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Samstag, 24.07.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Container hier, Container da

Die Figaro-Premiere zeigt ein Tollhaus – und der OB zieht Parallelen zum Container-Ärger

Von Frank Heindl

Es begann mit einer extrem schnell dirigierten Ouvertüre, es folgten Intrigen, Fehlentscheidungen, Verwicklungen, bis keiner mehr so richtig durchblickte, es gab Demos und Massenszenen und manchmal hatte man als Zuschauer das Gefühl: Jetzt rasten alle völlig aus. Nein, wir sprechen nicht von dem Theater um die geplante Ersatzspielstätte hinterm Theater, sondern von „Figaros Hochzeit“ auf eben diesem Theater. Aber vielleicht sollten wir doch von beidem sprechen.

Demo gegen den grapschenden Grafen – Jan Philipp Glogers Figaro-Inszenierung reizte alle Trümpfe des Themas aus: Er zeigte vom Aufbegehren der Dienerschaft …

Demo gegen den grapschenden Grafen – Jan Philipp Glogers Figaro-Inszenierung reizte alle Trümpfe des Themas aus: Er zeigte vom Aufbegehren der Dienerschaft …


Also nochmal von vorn: Kevin John Edusei am Dirigentenpult gab schon in der Ouvertüre ein enormes Tempo vor – musikalisch schien das nicht hundertprozentig optimal, der Inszenierung allerdings war’s sehr angemessen. Denn schon die ersten Szenen zeigten ein fleißiges bis hektisches Hin und Her im Arbeitertrakt jenes Grafen, um dessen außereheliches Liebeswerben sich Mozarts 1786 erstmals aufgeführte Oper spinnt. Der weitere Verlauf ist äußerst verwirrend – doch selbst wer zwischendurch den Faden verliert, kann ihn jederzeit wieder aufnehmen: Wichtig ist nur, dass in dieser screwball comedy bald keiner mehr weiß, wer wen warum betrügt. Und nicht nur das: Jan Philipp Glogers Inszenierung entfaltet schnell eine enorme Sogkraft und zeigt einen gräflichen Haushalt, in dem Moral ein Fremdwort ist, in dem es nahezu jeder mit jeder und jedem zu treiben scheint und in dem jeder Betrogene teils mehrfach wieder betrogen wird.

… bis zum hoch erotischen Verwirrspiel …

… bis zum hoch erotischen Verwirrspiel …


Allen voran ist der Graf ein bekannter Triebtäter – eine Demo seiner Bediensteten fordert Schluss mit der „sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz“. Dass alle weiblichen Teilnehmer schwanger sind, verursacht dem Grafen heftige Schweißausbrüche – bis sich herausstellt, dass die Bäuche mit Kissen gestopft sind – einer von Figaros meisterhaften Streichen. Die Dienerschaft ist aufmüpfig in Beaumarchais‘ Komödie, aus der Lorenzo da Ponte sein Libretto für Mozart gereimt hat, und Figaro ist nicht nur Protagonist dieser frechen Auflehnung, sondern mitunter auch Opfer seiner eigenen Vermessenheit, wenn er sich in den Stricken seiner Intrigen gegen den Grafen verheddert und zwischendurch glauben muss, auch seine Angebetete Susanna sei ihm nicht ganz treu.

Ein knisternd erotisches Vergnügen

… ein wahres Tollhaus fröhlicher Morallosigkeit (Fotos: A.T. Schaefer)

… ein wahres Tollhaus fröhlicher Morallosigkeit (Fotos: A.T. Schaefer)


