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Donnerstag, 22.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

„Das bisherige Brecht-Bild wird von Grund auf erneuert“

Professor Jan Knopf wird in der Gilde der Literaturwissenschaftler weltweit als führender Brecht-Experte gehandelt. Für das gestern zu Ende gegangene Augsburger Brechtfestival stand Knopf als wissenschaftlicher Berater zur Verfügung. Im DAZ-Interview zog der Literaturwissenschaftler ein insgesamt positives Fazit. „Wir sind auf dem rechten Weg“. Das Festival habe es geschafft, den Künstler Brecht, der vor allem Vergnügen bereiten wollte, auch tatsächlich als solchen zu vermitteln, ohne ihm dabei den gesellschaftskritischen Stachel zu ziehen.

Vorhang zu, alle Fragen offen: Professor Jan Knopf (links) und DAZ-Herausgeber Siegfried Zagler im Stadttheater nach dem umjubelten Auftritt von Dominique Horwitz

DAZ: Herr Knopf, ich hatte das Vergnügen einer ihrer “Brechtsprechstunden“ beizuwohnen, Sie erzählten dabei beiläufig von ihrer – vor dem Abschluss stehenden – dritten Brecht-Biografie. Sie wird bei Hanser als Roman erscheinen. Warum ein Roman?

Knopf: Biografien schwanken als Genre zwischen der Erzählung eines Lebens und der Dokumentation von Zeit und Person; sie schwanken zwischen Geschichtsschreibung und Roman, denn es soll ja möglichst lebendig sein und die Leser in die Geschichte „hineinziehen“, und dies kann gelingen, wenn ich konsequent – bis auf die Werkbeschreibungen – das Tempus das Präteritum wähle.

DAZ: Wer ist die Hauptfigur des Romans?

Knopf: Brecht, aber nicht als „Ich“, als autonomes Individuum, sondern als „kampfdurchtobte Vielheit“, wie Brecht das formuliert hat, und als „Medium“ durch das die Zeit – also das persönliche und zeitgenössische Geschehen – vermittelt ist beziehungsweise zur Sprache kommt.

DAZ: Ist dieses literarische Ich eine entwicklungsfähige Figur mit Brüchen, Zweifeln, Widersprüchen oder ein gefestigter Erzähler, der sich dem zu erzählenden Stoff aus der notwendigen Erzähldistanz widmet?

Knopf: Ich habe beschlossen, den Erzähler als Ich-Erzähler einzusetzen, der das Material, das heißt die ganzen Dokumente, die ich für die Biografie aus dem reichen Schatz meiner Arbeitsstelle verwende, auswählt, die Auswahl begründet, wiedergibt, entweder durch Referat oder auch, wenn die Texte gute Qualität haben, zitiert, in Beziehung setzt, bewertet und auch erklärt, wenn sie nicht für sich sprechen. Auseinandersetzungen mit der Forschung erfolgen nicht.

DAZ: Das klingt beinahe so, als würden Sie einen Enthüllungsroman schreiben!

Knopf: Ja, das ist der Fall. Die ideologisch gefärbten Entwicklungsgeschichten des Herrn Brecht vom Bürgerschreck über den Vulgärmarxisten, den (angeblichen) Kommunisten bis zum „reifen“ Vertreter der Arbeiterklasse und Aushängeschild der DDR wird nicht bedient. Die ideologischen Scheuklappen haben den Dichter, den Künstler, den Spieler fast völlig ausgeblendet, sodass ich sagen kann, das bisherige Brecht-Bild wird von Grund auf erneuert und vor allem korrigiert; denn es gibt viele erfundene, aber auch inszenierte Geschichten, auf die man bisher hereingefallen ist, ganz abgesehen von Brechts satirischironischer Grundhaltung, die häufig nicht erkannt und dadurch ernst genommen worden ist, wo sich Brecht lediglich einen Spaß gemacht hat.

„Wir versuchen den neuen Brecht über die Kunst neu zu vermitteln“

DAZ: Das Brechtfestival geht am Sonntag zu Ende. Sie waren in sehr vielen Veranstaltungen. Es wäre schön, wenn Sie für unsere Leser die Highlights des Festivals kurz anführten. Wohin soll das Festival führen? Führt es bestenfalls zu einem Erkenntniszugewinn? Worin besteht der Sinn für die Stadt, ihren berühmten Sohn in dieser Form zu feiern?

