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Sonntag, 07.08.2022 - Jahrgang 14 - www.daz-augsburg.de

Briefe an den Erzschurken

„Letters to the President“ – wenig informatives über den Iran

Mahmud Ahmadinedschad bekommt mehr Briefe als der Durchschnittsbürger – viel mehr. Der iranische Präsident ist für die iranische Landbevölkerung eine Art Heilsbringer, einer, der sich persönlich um ihre Bedürfnisse kümmert. Peter Loms Dokumentarfilm zeigt zum einen, was mit den Millionen von Briefen und Eingaben passiert, die den Chef des iranischen „Schurkenstaates“ erreichen – um viele scheint sich der Staat tatsächlich individuell zu kümmern, doch wir werden aus Zeugen, wie Bittsteller von überforderten Technokraten auf den Sanktnimmerleinstag vertröstet und ihrem Schicksal überlassen werden.

Der große Vereinfacher und seine Fans - Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad badet im Volk

Der große Vereinfacher und seine Fans - Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad badet im Volk


Zum anderen lässt „Letters to the President“ ausführlich die Menschen zu Wort kommen, die diese Briefe schreiben. Es ist schön, wenn dokumentarische Bilder für sich sprechen können und Regisseure es dem Zuschauer überlassen, sich eine Meinung zu bilden. Doch in diesem Fall fehlt zu viel: Lom verzichtet beispielsweise darauf, dem Zuschauer klar zu machen, dass sein Aufnahmeteam bewacht wurde. Dass im Film trotzdem heftige Kritik am islamischen Staat und seinem Führer laut wird – vor allem von frustrierten jungen Stadtmenschen – kann besser würdigen, wer diese Information hat. Ein bisschen Soziologie, ein bisschen mehr Erklärung hätte auch an anderen Stellen gut getan. Etwa die, dass die fanatischen Stellungnahmen der Landbevölkerung nicht islamischen Fundamentalismus repräsentieren, sondern geradezu typisch sind für Gesellschaften, in denen archaische Strukturen auf dem Land und globalisiertes Denken in den Städten aufeinander treffen. Ahmadinedschads Erfolgsrezept – auch wenn er das selbst ganz anders sehen mag – ist nicht der Islam, sondern die Vereinfachung. Er kann Infrastrukturprobleme, Armut und fehlende Perspektive in seinem Land nicht beseitigen, bietet seinen Landsleuten stattdessen ein einfaches Feindbild. „Tod Amerika“, schreit der Mob, „Tod Israel“, und der Präsident wird in diesem Krieg der Ideologien zum Vorboten des Mahdi, der nach schiitischem Glauben die Welt erretten wird. Antisemitismus, schlechte Bildung, Dummheit und Ressentiments – mit dieser explosiven Mischung stetig aufs neue zu zündeln, ist Ahmadinedschads eigentliches Verbrechen. Über die Realitäten im Iran haben wir bei Filmfesten der Vergangenheit auch aus Spielfilmen mehr erfahren als in dieser Dokumentation. (frei)

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