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Dienstag, 19.02.2019 - Jahrgang 11 - www.daz-augsburg.de

Bundesliga: Sitzen die 18 besten Trainer im Karussell der Träume?

Der FC Bayern München hat sich Trainer geleistet, die man als „Irrtum“ bezeichnen muss. Louis van Gaal und Pep Guardiola zum Beispiel wurden nicht geholt, um die Deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Ob sich mit Carlo Ancelotti der dritte Welttrainer zu höheren Weihen aufschwingt, wird sich zeigen. Bei den Münchnern steht jeder Trainer sehr lange auf einem hohen Schild. Das ist nicht überall so.

Von Siegfried Zagler

Frauenländerspiel 1957 im Rosenausstadion

Frauenländerspiel 1957 im Rosenaustadion


Das leicht in die Irre führende Kompositum „Trainerkarussell“ löst bei vielen Freunden des Fußballsports eine postfaktische Vorstellung aus. Dass Trainer innerhalb der Bundesliga die Vereine wechseln wie Kinder die Karussell-Figuren ist nämlich längst passé. Der langjährige Bundesligatrainer Dieter Hecking wird vom VfL Wolfsburg freigestellt und ist wenige Tage später Cheftrainer in Mönchengladbach. Bruno Labbadia wird beim HSV von Markus Gisdol ersetzt: Klassische Vorgänge auf der Vorstellungsebene „Trainerkarussel“ sind in der Bundesliga Ereignisse mit Seltenheitswert geworden. Von den sieben Trainerwechseln der laufenden Saison folgen nur diese beiden dem klassischen Muster.

Das könnte möglicherweise damit zu tun haben, dass der deutsche Fußball einen Quantensprung vollzog, indem er neben der Physis die taktische Schulung zur Hauptsache entwickelt hat. Diese Relevanzverschiebung hat dafür gesorgt, dass sich das Anforderungsprofil der deutschen Spitzentrainer dramatisch verändert hat. Den jüngeren Trainern, frisch geschult und im Jugendbereich erfolgreich tätig, traut man in Sachen Taktik offenbar mehr zu als respektablen Persönlichkeiten, die seit vielen Jahren im Geschäft sind und mit der Redundanz ihrer Plattitüden nicht mehr den Eindruck hinterlassen, als besäßen sie jene  Erkenntnistiefen, die ihre Millionengehälter rechtfertigen würden.

Das führte dazu, dass sich das Karussell der Trainer von Jahr zu Jahr schneller drehte, sodass zahlreiche „Alttrainer“ hinausgeschleudert wurden, ohne dass sie die Chance bekamen, wieder ins Karussell zurückzuspringen: Daum, Vogts, Klinsmann, Skibbe, Magath, Rapolder, Babbel, Slomka, Stanislawski, Zorniger, Veh, Breitenreiter, Schaaf, Keller, Skripnik u.v.m. sind ehemalige Trainerpersönlichkeiten, für die das Bundesliga-Karussell nicht mehr zugänglich ist. Seit gut zwei Wochen sollte auch feststehen, dass Dirk Schuster, immerhin Trainer des Jahres 2016, das Karussell der Träume für immer verlassen hat.

Die Trainer der Bundesliga rotieren längst nicht mehr auf der höchsten Ebene des Systems: Die neuen Trainer kommen aus dem Nichts der zweiten oder dritten Reihe. Newcomer wie Walpurgis, Nouri, Ismael, Dardai, Kovac, Nagelsmann, Stöger, Streich, Martin und Roger Schmidt und schließlich Manuel Baum und Thorsten Frings sind Trainer, die von ihren aktuellen Vereinen zu Bundesligatrainern gemacht wurden, obwohl es auf dem Markt viele erfahrene Bundesligatrainer gegeben hätte. Es mag herzlos klingen, aber das ist ein bedeutsamer Fortschritt. Der Entwicklungssprung des deutschen Fußballs hat u.a. damit zu tun, dass immer besser ausgebildete Trainer das Bundesligageschäft prägen – und der deutsche Fußball sich deshalb in taktischer Hinsicht in den vergangenen Jahren nicht nur im Jugendbereich weiterentwickelte.

Das mag eine steile These sein, die sich aber nur widerlegen ließe, würden plötzlich Magath und Co. zurückkehren – und Erfolge generieren. Trainer sind das Hirn und das Gesicht eines Vereins. Und dennoch sind sie die schwächste Stelle in einem System, das vom Gewinnen und Verlieren lebt, aber zugleich die Illusion hochhält, dass sportliche Erfolge jenseits der Etats mit dem Auswechseln der Trainer zu steuern wären. Der Fußball lebt von Illusionen und schreibt dabei Geschichten, die nicht alle zu verstehen sind. Eine Illusion besteht zum Beispiel darin, dass die besten 18 Trainer derzeit im höchsten Trainerkarussell die Plätze besetzen. Nehmen wir uns zum Jahreswechsel also ein wenig Zeit, um den Trainern der 18 Bundesligaklubs ein paar Sätze zu widmen.

