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Mittwoch, 07.11.2018 - Nr. 311 - Jahrgang 6 - www.daz-augsburg.de
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Brechtfestival: Fulminante Eröffnung

Die Maßnahme: Das Brechtfestival 2017 begann mit einer fulminanten Eröffnung

Von Prof. Dr. Jürgen Hillesheim

Warum es Selcuk Cara in beeindruckender Weise gelungen ist, einen ästhetischen Schwebezustand zu erzeugen und aufrecht zu halten, der die Grundproblematik  des Lehrstücks niemals verflachen – und das herausfordernde Potenzial des Dramas spürbar erfahren lässt



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In jeder Hinsicht bemerkenswert: Brechts "Maßnahme" im Augsburger Gaswerk (c) Christoph Menkel


Brechts in erster Fassung 1930 entstandenes, vermeintlich so eindeutig kommunistisches Lehrstück Die Maßnahme ist sein mit Abstand meistdiskutiertes Drama und sorgte nach seiner Uraufführung für heftige Kritik seitens der kommunistischen Partei wie auch ihrer Gegner. Bis heute ist die Rezeption höchst umstritten. Ein gutwilliger, altruistischer, spontan entscheidender und handelnder „junger Genosse“ wird, da er gegen die Parteiraison verstößt und die Verbreitung der kommunistischen Ideologie in China aufs Spiel setzt, getötet, das Leben des Einzelnen also um der „großen Sache“ willen geopfert. Der junge Genosse, von den Agitatoren dazu gedrängt, hatte zu seiner Tötung sein „Einverständnis“ erklärt, eine Tötung, die changiert zwischen unterstütztem Suizid und schlichtem Mord.

Der berühmte Theaterwissenschaftler Klaus Lazarowicz begriff und interpretierte Die Maßnahme als „rote Messe“; und dies mit Recht: Das Lehrstück hat etwas entschieden Liturgisches, inhaltliche Anlehnungen an das Neue Testament werden durch sprachlich-strukturelle flankiert, so etwa durch den überwiegend parataktischen Satzbau, bei dem die einzelnen, einfach strukturierten Sätze durch die Konjunktion „und“ aneinandergereiht sind; dies ist neutestamentliches Sprechen. Hinzu kommen auf der Ebene der Musik, die von Hanns Eisler stammt, diverse Anleihen an die christliche Musikgeschichte; genannt sei hier nur die Passionsmusik Bachs.

Tatsächlich kann man das Stück als Problematisierung, als ein auf die Spitze Treiben einer solchen Entscheidungssituation betrachten: Darf man den Einzelnen opfern zum Wohle der Vielen, wenn dieses auf dem Spiel steht unter stillschweigender Voraussetzung, dass die Ideologie, um die es hier geht, die kommunistische, positiv konnotiert ist? Aber ist das wirklich so eindeutig?

Diese Frage verweist auf eine andere Deutungsebene, die sich werkgeschichtlich erschließen lässt und obendrein höchst schlüssig ist. Brecht hatte schon in seiner Augsburger Zeit mehrmals vorgeführt, was mit dem Individuum passiert, wenn es sich, sei es gezwungenermaßen oder aus Idealismus, totalitären Strukturen verschreibt und in deren Dienst gestellt wird. Man denke an die Legende vom toten Soldaten, die den Wilhelminischen Barbarismus aufs Korn nimmt oder aber auch an den Gesang des Soldaten der Roten Armee aus der Hauspostille, in dem das Barbarische einer buchstäblich „roten“ Ideologie in Szene gesetzt wird. Aus diesen Werken kann man lernen, dass es für den Einzelnen gescheiter ist, sich herauszuhalten, Ideologien, gleich welcher coleur, besser gänzlich unidealistisch aus dem Weg zu gehen, will er nicht mit seinen legitimen Wünschen und Bedürfnissen, dem je eigenen Glücksverlangen, unter die Räder geraten. Kragler, der Protagonist aus Trommeln in der Nacht, zeigt, wie sowas geht: Der Kriegsheimkehrer nämlich lässt sich nicht von den Räterevolutionären verheizen, nachdem er bereits an der Front genug gelitten hatte, sondern er entscheidet sich für sein privates Glück: lieber wird er Geschäftsmann und legt sich in das große, weiße Bett seiner Braut, obwohl diese von einem anderen schwanger ist.

Wie also, wenn der junge Genosse aus der Maßnahme eine Fortführung Kraglers wäre, dem es, noch in Ermangelung existenzieller Leiderfahrung, an Abgebrühtheit fehlt? Ein neuer Kragler mit positivsten Charaktereigenschaften, der sich, überengagiert, wie es immer so schön heißt, „einbringen“ möchte zum Wohle Aller, über das Ziel hinausschießt und im rituellen Akt jener „roten Messe“ geopfert wird? Die „Lehre“ des Stücks wäre dann, dass auch der Kommunismus nicht besser sei als alle anderen Systeme mit totalitärem Machtanspruch, und die Maßnahme trüge plötzlich autobiographische Züge.