Knopf: Also zunächst zum Erfolg: Joachim Lang und ich als wissenschaftlicher Berater, die wir versuchen, den neuen Brecht über die Kunst neu zu vermitteln, haben es geschafft, dass die Künstler, die diese Jahr aufgetreten sind, tatsächlich den Künstler Brecht, der vor allem Vergnügen bereiten wollte, auch tatsächlich über die Rampe gebracht haben, ohne deshalb den gesellschaftskritischen Stachel zu ziehen, im Gegenteil. Ute Lemper zum Beispiel hat nicht nur mit ihrem sensationellen Programm das Publikum mitgerissen, sondern auch deutlich gemacht, dass die Brecht’schen Texte im grandiosen Zusammenspiel mit der Musik uns noch immer sehr viel zu sagen haben. In ihrer Grußbotschaft hat sie diesen Brecht – weit weg vom Ideologen – auch noch einmal ausdrücklich benannt. Maria Farantouris Konzert, das ebenso umjubelt war, hat dies noch einmal bestätigt und damit auch bestätigt, das das Festival auch ohne große Gala hervorragend bestehen kann. Das wurde auch auf den weiteren vielseitigen Konzerten, die alle bestens besucht waren, unter Beweis gestellt – und soeben hat Dominque Horwitz ein großartiges Glanzlicht gesetzt. Bei der Eröffnungsveranstaltung war er übrigens nicht betrunken – er ist halt auch ein fantastischer Schauspieler.

DAZ: Welche Punkte wären nach ihrer Auffassung zu verbessern? Gibt es konzeptionelle Schwächen?

Knopf: Wir haben einige Begleitveranstaltungen, die (noch) nicht so richtig angenommen worden sind, z.B. meine „Brechtsprechstunde“ unter dem Motto: „Hier werden alle GeBRECHTen geheilt“. Da müssen wir noch mehr inhaltlich Werbung machen, weil die Leute sonst nicht wissen, was sie erwartet. Ansonsten läuft das Zusammenspiel mit den verschiedensten Institutionen Augsburgs – mit wenigen Ausnahmen – prächtig. Wir sehen uns also auf dem rechten Weg.

DAZ: Worüber haben Sie geärgert? Bei einem Festival dieser Größenordnung kann nicht alles gut sein.

„Über Mahagonny habe ich mich entschieden geärgert“

Knopf: Ich fand, dass das wunderbare Konzert „Visionen Todsünden“ ziemlich stiefmütterlich behandelt worden ist. Wenn es schon in Gersthofen stattfinden musste, hätte man eine kurze Einführung geben und seinen Stellenwert im Rahmen des Brechtfestivals erläutern sollen, denn das Programm war raffiniert zusammengestellt, aber das Publikum blieb uninformiert, und ein weitere Empfang wäre auch angebracht gewesen. Dann der Einspruch von Barbara Brecht-Schall gegen das Foto, das angeblich nicht ihren Vater zeigt. Ihre Meinung in allen Ehren, aber zu fordern, dass die Gegenmeinung nicht öffentlich vertreten werden darf, ist natürlich in keiner Weise berechtigt.

DAZ: Sie waren gestern in der Mahagonny-Inszenierung. Wie hat sie Ihnen gefallen?

"Ich habe nirgends erkannt, welches ästhetische Konzept der Inszenierung zugrunde lag"

"Ich habe nirgends erkannt, welches ästhetische Konzept der Inszenierung zugrunde lag"


Knopf: Darüber habe ich mich entschieden geärgert. Was ich jetzt sage, gilt nicht den Sängern und Sängerinnen, nicht dem Orchester, das war alles sehr gut bis zum Teil mitreißend; aber die Inszenierung …

DAZ: …von Tatjana Gürbaca, die sich noch vor der Generalprobe aus Augsburg verabschiedet hat, weil ihr die Intendanz die Schlussszene zensiert hat.

