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Freitag, 24.09.2021 - Jahrgang 13 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: Tiger Lillies beeindrucken in der Brechtbühne

Das “Brechtian Punk Cabaret” leistet einen kongenialen Beitrag im Geiste Brechts

Von Halrun Reinholz

Gespannte Erwartung in der bis auf den letzten Platz gefüllten Augsburger Brechtbühne. „Wegen eines Vorfalls“ verzögert sich der Auftritt der Tiger Lillies, ein Zuschauer braucht ärztliche Hilfe. Fast ist man versucht, das als Teil der Show zu deuten. Der schwarze britische Humor der Band, die im Programm des Brechtfestivals mit „Brechtian Punk Cabaret“ angekündigt wird, ist den Fans bekannt. Brecht als Programm, sozusagen, deswegen der Auftritt in diesem Rahmen. Aber nicht nur Brecht, auch Edith Piaf hört man heraus, Jacques Brel oder Marlene Dietrich. Und dann natürlich ureigene Sachen der Band. Musik in der Tradition des Bänkelsangs, Musik für die kleinen Leute. Die Musiker selbst scheinen der Zirkuswelt entsprungen. Ein Markenzeichen ist die weiße Gesichtsbemalung von Martyn Jacques, dem Frontsänger mit der Falsett-Stimme, der sich auf dem Akkordeon und zuweilen auf dem Klavier begleitet. Aber auch die beiden anderen, Bassist Adrian Stout mit angemaltem Oberlippenbart im Karo-Anzug und Schlagzeuger Mike Pickering mit markantem Hut passen ins surreale Bild. Die Show besteht darin, dass sie nicht stattfindet. Unvermittelt setzt die Musik ein, die Zeit für Huldigungen und Ovationen zwischen den Nummern ist knapp. Angesagt wird nur das Nötigste – die Pause. Stattdessen spricht die Musik.

Ein passender Beitrag zur Internationalität der Veranstaltung

Auch wer die Texte nicht kennt und nicht im Detail versteht, wird mitgerissen von der Professionalität, mit der Instrumente (unter anderem auch eine Singende Säge) und Stimmen sich scheinbar spielerisch zu einem Ganzen finden. Betont unbewegte Gesichter schaffen eine Distanz zum Geschehen im Lied und bringen es dadurch erst recht zur Geltung. Brechts Moritaten lassen grüßen. Unaufgeregt auch die Zugaben: „Any requests?“ Tiger Lillies Fans kennen das Spiel und nennen Titel. Oh, lange nicht geübt. Aber es klappt, der Bassist souffliert ein bisschen Text.

Die Tiger Lillies für das Brechtfestival zu gewinnen, war zweifellos ein guter Ansatz im Gesamtkonzept und ein passender Beitrag zur Internationalität der Veranstaltung. Die Band sieht sich selbst explizit in der Brecht-/Weillschen Tradition und in der Chanson-Tradition der 20er und 30er Jahre, hat aber auch ihre Bezüge zum klassischen Operngesang. Mit Shockheaded Peter (nach Texten aus Struwwelpeter) entstand 1998 ein Klassiker, der unter anderem auch am Theater Augsburg erfolgreich aufgeführt worden ist. Aber auch Büchners Woyzek oder Shakespeares Hamlet waren Vorlagen für ihre Alben. Brechts Dreigroschenoper wurde 2001 in ihrem Album zur 2 Pennies Opera. Understatement at its best.