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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Bundesliga: Nach der Saison ist vor der Saison

Die Bundesligasaison 2016/17 ist vorbei. Nehmen wir die wichtigsten Entscheidungen aus der Bewertung (Meisterschaft und Direktabstieg), dann muss man die vergangene Saison als eine „Saison der Sensationen“ bezeichnen. – Aus Augsburger Sicht muss festgehalten werden, dass seitens der sportlichen Führung zahlreiche „einfache Fehler“ gemacht wurden.

Von Siegfried Zagler

Volle Stadien, sportliche Erfolge: Die Bundesliga boomt

Volle Stadien, sportliche Sensationen: Die Bundesliga boomt (c) DAZ


Die Knaller der Saison waren Leipzig und Hoffenheim, die mit dynamischem Direktfußball für Furore sorgten und die Liga mit Tempofußball und taktischer Vielfalt bereicherten. Große Überraschungen gab es in vielerlei Hinsicht: Stöger und Modeste führten Köln nach Europa. Pál Dárdais Hertha zeigte sich ebenfalls stabil genug, um unter die ersten sechs zu kommen. Ganz großes Kino gab es auch in Freiburg, wo ein Klub mit einem eher kleinen Etat und einem großartigen Trainer regelmäßig belegt, dass auch im (von irrwitzigen Geldern zugeschütteten) Profifußball Organisationsspirit und sportliche Fachkompetenz zielsichere Leitlinien für langfristige Erfolge darstellen. „Geld haben“ können viele, sportliche Werte und sportlichen Erfolg generieren dagegen nur wenige. Das unterstreichen auch die Schicksale der meisten deutschen Geldklubs hinter Bayern München.

Sensationell reich sind die Versager dieser Saison, wie zum Beispiel die im Geld schwimmenden Werkklubs von Leverkusen und Wolfsburg. Bayer hatte und hat immerhin das Potential einer der führenden Klubs in Europa zu werden und wurde in dieser Saison regelmäßig vom Abstiegsgespenst heimgesucht. Wolfsburg war kürzlich noch DfB-Pokalsieger, verfügt über Mittel ohne Grenzen und musste sich am Ende dieser Saison mit dem 16. Tabellenplatz zufriedengeben. Zusammen mit 1860 München gehört der VfL Wolfsburg zu den Klubs, die sich wohl nur noch mit einer Fahrt voll gegen die Wand von ihren grauenvollen Besitzverhältnissen befreien können. Mit dem Geld, das VW in den vergangenen Jahren in seine leidenschaftslose Fußballtruppe „investierte“, könnte man die Haushalte zahlreicher Kommunen sanieren.

PlatzMannschaftSpieleS-U-NTorePkt.
1.FC Bayern München 34 27-03-04 92:28 (+64) 84
2.FC Schalke 04 34 18-09-07 53:37 (+16) 63
3.1899 Hoffenheim 34 15-10-09 66:48 (+18) 55
4.Borussia Dortmund 34 15-10-09 64:47 (+17) 55
5.Bayer 04 Leverkusen 34 15-10-09 58:44 (+14) 55
6.RB Leipzig 34 15-08-11 57:53 (+4) 53
7.VfB Stuttgart 34 15-06-13 36:36 (0) 51
8.Eintracht Frankfurt 34 14-07-13 45:45 (0) 49
9.Borussia Mönchengladbach 34 13-08-13 47:52 (-5) 47
10.Hertha BSC 34 10-13-11 43:46 (-3) 43
11.Werder Bremen 34 10-12-12 37:40 (-3) 42
12.FC Augsburg 34 10-11-13 43:46 (-3) 41
13.Hannover 96 34 10-09-15 44:54 (-10) 39
14.1. FSV Mainz 05 34 09-09-16 38:52 (-14) 36
15.SC Freiburg 34 08-12-14 32:56 (-24) 36
16.VfL Wolfsburg 34 06-15-13 36:48 (-12) 33
17.Hamburger SV 34 08-07-19 29:53 (-24) 31
18.1. FC Köln 34 05-07-22 35:70 (-35) 22
Auch
Schalke 04 darf man zu den deutschen Versagerklubs zählen. Die Revier-Legende läuft seit vielen Jahrzehnten ihren Ansprüchen hinterher und ist neben dem HSV zu einer tragischen Lachnummer gereift. „Identitätssuche ohne Aussicht auf Erfolg“ ließe sich das Drama überschreiben. Mit den Provinzhelden Heidel und Weinzierl hat Schalke zu Beginn dieser Saison zwei Führungsfiguren verpflichtet, die im Pott die gleiche Aura verbreiten wie zwei Ministranten als Türsteher vor einer Bar in einem Rotlicht-Viertel. Wiederholt weit unter seinen Ansprüchen lag der Hamburger Sportverein, der nur mit Glück und Gisdol die Relegation vermeiden konnte.

Und der FCA?