Knopf: Ich habe nirgends erkannt, welches ästhetische Konzept der Inszenierung zugrunde lag. Es gab viel Action, die aber ins Leere lief, wie überhaupt die Herumrennerei und die ständigen Schlägereien beziehungsweise das Herumfummeln an den „Weibern“, das keinerlei Sinnlichkeit – wie es doch wohl gemeint war? – vermitteln konnten und eher peinlich wirkte. Das nackte Paar war als Dekoration aufgesetzt, das tanzende Kind beim “Gebet der Jungfrau” überflüssig, nur ablenkend und dazu – zumal es auch noch die Bordellszene „dekorieren“ musste – an der Grenze zur Kinderpornografie.

DAZ: Was stört Sie daran? Besser gefragt: Was ist daran im Brecht´schen Sinne falsch?

Knopf: In Weills und Brechts “Mahagonny” haben Kinder nichts zu suchen, weil es sich um eine fiktionale Männergesellschaft handelt, die die Frauen als sexuelle Ware vernascht und typisch brutale, stammtischgeschädigte Männerkommunikation „pflegt“ – wie überhaupt die ganze Oper den übersteigerten Konsum zum Thema hat und auch musikalisch umsetzt. Da muss alles zusammenstimmen! – Das Bühnenbild war aufwändig, aber nichtssagend, vermittelte statt der Weite, die Nehers Bühnenbilder auszeichnete, Enge und Abgeschlossenheit. Die Turnmatten mit den Nachttischlämpchen vermittelten unbequeme Gemütlichkeit – nicht aber Härte und Aggressivität, die zunächst (1. Akt) noch durch die Verbote (scheinbar) gezügelt ist, dann aber in aller Brutalität hervorbricht.

DAZ: Was durch die Verwandlung zum menschlichen Tier verdeutlicht wurde.

„Der Schluss ist der grandioseste, den die Operngeschichte zu bieten hat.“

Knopf: Das müsste gespielt sein und nicht durch unschöne, sackähnliche Affenkostüme „symbolisiert“ werden. Die Kostüme machten einen so dreckigen Eindruck, dass sie bis in den ersten Rang zu stinken schienen. – Dass die epischen Passagen ebenfalls von einem Kind buchstabiert wurden, war für mich auch nicht einsichtig. “Mahagonny” war das erste Stück, das in der Bühnenanweisung die Neher-Gardine festschrieb und das mit Projektionen arbeitete, um „episches Theater“ zu signalisieren. Natürlich muss sich eine heutige Inszenierung nicht daran halten, aber ein Knabe als Erzähler einer wüsten Sex-, Sauf- und Kampfstory halte ich für absolut unangebracht. Da hätte ich mir knallige Projektionen gewünscht – und da wären auch Akt-Bilder angebracht gewesen, aber eben „verfremdet“ und nicht naturalistisch. – Auch die Kostüme waren ein wüstes Durcheinander. Die Nummernschildchen habe ich nicht verstanden, und die Jenny hatte ein Höschen an, das zwar Anna Maria Kaufmanns Hintern angenehm schmückte, aber die Frage Jims, was sie unterm Rock trage – nämlich nichts – irgendwie unfreiwillig komisch ins Leere laufen ließ.

DAZ: Sie wollen doch nicht darauf hinaus, dass es besser für die Inszenierung gewesen wäre, wenn Frau Kaufmann wie Sharon Stone in „Basic Instinct“ ohne Höschen angetreten wäre?

Sogar bei scheinbar unbedeutenden Einzelheiten Einwände: Jan Knopf (links)

Sogar bei scheinbar unbedeutenden Einzelheiten Einwände: Jan Knopf (links)


