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Mittwoch, 20.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brechthaus: Marketingkonzept vor dem Aus

Das von Kulturreferent Peter Grab an die „Regio Augsburg Tourismus GmbH“ angetragene Marketingkonzept für das Brechthaus steht vor dem Aus.

Von Siegfried Zagler

Von den Wänden bröckelt der Putz: Brechthaus

Von den Wänden bröckelt der Putz: Brechthaus

Nach Informationen der DAZ wird das Konzept auf der morgigen Kulturausschusssitzung von der Tagesordnung genommen, das Thema soll vertagt werden. Darauf sollen sich die beiden „heimlichen Kulturreferenten“ Bernd Kränzle (CSU) und Karl-Heinz Schneider (SPD) verständigt haben. Darüber hinaus ist nicht damit zu rechnen, dass das von Tourismusdirektor Götz Beck zu verantwortende Konzept in den Planungen der Stadt bezüglich des Brechthauses zukünftig eine Rolle spielen wird. Die Augsburger SPD hat sich heute deutlich und mit Schärfe gegen dieses Vorhaben positioniert: Die notwendigen Maßnahmen bezüglich des Brechthauses „sind ureigenste Aufgabe der Stadt und seiner Bürger. Die Geburtsstätte des Dichters, wie auch jede Veranstaltungsreihe über ihn darf kein „Produkt im Portfolio“ einer Marketinggesellschaft werden, an die die Stadt und die ihr angrenzenden Landkreise Anteil haben. Notwendige Investitionen und inhaltliche Ausrichtungen des Hauses sind von der Stadt in ihrer kulturpolitischen Verantwortung zu leisten“, so Stefan Kiefer und Frank Mardaus in ihrer heutigen Presseerklärung zu den Plänen von Peter Grab und Götz Beck.

“Das Konzept ist von einer unglaublichen Brecht-Unkenntnis durchzogen”

Frank Mardaus

Frank Mardaus: “Die Regio hat nicht mit Entwicklung, sondern mit Vermarktung zu dienen.”

Den ersten großen Knall bezüglich der Regio-Pläne mit dem Brechthaus gab es bereits in der zurückliegenden Sitzung des Kulturbeirates der Stadt. Buchhändler Kurt Idrizovic soll sich mit Vehemenz gegen dieses Vorhaben gewehrt haben. Am heutigen Sonntag verurteilte Idrizovic auf Anfrage die Grab-Initiative als „Marketing-Floskeln“: „Die so genannten „strategischen Überlegungen zu Bert Brecht in Augsburg“, verfasst von der Regio Augsburg sind das Papier nicht wert, auf das sie geschrieben wurden. Sie strotzen vor Marketing-Floskeln und sind von einer unglaublichen Brecht-Unkenntnis durchzogen. Das ganze wäre als eine peinliche „Vermarktungs-Initiative der Regio Augsburg abzutun, wenn es nicht um mehr ginge: Das Brecht- (Geburts-)Haus des Dichters dämmert seit mehr als 15 Jahren in der Altstadt vor sich hin. Die Besucherzahlen bewegen sich auf einem unterirdischen Niveau, das Haus ist in den letzten Jahren verkommen und das Schlimmste ist, dass dies niemand zu interessieren scheint. Die zuständige ehemalige städtische Staats- und Stadtbibliothek konnte zum Dämmerschlaf des Hauses nichts hinzufügen, unter der zuständigen Referentin Eva Leipprand geschah genauso wenig wie bei ihrem Nachfolger Peter Grab. Der jedoch goss sein konzeptionelles Brecht-Defizit jetzt in Taten um und schickt

Kurt Idrizovic: "Grab verhöckert das Brechthaus an die Regio"

Kurt Idrizovic: “Grab verhöckert das Brechthaus an die Regio.”

sich an, das Brechthaus an die Regio zu verhökern. Die fünfeinhalb Jahre seiner Amtszeit ließ er ungenutzt, sodass es jetzt Götz Beck und sein Team richten sollen, was er versäumt hat. Keine Museums-Pädagogik, keine Animationen, Null Aufenthaltsqualität, in fast allen Räumen bröckelt der Putz von der Wand, die beiden oberen Stockwerke sind vermietet“, so Kurt Idrizovic in seiner Stellungnahme, die sich im Subtext mit der Auffassung der Augsburger SPD deckt: „Die Regio Augsburg hat nicht der Entwicklung, sondern der Vermarktung von vorhandenen klaren kulturellen Profilen und Einrichtungen zu dienen. Die Regio selbst sollte nicht länger als Betreiber von kulturellen Institutionen auftreten, sondern lediglich das von Augsburg geschaffene Kulturerbe für den Tourismus erschließen.“

Man muss den hilflosen Vorstoß des Referenten als Chance begreifen

Andere Lösungen würden bei diesem Vorschlag unter den Tisch fallen, wie der kulturpolitische Sprecher der SPD, Frank Mardaus, feststellt. Mardaus könne sich zum Beispiel eine Übernahme des Brechthauses durch die Kunstsammlungen und Museen Augsburg oder durch die städtische Leitung des Brechtfestivals vorstellen. Letzteres könnte sich auch Kurt Idrizovic gut vorstellen: „Wir haben in Augsburg eine Brechtbühne. Das bedeutet Verantwortung des Theaters für den großen Sohn der Stadt. Es wäre zu wünschen, dass Juliane Votteler und ihr Team den dilettantischen, fast hilflosen Vorstoß des Referenten als Chance begreifen, sich mit dem Brecht-Haus zu befassen.“