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Dienstag, 20.10.2020 - Jahrgang 12 - www.daz-augsburg.de

„Das Geheimnis liegt im Funktionalen“

Staats- und Stadtbibliothek ist ein architektonisches Kleinod

Von Frank Heindl

Der Plan der Stadtregierung, das Gebäude der Staats- und Stadtbibliothek (Stabi) an der Schaezlerstraße dicht zu machen und ihre Bestände auf verschiedene andere Institutionen zu übertragen, mithin einen kulturellen Schatz von kaum zu bezifferndem Wert aus den Händen zu geben, ist in der Öffentlichkeit auf enorme – und durchweg negative – Resonanz gestoßen. Die Webseite der Stabi-Freunde (www.rettet-die-stabi.de) ist ein Forum für Solidaritätsadressen und offene Briefe geworden, die sich ohne Wenn und Aber für die Erhaltung der Stabi einsetzen. Dabei ging es bisher – und wohl auch zu Recht – ausschließlich um den Inhalt, sprich die zehntausende von Büchern, Folianten, Dokumente, die das Haus beherbergt. Die altaugsburggesellschaft bringt nun einen weiteren Aspekt in die Diskussion ein, der bisher vernachlässigt wurde: Das Gebäude selbst, in dem die Stabi seit mehr als hundert Jahren residiert.

Geradezu eine Verkleidung: Fassade der Staats- und Stadtbibliothek

Ulrich Heiß weist in einer Analyse für die altaugsburggesellschaft zunächst auf den städtebaulichen Zusammenhang hin: Das Gebäude der Stabi bilde an der Schaezlerstraße „zusammen mit dem Stadttheater, dem Justizpalast, dem Stadtarchiv, der Schule am Stadtpflegeranger, der Hauptpost und den vielen Wohn- und Geschäftsbauten zwischen Altem Einlass, Fuggerstraße und Grottenau ein großstädtisches Forum.“ Auch dass das Gebäude – im Gegensatz zu allen anderen in seiner Umgebung – in einer Grünanlage steht und von der Straße nach hinten abrückt, hebt Heiß hervor. Befürworter der Stabi-Schließung könnten einwenden, dem Gebäude geschehe ja nichts, wenn die Bibliothek ausziehe.

Einem modernen Hochregallager ähnlich: Stabi mit 8 Buchgeschossen

Heiß weist allerdings sehr schlüssig nach, dass mit dem Gebäude nichts anderes anzufangen wäre: Der Augsburger Stadtbaurat Fritz Steinhäußer hat es als Bibliothek konzipiert – und nur als Bibliothek. Denn das Äußere des imposanten Gebäudes ist geradezu eine Verkleidung: Scheinbar besteht es aus einem Sockel und einem eingeschossigen Baukörper – in Wahrheit verbergen sich dahinter aber nicht weniger als acht Stockwerke! Das gelang dem Architekten durch die niedrige Raumhöhe von zumeist nur zwei Metern – die auch dem Besucher verborgen bleibt, der in die Bibliothek „wie in ein Schloss“ trete und hinauf zum Lesesaal durch das „herrschaftliche Treppenhaus“ gelange.

Das Geheimnis der Bibliothek, so Heiß, „liegt im Funktionalen.“ Sie ist nämlich im Inneren einem modernen Hochregallager ähnlich – „der neubarocke Aufwand des Äußeren umrahmt eine selbständige Eisenkonstruktion im Inneren.“ Diese Konstruktion stützt das Gebäude vom Dach bis ins Fundament (einer Granitplatte), die horizontalen Eisenverstrebungen schließlich verbinden das Ganze zu einer Art „Rasterkäfig“. Die Idee dahinter ist einfach und geradezu genial: Die Fassade der Stabi ist völlig von allen anderen Aufgaben befreit, kann sich „kolossale Fenster“ leisten, die ihr „Ruhe und Größe“ verleihen – und dabei einen hochpraktischen Zweck erfüllen. Da das Gebäude ausschließlich als Bibliothek geplant wurde, haben die Buchgeschosse nie über eine Heizung verfügt – dagegen sprachen damals Brandschutzargumente. Die großen Fenster dagegen lassen viel Licht – und im Sommer auch viel Wärme herein. Die niedrigen Raumhöhen dagegen erleichtern den Bibliothekaren die Arbeit und sorgen für maximale Stellflächen.

Ulrich Heiß weist auch auf den kaum zu überbietenden Erhaltungszustand des Gebäudes hin: Er sei „in denkmalpflegerischer Hinsicht nicht zu übertreffen. Bis ins letzte Detail der Türgriffe und des Briefkastenschlitzdeckels ist alles erhalten. Die spezielle Konstruktion mit den niederen Decken, der spartanischen Infrastruktur im Inneren sowie der maßgeschneiderten Architektur machen eine Umnutzung undenkbar.“ Sein Fazit: „Das Haus ist als Bibliothek gebaut und kann nur als Bibliothek genutzt werden. Für immer.“

Literaturhinweise von Ulrich Heiß:
  • Fritz Steinhäuser: Augsburg in kunstgeschichtlicher, baulicher und hygienischer Beziehung. Fest-Schrift den Teilnehmern an der 15. Wander-Versammlung des Verbandes deutscher Architekten und Ingenieur-Vereine gewidmet von der Stadt Augsburg. Augsburg 1902, Seite 74-80.
  • Bernt von Hagen, Angelika Wegener-Hüssen: Denkmäler in Bayern, Stadt Augsburg. München 1994.

Beide Bücher sind in der Staats- und Stadtbibliothek einseh- und auch ausleihbar.



Der gesamte Text von Ulrich Heiß zur Stabi:

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