Skandal, sondern der Sachverhalt, dass die Erkenntnisse, die zur Schließung führen, „neu“ sind.

Der Brandschutz ist im Großen Haus vor wenigen Tagen mit dem Einbau zusätzlicher Feuermelder verbessert worden. Warum erst vor wenigen Tagen? Warum sind die „zerstörenden Untersuchungen“, die immerhin in einer laufenden Spielzeit vorgenommen wurden, nicht viel früher vorgenommen worden? Waren die Opernbälle in der Vergangenheit nach den neuen Erkenntnissen zufolge riskante Unternehmungen? War die Fortsetzung des Spielbetriebs, die im März dieses Jahres bekanntgegeben wurde, gemäß der neuen Erkenntnisse, nicht ein Akt des Leichtsinns? Man will diese Fragekette nicht zu Ende führen. Sie würde am Ende einen Pranger bilden.

III   Die Sanierung setzt Fehler der Vergangenheit fort

Für die Sanierungskritiker gilt nun, dass sie deutlicher kommunizieren müssen, dass sie Kritiker dieser Sanierung sind, die sie über die schwächste Stelle der Stadt stoppen wollen. Ihre Fragestellung zielt zwar auf die Finanzen ab, meint aber die Sanierung. Keiner von ihnen würde sich gegen weitere Schulden der Stadt ins Zeug legen, würde man damit Schulen und Straßen sanieren oder bezahlbare Wohnungen bauen. Das Ziel des Bürgerbegehrens besteht darin, diese Sanierung zu stoppen. Nicht das Theater soll abgeschafft werden, sondern eine Sanierung gestoppt werden, die die Fehler der Vergangenheit fortsetzt, als müsste man einer Sackgasse folgen, wie die Dinge der Schwerkraft.

IV   Weder der Denkmalschutz noch der Brandschutz noch die Theaterintendanz sind Gegenstand der Sanierungskritik

Bei der Augsburger Sanierung handelt es sich um eine  Maßnahme, die sich in eine Liste kulturpolitischer Fehlentscheidungen einreiht, die  bereits mit dem Bau dieses überdimensionierten Hauses Ende des 19. Jahrhunderts begann. Damals waren Theaterhäuser dieser Dimension nicht viel mehr als eitle Selbstbespiegelung einer auch in Augsburg aufstrebenden neuen Klasse. Von Beginn an haben Wirtschaftskraft der Stadt Augsburg und sein Stadttheater nicht miteinander korrespondiert. Die Geschichte des Augsburger Theaters ist von Beginn an eine Krisengeschichte. Das Große Haus nach seiner Zerstörung in den 50er Jahren wieder in seiner alten Größe aufzubauen, war die zweite Fehlentscheidung dieser Krisengeschichte und bedeutete ein Versagen der Augsburger Kulturpolitik, das nur noch von ihrem Totalversagen bei der Instandhaltung dieses Hauses übertroffen wurde.

Die aktuellen Sanierungspläne sehen nun vor, das marode und in jeder Hinsicht (heute noch viel mehr als damals) überdimensionierte Haus mit einem extrem hohen finanziellen Aufwand zu sanieren. Man befinde sich in einer Zwangssituation wegen des Brandschutzes und des Denkmalschutzes und man würde eine historische Chance verstreichen lassen, würde man die Rekordförderung des Freistaates nicht nutzen. Zu verantworten haben diese haarsträubende Kulturpolitik Oberbürgerbürgermeister Kurt Gribl und „seine“ ihm hörige Stadtregierung. Nicht die aktuelle Theaterintendanz oder der Brandschutz oder der Denkmalschutz sind die Adressaten der Sanierungskritik, sondern die politischen Entscheider, die floskelhaft einen Theaterstandort hochhalten, der von Beginn als Ort der Theaterkrise gezeichnet war.

V   Die Transformation des Fremden in das Eigene

Will man in der Augsburger Kulturpolitik aus dem Rad heraus kommen, in dem man seit über hundert Jahren strampelt, ohne auch nur einen Schritt vorwärts zu kommen, müsste man etwas unternehmen, das der Philosoph Ernst Bloch in seinem Hauptwerk („Prinzip Hoffnung“) eindringlich und auffordernd mit seinem vorwärtsgewandten Heimatbegriff beschreibt. Bloch bezieht sich bei seinem Heimatbegriff auf einen radikalen Umbau einer verfremdeten Welt in „Heimat“. Heimat ist in seiner Philosophie eine Chiffre für eine gelungene Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt. Dieser Prozess ist nicht politisch durchsetzbar oder festlegbar, sondern zeige sich tendenziell in menschlichen Vorstellungen und ihren Manifestationen.

Die Sanierungskritiker haben nun die Chance, zusammen mit den Bürgern und möglicherweise sogar mit der Stadtregierung (nach – aber auch noch vor dem kommenden Bürgerentscheid), für eine Transformation des Falschen in das Richtige zu sorgen – oder, um es mit Bloch zu sagen: für die Transformation des Fremden in Heimat. Die vorzeitige Schließung verschafft diesbezüglich einen zusätzlichen Spielraum, weil mit der „falschen Sanierung“ nicht früher begonnen werden kann und somit das Große Haus unbelastet vom Spielbetrieb und dem Relevanzgedöns der Theaterleute mit einem anderen Blick begutachtet werden könnte.

Man kann an dieser Stelle nur an die Parteien und die verantwortlichen Politiker appellieren, sich an die Gesamtverantwortung für die Stadt zu erinnern, sich an die vielen angefangenen Augsburger Sanierungsprojekte zu erinnern, die aus Geldmangel „unterbrochen“ beziehungsweise eingestellt wurden. Sich nicht am lauten Geschrei partikularer Interessen auszurichten, sondern mit kühlem Kopf und wissenschaftlicher Akribie die Gesamtsituation der Stadt und der Augsburger Theaterlandschaft zu untersuchen, wäre die richtige Herangehensweise gewesen. Das ist zwar bisher nicht geschehen, kann aber nachgeholt werden.

Einen aufgesetzten Fremdkörper, der dieser Stadt künstlerisch wie finanziell schwer zu schaffen macht, in etwas umzubauen, das dieser Stadt mit ihrer Lebenswirklichkeit als etwas Eigenes (als „Heimat“) erscheint, ist in den kommenden Jahren die wichtigste Aufgabe der Augsburger Politik.