Schon in den frühen Zwanzigern, Brecht war dabei, als junger Schriftsteller die Metropole Berlin zu erobern, kam er zu der Einsicht, dass es am gescheitesten sei zu „lavieren“ und riet sich selbst, zu „versuchen sich einzurichten“ in einem Deutschland, das nun einmal so ist wie es ist. Das tat er bis zu seinem Lebensende konsequent und mit Erfolg, auch in seiner Zeit in der DDR, sein experimentelles Annähern an den Kommunismus änderte daran nichts.  Angelehnt an die Maßnahme bedeutet dies, dass man wohl laut dazu aufrufen kann, die Welt zu verändern, da sie es ganz ohne Zweifel brauche, dieser Ruf aber spätestens dann besser verstummt, wenn das eigene Wohlbefinden in Gefahr gerät bzw. man selbst für seine wohlfeilen Maximen etwas tun muss.

Dies ist die interpretatorische Bandbreite, der sich jede Inszenierung der Maßnahme zu stellen hat, und die Gefahr, moralinsauren, pseudokommunistischen Agitprop zu erzeugen, ist groß. Und um es vorweg zu nehmen: Regisseur Selcuk Cara ist es in beeindruckender Weise gelungen, einen ästhetischen Schwebezustand zu erzeugen und aufrecht zu halten, der die Grundproblematik des Lehrstücks niemals verflacht und das herausfordernde Potenzial des Dramas permanent spürbar lässt. Ein Brecht-Festival an ungewöhnlichem Ort, wie es das Gaswerk-Areal in Augsburg-Oberhausen nun einmal ist, derart fulminant zu eröffnen, ist eine herausragende Leistung.

Durch eine Art vorangestelltes „Rahmenprogramm“ wird ein Transfer auf die Flüchtlingsproblematik hergestellt, durch die der Zuschauer – ob er will oder nicht – sozusagen interaktiv hindurchgeführt wird, bis er nach längerer Zeit in das große Apparatehaus mit den stillgelegten Maschinen gelangt. Das ist legitim, so etwas kann man machen, solange es nicht die eigentliche Inszenierung tangiert, zwanghaft eine rezeptionsästhetische Folie über das Stück gelegt wird, was nie geschah.

Dem Zuschauer blieb überlassen, ob er sich die Assoziation zur aktuellen politischen Lage zu eigen macht oder sie an sich vorbeiziehen lässt, um sich dann nur dem Stück Brechts zu überlassen. Ebenfalls jenem „Rahmenprogramm“ zugehörig: eine Lesung von Dostojewskis „Der Großinquisitor“, stattfindend in Weihrauchumnebelung, die – ein grandioser Einfall – stringent in die „rote Messe“ überleitet. Sie bleibt, tatsächlich und dauerhaft, „rote Messe“, in der höchst Fragwürdiges, Verstörendes zelebriert wird, nämlich der Spagat zwischen Parteiräson und der Auflösung eines Ich.

In dieser Hinsicht bemerkenswert und beeindruckend das deklamatorische, akzentuiert expressive Pathos der Schauspieler, das sie konsequent durchzuhalten vermögen, ausgestattet mit schlichter, dennoch liturgisch anmutender Kleidung in einer exzellenten Choreografie. Eislers gewaltige, eindringliche Musik wurde unter der Leitung Geoffrey Abbotts tadellos umgesetzt. Das Orchester war hinter einem Vorhang platziert, unsichtbar, um nur Wort und Musik zu fokussieren – man war erinnert an Richard Wagners Festspielhaus auf dem „Grünen Hügel“ in Bayreuth, in dem Ähnliches geschieht.

Selcuk Cara macht bei seiner Inszenierung der Maßnahme die Not zu Tugend; Desiderate der noch nicht fertigen Ersatzbühne und der Räume verwandelt er in Vorteile, die er geschickt nutzt. So lässt er die Kälte des Kommunismus in der kaum zu heizenden Halle buchstäblich am Zuschauer hochkriechen, ihn zunehmend okkupieren. Diese nimmt er mit nach Hause, in Form einer Blasenentzündung möglicherweise und gleichzeitig als Warnung vor der Perversität absolut gesetzter Parteidogmen, die der junge Genosse als „Dreck“ erachtet, die ihm aber trotz seiner Einsicht das Leben kosten.

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Die Maßnahme

Ein Lehrstück von Bertolt Brecht

Musik: Hanns Eisler

Konzept, Regie, Bühnenbild und Lichtgestaltung: Selcuk Cara, Musikalische Leitung und Leitung Chor: Geoffrey Abbott, Regieassistenz: Lisa Bühler, Produktionsleitung: Lisa Bühler, Barbara Friedrichs, Technische Leitung: Georg Sturm.

Mit: Katharina Rivilis, Luise Wolfram, Dagmar von Kurmin, Volker Zack, Florian Mania

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Zum Autor:

Prof. Dr. Jürgen Hillesheim leitet die Brecht-Forschungsstätte Augsburg. Er ist Autor bzw. Herausgeber von über dreißig Buchveröffentlichungen und 100 Aufsätzen zu Themen der Neueren deutschen Literaturgeschichte, vornehmlich zu Brecht, Mitherausgeber des Brecht Yearbooks und Herausgeber der Buchreihe Brecht – Werk und Kontext.



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