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Donnerstag, 21.10.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: Vielfalt in der Langen Brechtnacht und bei der Eröffnungsgala

Die Lange Brechtnacht ist, in Assoziation zur Langen Kunstnacht, längst eine eingeführte Institution innerhalb des Brechtfestivals geworden.

Von Halrun Reinholz



Girisha Fernando, gut vernetzt in der Augsburger Musikszene und darüber hinaus, hat sich auch in diesem Jahr wieder bemüht, Kunstschaffende zusammenführen, die sich im Sinne Brechts „mit Text, Musik und einer Botschaft“ in die Gegenwart einbringen und sie gestalten. Kaum verwunderlich, dass die Programmpunkte höchst unterschiedlich sind und zum nächtlichen „Hopping“ zwischen Pop, Rap, Jazz und Chanson einladen. Die Gala im Großen Haus am kommenden Abend bot stattdessen „Brecht pur“ in hochkarätiger Besetzung.

Lange Nacht zu Ehren Brechts

Auf jeden Fall hatte man in der Brechtnacht wieder die Qual der Wahl. Trotz Schneegestöber und feindlichen Temperaturen begrüßten tapfere Stelzenläufer die Besucher vor dem Theater. Unter den Arkaden führte eine clowneske Truppe „Herr Keuner im Exil“ auf. Drinnen dann statt (oder vielmehr neben) der gewohnten Einlasstruppe fast beängstigend viel Security. Die Einlasskarten sind schnell vergriffen. Angekündigt: PeterLicht, hoch gelobt als Barde mit sozialkritischen Texten, die den Nerv der Zeit treffen. Nur von einem Keyboarder begleitet steht er neben drei Gitarren und einer Sitar vor 1000 Leuten … und liest erst einmal einen langen Text vor. Lyrik? Eher fast Prosa, nicht besonders ausdrucksvoll vorgetragen. Seine Wortschöpfungen sind beachtlich, nicht umsonst hat er vor Jahren mal den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewonnen. Aber muss man Prosa singen? PeterLicht hat keine Scheu vor sperrigen Texten, die er mit Akkorden unterlegt: „Der Kapitalismus, der alte Schlawiner/ Is uns lang genug auf der Tasche gelegen/ Vorbei vorhorbei vorbei vorbei/ Jetzt isser endlich vorbei“ (Lied vom Ende des Kapitalismus). Zur Sitar erzählt er von seinen Träumen und lässt dann das ganze Publikum mitsingen: „Wir machen uns eben Sorgen/ über unsere Chancen/ auf dem Arbeitsmarkt“. Ob das im Sinne Brechts ist? Texte frei von Ironie oder Hintersinn? Ich finde in ihnen auch keine Botschaft. Einige Gruppen verlassen (wie wir) die schwer erkämpften Sitzplätze. Aber es gibt offenbar genügend Fans, die bleiben.

Dann schon lieber Brecht selbst, in der Brechtbühne mit „Rapucation“ (Robin Haefs), der Brecht-Songs auf eigene Weise interpretiert. In Brechts Bistro in der Altstadt huldigen parallel dazu die lokal bekannten Protagonisten Christel Peschke und Geoffrey Abbott ganz traditionell dem Meister des Festivals. Wir bleiben in der Brechtbühne und lassen uns von Lydia Daher überzeugen, dem Experiment „Abenteuer mit kühnen Wesen“ beizuwohnen, angekündigt als „Beat, Jazz & Spoken Word. Vier Musiker und vier „Wortkünstler“ unterschiedlicher Couleur versuchen, ihre Kunstformen zu koordinieren. Hochprofessionell die Free-Jazzer Phillip Gropper (Saxophon), Antonio Borghini (Kontrabass), Olaf Rupp (Gitarre) und Daniel Schröteler (Drums), die entlang der sehr unterschiedlichen Texte von Ken Yamamoto, Marlen Pelny und des Hiphop-Duos Dramadings improvisieren. Das ist schräg und experimentell und hätte Brecht gefallen. Vor dem Heimgehen noch ein Blick ins Theaterfoyer: Kolossaler Swing mit der französischen Band Lamuzgueule. Reges Leben noch auf der „Partymeile“ neben dem Theater im Kneipendreieck Weißes Lamm – Alte Liebe – Soho Stage. Die „Alte Liebe“ ist als zentraler Treffpunkt für die Besucher propagiert worden und ist gut gefüllt. Überall viel Volk unterwegs im Namen Brechts. Das ist zweifellos in seinem Sinn. Oder, um mit ihm zu sprechen: „Dann will ich mir mal das Maul verbrennen“.

Illustre Gäste zum Exil-Abend

Am Sonntagabend geht es ruhiger zu im Theaterviertel. Wie in früheren Jahren auch, wird das Thema des Festivaljahres näher beleuchtet: Die Zeit, die Brecht im Exil verbracht hat. Immerhin 15 Jahre und sechs Stationen. „Vertriebene sind wir, Verbannte“, präzisierte er, den Begriff des „Emigranten“ von sich weisend. „Kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da aufnahm“. Die viel zitierten „finsteren Zeiten“ waren es, die hier zur Sprache kamen – Briefe und Dokumente neben in dieser Zeit entstandener Literatur. „Es wird gesungen werden von den finsteren Zeiten.“ Gesungen und gesprochen wurde auch in diesem Jahr von prominenten Gästen, die Joachim Lang für das Festival angeheuert hatte: Burkhart Klausner, Max Hopp, Angela Winkler, Traute Hoess und Katharina Schüttler waren (zumeist aus Berlin) angereist, um dem Augsburger Dichter ihre Referenz zu erweisen. Dass für diesen Abend die Proben nicht so intensiv waren, merkte man an dem einen oder anderen Texthänger und natürlich an der Tatsache, dass die meisten Texte gelesen und nicht frei rezitiert wurden. Bei Schauspielern dieses Formats war der Genuss für das Publikum dennoch gegeben, vor allem im zweiten Teil, wo das Zusammenspiel besser funktionierte. Aufschlussreich der Bilderbogen, der sich über die Texte erschloss: Wenn auch nur bruchstückhaft, war die Tragik des Exilanten Brecht insgesamt gut fassbar und einige seiner großen Kollegen (Lion Feuchtwanger, Thomas Mann) kamen auch zu Wort.

Das Brechtfestival wird sich nun unter der Woche profaneren Themen widmen: Lesungen von Stipendiaten des Writers-in-Exile Programms des PEN Zentrum Deutschlands.