Und sie ist’s auch nicht – zumindest ansatzweise. Die Szene etwa, in der die betrogene Gräfin und Figaros Susanna den schönen Cherubino für eines ihrer Racheunternehmen verkleiden wollen, baut Gloger zu einem hochexplosiven Verführungsreigen aus – zum Verkleiden gehört nämlich auch das Entkleiden, und die beiden Damen bereiten sich und dem Publikum daraus ein knisternd erotisches Vergnügen. Cherubino allerdings wird ein paar Szenen später schon mit einer neuen Gespielin hinter seinem Dienstherrn herumtollen, und überhaupt muss hier der Kater nicht einmal den Raum verlassen, damit die Mäuse auf den Tischen tanzen – nicht nur die Moral, auch die Feudalmacht ist völlig auch den Fugen. Ein Glück auch, dass Mozart für seine Oper einen Chor vorgesehen hat: Dessen Mitglieder verstärken noch das bunte Treiben der Hauptakteure, und mitunter glaubt man, nun seien alle toll geworden – zum Ende des zweiten Aktes tobt ein wilde Balgerei auf der Bühne, es werden Kissen umher geworfen, man tanzt und jagt sich durch die Gegend, rennt sinnlos hin und her – und Figaro spielt den wilden Stier.

Nach der Pause verliert dann das Geschehen ein wenig an Fahrt – aber Mozarts Musik überbrückt spielend ein paar kürzere Phasen, in denen lange Rezitative sich inszenatorisch nicht ohne weiteres aufpeppen lassen. Spaß hat man auch weiterhin an der bunten Szenerie, an Tohuwabohu und Intrigendschungel. Als sich am Schluss alles im unvermeidbaren Happy End auflöst, liegen sich nicht nur Mann und Frau, sondern auch Mann und Mann in den Armen, offiziell hat man sich versöhnt, inoffiziell hat man in dieser Inszenierung aber auch anerkannt, dass Liebe und Erotik gerne andere Wege als die offiziell anerkannten gehen – und dass das gut ist so.

„Ich mache es nicht!“, donnert die Intendantin

Was das alles nun mit der eingangs erwähnten Ersatzspielstätte zu tun hat? Nachdem wieder einmal der Plan vorläufig gescheitert ist, alsbald mit dem Bau des Containers zu beginnen, geißelte Intendantin Juliane Votteler in ihrer Rede auf der Premierenfeier im Foyer entschieden alle Unkenrufe, die das Interim als gescheitert betrachten und die alte Diskussion neu aufwärmen wollen, ob das Theater endgültig beispielsweise ins tim oder zu Dierig ziehen könnte – wo ja derzeit in der Tat gelungene Inszenierungen zu sehen sind. „Ich mache es nicht!“, donnerte die Intendantin zornig. Weder werde sie „dem Leiter des tim seine Räume wegnehmen“, noch werde sie sich auf ein neues „Hin-und-her-Wenden und -Planen“ einlassen. Votteler beschwor Zuschauer und den anwesenden Oberbürgermeister, „dass wir jetzt ein Machtwort brauchen“ – und dass in diesem Moment von draußen Polizei und Martinshorn zu vernehmen waren, hätte wieder eine lustige Regieidee von Jan Philipp Gloger sein können.

Auf den und die eben gesehene Oper bezog sich Gribl in seiner Entgegnung: So schwer, wie es gewesen sei, in Mozarts Verwirrstück den Überblick zu bewahren, so kompliziert seien inzwischen auch die Ereignisse um den Container geworden. Er stehe aber fest zu den getroffenen Entscheidungen, halte an der Ersatzspielstätte fest, lehne das tim als Dauerspielort ab und suche nach Lösungsmöglichkeiten innerhalb der zwei Optionen, entweder die Ersatzspielstätte neu zu definieren, um so ein Angebot im Rahmen der zur Verfügung stehenden 4,2 Mio. Euro zu erhalten, oder mehr Geld aufzutreiben, um das vorliegende, teurere Angebot annehmen zu können. Er halte an der Absicht fest, ohne neue, zeitaufwändige Ausschreibung zügig weiter zu planen und zu bauen. Dass Gribl anschließend noch auf die kuriose Debatte einging, wie das Projekt nun heißen solle (er plädierte engagiert für den auch nicht gerade romantischen Begriff „Theaterbox“ anstelle der offenbar weniger ansprechenden Bezeichnung „Container“) – das dürfte die wenigsten Zuhörer interessiert haben. Die wären ganz einfach froh, wenn das Ding endlich da wäre. Ganz egal, unter welchem Namen.