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Freitag, 24.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

DansImPulse und Medea: Zwei Ballettpremieren am Theater Augsburg

Das Ballettensemble zeigt einmal mehr frische Choreographien vor dankbarem Publikum

Von Halrun Reinholz

Dass in dem vergleichsweise kleinen Tanzensemble des Theaters geballtes Können steckt, wissen die Insider und Tanzliebhaber längst. Der zurückhaltende, stets freundliche Ballettdirektor Robert Conn choreographiert zwar kaum selbst, hat aber offenbar einen guten Blick für Gastchoreographen, die das Publikum regelmäßig mit frischen Inszenierungen versorgen. Es ist deshalb kein Wunder, dass die Aufführungen der Sparte Tanz das Image des langweiligen Gehupfes längst verloren haben und die Abende gut verkauft sind. In relativ kurzem Abstand gab es nun wieder zwei Ballettpremieren, die das Spektrum des Hauses umreißen.

Vielfalt mit niederländischen Impulsen



DansImPulse im großen Haus präsentiert drei verschiedene Choreographen mit vollkommen unterschiedlichen Programmen. Die Trennung wird noch dadurch verdeutlicht, dass nach jedem Teil eine Pause angesetzt ist. Ungewohnt für den geübten Theatergänger, der heutzutage oft auch mehr als zwei Stunden ohne Pause durchhalten muss, und nun zur Freude der Theatergastronomie gleich zweimal was konsumieren kann. Die drei Choreographen verbindet auch letztlich nichts außer der Tatsache, dass sie alle in irgendeinem Bezug zur niederländischen Ballettszene stehen. Eine sehr angesagte Szene um das herausragende Nederlands Danse Theater, von der viele Impulse ausgehen. Das mag auch den Anlass für den Namen des Gesamtabends geliefert haben. Geboten werden trotzdem sehr unterschiedliche Programme. Marco Goecke, Absolvent der Münchner Akademie der Heinz-Bosl-Stiftung, hat ein Jugendwerk von Benjamin Britten (Simple Symphony) mit dem Schreigesang eines finnischen Männerchors verwoben, um in seiner Choreographie verspielte Leichtigkeit und drohendes Unheil einander gegenüberzustellen. Der Titel “Peekaboo” nimmt Bezug auf das Kinder-Versteckspiel, das auf deutsch “Kuckuck” heißt. Die schwarzen Kostüme wirken zwar eher streng als verspielt, doch die freien Oberkörper der Männer bieten dazu auch wieder einen Kontrapunkt.



Weniger einheitlich zeigt sich die Musikwahl des Österreichers Georg Reichl, der mit “Verflixte Nähe” den zweiten Teil des Abends bestreitet. Zu bekannten Pop- und Jazz-Melodien (von Paolo Nutini, Nils Frahm, Olafur Arnnalds, Loudon Wainwright und Fred Astaire) lässt er drei Paare in verschiedenen Konstellationen auftreten und sich immer wieder neu bilden. Dargestellt werden die verschiedenen Lebensphasen von jung-verspielt bis abgeklärt-erfahren – und das nicht ohne Komik. Zentral im Bühnenbild ein Stuhl auf überlangen Beinen, der, am Anfang unerreichbar, zum Ende auf Normalmaße herabsinkt. Der Amerikaner Stephen Shropshire liefert den dritten Teil des Abends, “Murmur and Spill”, nach Musik des zeitgenössischen Komponisten Zbigniew Preisner. Die mit klassischen Tanzelementen (Spitzentanz) durchsetzte Choreographie soll nach Aussage des Choreographen “ein Stück über den Tanz selbst” sein, seine klassischen Wurzeln und die Entwicklung in moderne Körpersprache. Bühnenbild und Kostüme haben ihre inspirativen Wurzeln in der Renaissance, ein Bild von Dürer stand außerdem Pate. Das hätte sich dem Zuschauer zwar nicht ohne weiteres erschlossen, doch die Vielfarbigkeit der Kostüme und die Vielfalt der Bewegungsabläufe in dem insgesamt eher wenig dynamischen Stück (“murmur and spill” eben) runden das Dreigestirn angenehm ab.

Medea: Verwundete Femme Fatale



Auch das abendfüllende Themenballett dieser Spielzeit hatte in diesen Tagen seine Premiere: Medea, die femme fatale der Mythologie, die durch den Mord an ihren beiden Kindern eine Blutspur des Grauens hinter sich herzieht. Der spanische Choreograph Angel Rodriguez widersteht der Versuchung, die Geschehnisse auf der Bühne besonders drastisch und blutrünstig darzustellen. Seine Medea ist kein Monster, sondern eine verwundete, verlassene Frau, deren Rache die Zerstörung des gemeinsam Erreichten, aber letztlich auch die Selbstzerstörung ist. Unspektakulär, düster-neblig zeigt sich das Bühnenbild, grau in grau die Kostüme. Die Auftritte erfolgen immer wieder durch den Vorhang hindurch. Farbe bringt nur der überdimensionale rote Schleier, mit dem Medea ihre Nebenbuhlerin Glauke vergiftet, der diese gleichsam verschlingt. Herausragend aus dem Grau auch die synchron-heitere Walzerszene der beiden Kinder, mit Masken gekennzeichnet, bevor Medeas Messer aufblitzt.

Hervorragendes Ensemble



Die musikalische Grundlage für die Choreographie bilden verschiedene Musikstücke von Mozart und Leoncavallo bis zu moderner Popmusik, den roten Faden liefert der Komponist Jesus Rubio Garcias-Noblejas, der die Stücke kompiliert und Teile selbst komponiert hat. Rodriguez` Choreographie kennzeichnet sich durch eine besondere, individuelle Körpersprache, die vor allem bei den hervorragenden Ensemblestücken zur Geltung kommt. Als wirkungsvolles Accessoire wird im Bühnenbild immer wieder eine Art Gerüst verwendet, das eine zweite Handlungsebene in den Tanz einbezieht.

Beide Aufführungen leben durch die hervorragende Ausführung. Yun-Kyeong Lee als Medea glänzt neben Joel die Stefano (Jason) und Laura Armendariz (Glauke), Anna Dordevic und Theophilus Jeremias Vesely (die beiden Kinder). Doch jede(r) Einzelne im Ensemble trägt zum perfekt inszenierten Gesamtbild bei. Die sehr überschaubare Truppe lässt keine Superstars zu, sie zeigt auch bei diesen beiden Tanzproduktionen Harmonie, Geschlossenheit und Leichtigkeit auf höchstem Niveau. Das treue Insider-Publikum quittiert das nicht ohne Grund auch diesmal wieder mit Jubelrufen.

Fotos: Nik Schölzel