Fast die ganze Hinrunde mit dem "falschen Trainer": Dirk Schuster: (Foto: B. Weichlein))

Fast die ganze Hinrunde mit dem "falschen Trainer": Dirk Schuster (Foto: B. Weichlein)


Wieder einmal konnten die Augsburger dem Abstiegsgespenst eine Nase drehen. In seiner sechsten Bundesligasaison hatte der FCA zum vierten Mal von Beginn an gegen den Abstieg zu kämpfen und war im Krisenmanagement zum vierten Mal erfolgreich. Ein Grund zu feiern, obwohl die Augsburger sich beinahe vor jeder Saison mit religiösem Eifer zum ersten Abstiegsfavoriten ausrufen. Wenn man die Messlatte so niedrig hängt, dass man gerade noch darübersteigen kann, muss man sich nicht wundern, dass ein Nichtabstieg in Augsburg keine Jubelarien mehr auslöst, wie noch im ersten Bundesligajahr, als nach dem letzten Saisonspiel im Stadion eine große Sause über die Bühne ging. Obwohl der Klassenerhalt des FCA immer eine großartige Leistung darstellt, muss man dem Management gravierende Fehler attestieren. Dies muss man in erster Linie deshalb tun, weil es sich im Vergleich zu den anderen Spielzeiten um unverhältnismäßig einfache Fehler handelt.

Ein falscher Trainer wurde von einem falschen Trainer abgelöst

Nach dem Saisonende 2015/16 hatte der FCA viel zu viel Zeit für die Verabschiedungsmodalitäten von Markus Weinzierl verbraucht. Dabei ging wertvolle Energie für die Analyse und Kaderplanung verloren. Und schließlich wurde mit Dirk Schuster der falsche Trainer verpflichtet, der nach dem 14. Spieltag von einem ebenfalls falschen Trainer abgelöst wurde. Es mag möglich sein, dass Manuel Baum noch in die Kategorie „Bundesligatrainer“ hineinwächst, in seiner ersten Saison unter den Top-Trainern überzeugte er die DAZ jedenfalls nicht.

Es wäre einfach gewesen, an den richtigen Schrauben zu drehen

Wenn tragende Spielersäulen den Verein verlassen (Klavan und Hong) und sich zeigt, dass die Mannschaft auf Schlüsselpositionen überaltert ist (Altintop, Verhaegh, Baier, Janker, Feulner) und sich gleichzeitig offenbart, dass seit langer Zeit neben Bobadilla ein konkurrenzfähiger Stürmer fehlt, wenn zudem ersichtlich ist, dass die beiden Linksverteidiger (Stafylidis und Max) den Ansprüchen dieser Position gerade noch so genügen, dann ist es im Normalfall nicht so schwer, an den richtigen Schrauben zu drehen. Dem Augsburger Fußball fehlte es nicht an Cleverness und Erfahrung, sondern an Schnelligkeit und Dynamik.

Mit Martin Hinteregger wurde ein guter Innenverteidiger verpflichtet, von dem auch Torgefahr ausgeht. Hinteregger war eine teure Verpflichtung, darf aber als Volltreffer bezeichnet werden. Die anderen Neuzugänge zeigten sich wenig bundesligatauglich. Als „voll daneben“ muss man den einzigen Wintertransfer (Moritz Leitner) bezeichnen. Was sich Stefan Reuter und Präsident Hofmann dabei gedacht haben, will man im Grunde gar nicht wissen. Erwähnenswert ist auch der Umstand, dass mit Raul Bobadilla ausgerechnet der beste Augsburger Angreifer der wohl konditionsschwächste und somit zwangsläufig undisziplinierteste Fußballspieler im deutschen Profifußball ist. Im Spitzensport nervt diese Form der Individualität. Nach einer langen Toleranzphase sollte der FCA in der Lage sein, diese Eigentümlichkeiten eines top-veranlagten Offensivspielers abzustellen.

Erwacht sind sie zusammen mit der Mannschaft im Schlussspurt: FCA-Fans

"Erwacht" sind sie zusammen mit der Mannschaft im Schlussspurt: FCA-Fans. Foto (c) DAZ


Zum zwölften Mann, damit sind die Fans des FCA gemeint, ist abschließend zu sagen, dass sie sich dem Niveau der Mannschaft angepasst haben und erst im Schlussspurt richtig in Fahrt kamen. Richtig peinlich war die Teigl-Affäre und der Angriff auf die Presse, die offenbar nicht so berichtet hatte, wie sich das um Objektivität ringende Fans so wünschen. Letzteres hatte Pegida-Format und wird nur noch von den armseligen Taten jener juveniler Gestalten übertroffen, die es immer wieder nötig haben, negative Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, indem sie giftige und gefährliche „Bengalos“ schwenken. Dass es sich dabei um einen mikroskopisch kleinen Teil der Augsburger Ultras handelt, muss an dieser Stelle nicht hervorgehoben werden. In Gladbach und Hoffenheim zeigten die Augsburger Ultras großes Kino und unterstützten ihren Klub erstklassig.

Es ist zu wünschen, dass die FCA-Fans auf allen Auswärtsspielen dergestalt zahlreich den FC Augsburg unterstützen und sich als würdige Botschafter einer großartigen Stadt mit einem großartigen Fußballklub erweisen.



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