1. FC Bayern München (39 Pkt.): Welttrainer Carlo Ancelotti fordere von seinen Spielern zu wenig, heißt es. Das wird sich in der heißen Phase der Champions League ändern. Carlo Ancelotti ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger der richtige Mann für den FC Bayern.

2. RB Leipzig (36): Ralf Hasenhüttl könnte der nächste Trainer des Jahres sein. Leipzig begeistert mit Hochgeschwindigkeitsfußball. Hasenhüttl ist ein aufregender Impulsgeber für die Liga.

3. Hertha BSC Berlin (30): Einer der wenigen Trainingsanzugstrainer mit Format und hoher Akzeptanz. Seit Pal Dardai für Hertha verantwortlich ist, befindet sich die alte Dame am oberen Limit.

4. Eintracht Frankfurt (29): Nico Kovac hat aus einem Abstiegskandidaten eine formstabile Truppe geschaffen. Mit der zweitbesten Abwehr und einer passablen Angriffsleistung darf man in Frankfurt von Europa träumen. Der akribische Kovac scheint an einem Wunder zu basteln.

5. TSG Hoffenheim (28): Julian Nagelsmann: Neben Hasenhüttl ebenfalls Anwärter auf den Titel „Trainer des Jahres“. Ein Attribut allerdings, das für den 29-jährigen eher eine Herabsetzung darstellen würde: Eine Sensation, ein Hammer, eine neue Welt. In Sinsheim liegt der Nabel des europäischen Fußballs.

6. Borussia Dortmund (27): Tuchel ist in Dortmund nicht beliebt, was erstens damit zu tun hat, dass der Trainingsanzugstrainer Tuchel bei Schalke anheuern wollte und zweitens damit, dass Tuchel an der Pep-Krankheit leidet und eine junge Mannschaft mit irrwitzigen Umstellungen im Lauf des Spiels traktiert. Sollte die Champions League wegbrechen, weht für Tuchel in Dortmund ein eisiger Wind.

7. 1.FC Köln (25): Peter Stöger ist ein Trainer-Riese, der aus einer Fahrstuhlmannschaft eine verschworene Gemeinschaft geformt hat. Köln ist in der Bundesliga wieder eine Hausnummer – dank Stöger, dessen taktische Marschrouten genau auf die Möglichkeiten des Kaders abgezirkelt sind.

8. FC Freiburg (23): Christian Streich gehört zu den großen Dialektsprechern der Republik und wäre dennoch ein Segen für jeden Topverein. Ein leidenschaftlicher Trainer-Riese, der über den Tellerrand denkt.

9. Bayer Leverkusen (21): Nicht Roger Schmidt ist das Problem bei Bayer, sondern Rudi Völler.

10. Mainz 05 (20): Martin Schmidt. Ein richtig guter Trainingsanzugstrainer mit erstklassigen Lesefähigkeiten. Könnte auch bei Real Madrid eine gute Figur abgeben.

11. Schalke 04 (18): Der brave Schwiegersohn-Typ Markus Weinzierl passt zu Schalke wie Markus Lanz zu einer Trash Metal-Band, nämlich gar nicht.

12. FC Augsburg (18): Mit Manuel Baum leistet sich der FCA nach dem teuren wie rätselhaften Schuster-Rauswurf einen kostengünstigen Trainer, der noch keine bewertbare Signatur in der Bundesliga hinterlassen hat. Gegen Gladbach gewann der FCA glücklich, gegen Dortmund standen die Augsburger in den ersten 15 Minuten der zweiten Halbzeit ohne Ordnung auf dem Platz. Dass sie nicht abgeschossen wurden, lag allein an den Dortmundern, die Großchance um Großchance vergaben.

13. VfL Wolfsburg (16): Man wird sich den Namen des aktuellen Trainers nur vorübergehend merken müssen: Valerien Ismael.

14. Borussia Mönchengladbach (16): Dieter Hecking passt zu Gladbach wie die Faust aufs Auge von Dirk Schuster: Ein Volltreffer!

15. Werder Bremen (16): Alexander Nouri. Ein Mann ohne Eigenschaften, wenn man davon absehen könnte, dass er einen Trainerschein hat.

16. Hamburger SV (13): Markus Gisdol hat den Charme eines verschlissenen Turnschuhs und passt gerade deshalb ganz gut zum BL-Dino HSV, der auch in diesem Jahr die Klasse halten wird.

17. FC Ingolstadt (12): Maik Walpurgis ist eine sensationelle Entdeckung und ein Handwerker der Vernunft. Nach Hasenhüttl und Kauczinski der dritte Trainer-Riese bei den Schanzern.

18. SV Darmstadt 98 (8): Die todgeweihten Lilien haben nach einem Griff ins Klo mit Thorsten Frings plötzlich einen Trainer-Gladiator in der Arena. Eine Verzweiflungstat, die den Abstieg nicht verhindern wird.



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