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Sonntag, 05.12.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Buch statt Gewehr: der Knabe Bertolt Brecht

Die Brechtforschungsstätte Augsburg ist neben dem Brecht-Archiv in Berlin weltweit die bedeutendste Institution, die sich wissenschaftlich mit dem Werk Brechts auseinandersetzt. Sie betreut die Brechtsammlung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, die die zweitgrößte der Welt ist, berät Wissenschaftler und führt eigene umfangreiche Forschungsprojekte durch, die in einer Vielzahl von Publikationen dokumentiert sind.

Von Siegfried Zagler

Foto: Stadt-und Staatsbibliothek

Das Jahrbuch der „International Brecht Society“ ist seit knapp vier Jahrzehnten das wichtigste wissenschaftliche Periodikum der Brechtforschung und wird seit 2002 von der Brechtforschungsstätte der Stadt Augsburg mitherausgegeben. Nachdem sie 2006, zum 50. Todesjahr Brechts, den Band „Der junge Herr Brecht wird Schriftsteller“ ediert hat, der Beiträge der weltweit bedeutendsten Brechtforscher präsentierte, stehen im nun erschienenen Jahrgang 2013 eine Reihe von Dokumenten der Augsburger Brechtsammlung im Mittelpunkt, die für Brechts Augsburger Zeit von großer Relevanz sind. Die kürzlich entdeckten und seit 25 Jahren in einem Panzerschrank „gelagerten“ Brecht-Fotos kommen darin allerdings nicht vor.

Sie wurden aber im Rahmen der Vorstellung des 2013er Jahrbuchs mit sachgerechter konservatorischer Handhabung am vergangenen Dienstag in der Stadt- und Staatsbibliothek erstmalig der Öffentlichkeit gezeigt. Derzeit werde, so heißt es, seitens der Stadt und der Staatsbibliothek, geprüft, ob es nicht noch Rechte an der Vermarktung der Fotos geben könnte. Was ein wenig verwundert, da bereits eine Reihe der Fotos, auf denen der junge Bertolt Brecht zu sehen ist, zur Veröffentlichung freigegeben wurde. Inzwischen seien die Fotos katalogisiert und werden wohl bald im OPAC gelistet sein.

Zwei Tage vor der Präsentation des „Brecht-Albums“ fand am Sonntagvormittag im Brechthaus Auf dem Rain 7 ein Gespräch („Brecht-Brunch“) zwischen Kurt Idrizovic und Dr. Dirk Heißerer statt. Dabei ging es in erster Linie um den Sachverhalt der verzögerten Öffentlichmachung dieser Fotos, die von dem Augsburger Brechtforscher Dr. Jürgen Hillesheim kurz nach ihrer „Entdeckung“ mit dem Attribut „sensationell“ belastet wurden. Auch Dirk Heißerer bewertete die Relevanz der Fotos als hochkarätig und setzte den Umgang der Stadt-und Staatsbibliothek mit dem Bildbestand des Walter-Brecht-Nachlasses in den Kontext von „Zensur“ und „Willkür“.

Dirk Heißerer (links) und Kurt Idrizovic beim "Brecht-Brunch" im Brechthaus, bei der Bewertung der Brechtfotos.

Dirk Heißerer (links) und Kurt Idrizovic beim "Brecht-Brunch" im Brechthaus bei der Bewertung der Brechtfotos.


Diese Attacke galt dem ehemaligen Leiter der Stadt- und Staatsbibliothek, Dr. Helmut Gier, der sich seit Kurzem im Ruhestand befindet. Gier holte den Brecht-Nachlass Ende der achtziger Jahre nach Augsburg und kümmerte sich an erster Stelle um die wissenschaftliche Verarbeitung der Brecht-Briefe an Paula Banholzer, die 1992 vom Suhrkamp-Verlag publiziert wurden. Für Gier die Sensation des Erwerbs. Diese Briefe hätten ein neues Brecht-Bild evoziert, so Gier gestern am Telefon zur DAZ. Den Erkenntniswert der Brecht-Fotos schätzt Gier im Gegensatz zu Hillesheim und Heißerer als nicht hoch ein. Es gebe unzählige Fotos vom jungen Bertolt Brecht, außerdem seien Fotos aus diesem Nachlass Walter Brechts, als sich dieser noch in Darmstadt befand, bereits veröffentlicht worden, so Gier.

Zum Foto: Von den beiden „Spielkameraden“ sitzt der jümgere Walter Brecht auf dem Zaun und posiert mit seiner Spielzeugflinte. Damals herrschte im Hause Brecht eine gewisse Begeisterung für Karl May. Bertolt Brecht steht. Das Fotoalbum ist schriftlos. Es ist nicht gesichert, in welchem Jahr der Auslöser gedrückt wurde. Das Bild dürfte mehr als 100 Jahre alt sein. Damals musste man beim Fotografieren stillhalten. Man hatte Zeit, sich für eine Pose zu entscheiden. Beim jungen Brecht fällt auf einigen Fotos auf, dass es ihm offenbar gefiel, nicht in die Kamera zu sehen. Lässig und beinahe wie ein Soldat während einer Gefechtspause lehnt er, nicht mit der Spielzeug-Flinte, sondern mit einem Buch in der Hand am Zaun. Immerhin ist die Spekulation möglich, dass das junge Genie sich bewusst für diesen Kontrast entschieden hat. Ernst und zugleich ein wenig amüsiert präsentiert sich Bertolt Brecht bereits im Knabenalter als stilorientiert.