Knopf (lacht): Sie sehen, Herr Zagler, ich habe sogar bei scheinbar unbedeutenden Einzelheiten Einwände, und könnte noch weitere aufzählen. Aber zur Zensur: Zensur – mit welcher Begründung auch immer – kann ich in keiner Weise gut heißen, zumal in künstlerischen Fragen und Darstellungen – es sei denn, es handelte sich um Persönlichkeitsrechte, wovon hier aber keine Rede sein kann. Ob der Schluss in der zweiten Vorstellung bereits abgewandelt war, kann ich nicht beantworten. Jedenfalls wurde Jimmy noch, bevor der eiserne Vorhang herunterging – an ein stark verfremdetes Baumkreuz gefesselt, das Affenkostüm zur Hälfte heruntergezogen, sodass die Christusanspielung deutlich zu sehen war. Übrigens ist sie vom Text her vorgegeben. Jim verlangt nach Trank und das “Es ist vollbracht” kommt als brutales “Fertig!” über die Rampe. – Und dann der Schluss mit dem Spiel von Gott Mahagonny. Der ist – der grandioseste, den die Operngeschichte zu bieten hat. Er hat durch seine gezielten Provokationen als Begräbniszeremonie schon das zeitgenössische Publikum (Uraufführung März 1930 in Leipzig) zur Raserei gebracht – neben der Christus-Folie vor allem auch die aggressiven, auf die vergangenen und kommenden Kriege deutenden Schlussparolen. Das gehört zum Stück und zur Musik und darf deshalb nicht gekappt werden.

DAZ: Also keine Marginalie?

„Ich vermute vorauseilenden Gehorsam“

Knopf: Nein, leider nein. Denn der Schluss hat zu leisten, dass sich im „Schicksal“ Jims das „Schicksal“ der ganzen Stadt spiegelt. Da ist zunächst die Abschaffung der Transzendenz: die Paradies-Stadt, die schon nach dem ersten Akt abgewirtschaftet hat, und dann wird die Hölle auf Erden realisiert, sodass der Dreieinigkeitsmoses als Gott keine Chance mehr hat mit der Drohung, die Männer von Mahagonny in die Hölle zu schicken.

DAZ: Da sie dort längst sind.

Knopf: Genau. “Weil wir immer in der Hölle waren”, wie es im Stück heißt. Dass Mahagonny am Ende abfackelt wird, wird im konzertanten Schluss überhaupt nicht mal angedeutet. Dass die Parolen und vor allem Werte völlig beliebig geworden sind, kommt auch nicht vor und die Schlusspointe mit der Riesentafel “Gegen den Menschen” natürlich auch nicht. – Caspar Neher ließ im Schlussbild der Uraufführung die Bombengeschwader der Kriege über die Beerdigungszeremonie donnern: Die Menschheit bringt sich selbst zu Grabe – und das war 1930, als die Nazis schon die Straßen und die Theater unsicher machten. Das Publikum wütete, die Inszenierung sollte auf den Index – und Mahagonny wurde zum Sinnbild des Untergangs überhaupt! In der Augsburger Inszenierung habe ich davon nichts gespürt.

DAZ: Nun ja, vielleicht gibt es heute im politischen Welttheater andere „Sinnbilder des Untergangs“. Wenn aber der Schluss für das Stück so wichtig ist und die Zensur der Intendanz tatsächlich die Kraft aus der gesamten Inszenierung nimmt, dann ist das nichts andres als gewöhnliche Zensur. Also Repression gegenüber der Kunst, Repression, weil man die Macht dazu hat. Was könnte Frau Votteler dazu veranlasst haben?

Knopf: Ich weiß es nicht; aber ich vermute „vorauseilenden Gehorsam“, denn – ich weiß nicht, ob ich richtig unterrichtet bin – die katholischen Kirchenoberen sollen abgewinkt haben, also war von dieser Seite offenbar kein Einspruch zu erwarten. Ich hätte dann lieber das Publikum entscheiden lassen.

DAZ: Ob es wirksamen Druck von außen gab, haben wir nicht in Erfahrung bringen können. So richtig sind wir der Sache auch nicht nachgegangen, aber hätte man den Zensur-Fall nicht zu einem öffentlichkeitswirksamen Thema des Festivals machen sollen?

Knopf: Nein! So wichtig ist das nun auch wieder nicht. Wir wollen ja, dass die Kunst mit Genuss und mit Einsichten und Widersprüchen, die den Geist fördern und aufrütteln, vermittelt wird – eben Spaß macht, auch wenn die Themen bei Brecht alles andere als spaßig sind.

DAZ: Ein guter Schlusssatz. Herr Professor Knopf, vielen Dank für das Gespräch.

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Fragen: Siegfried Zagler.

» Das gesamte Interview zum Download (pdf, 106 kB)