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DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: Finale und Fazit

Freitag, 2. März: Philosophische Brecht-Lounge (Brechthaus)

(c) Brechtbüro KW NeunWas Jan Knopf und Joachim Lang in allen Tonlagen und dem normalerweise unschlagbaren Stilmittel der Redundanz in einem Zeitfenster von acht Jahren bezüglich der Charakterisierung Brechts behutsam und verwegen zugleich mit Verve und Programmatik in die Welt setzten, riss Literaturplauderer Prof. Helmut Koopmann mühelos im Vorbeigehen mit dem Hintern wieder ein: Bertolt Brecht war ein Frauenverzehrer, ein Kommunist und ein maßloser Egoist. Bertolt Brecht war, so Koopmann, ein Egomane, dessen „Lyrisches Ich“ bei Koopmann eine Dimension erhielt, die es bis zum Impulsvortrag des ehemaligen Lehrstuhlinhabers für Neue deutsche Literatur am Freitag, den 2. März 2018 noch nicht gab: Das „Persönliche Ich“, das sich nämlich bei Brecht vom „Lyrischen Ich“ nicht unterscheide. – Müsste man die Koopmannsche These ernstnehmen, hätten wir es mit einer wissenschaftlichen Sensation zu tun, die die Grundfesten der Literaturwissenschaften seit Emil Staiger bedenklich ins Wanken bringen würde. Was bleibt also anderes übrig, als Herrn Koopmanns überbordende Fanatasie mit Nichtbeachtung zu versehen? (Siegfried Zagler)

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Sonntag, 4. März: Die Mutter, Kantate von Brecht/Eisler (Textilmuseum)

"Die Mutter" mit Geoffrey Abbott, Johannes Bosch, Lea Sophie Salfeld, Manuel Wiencke (v.l.) und Projektchor (c) DAZ

"Die Mutter" mit Geoffrey Abbott, Johannes Bosch, Lea Sophie Salfeld, Manuel Wiencke (v.l.) und Projektchor (c) DAZ


Bekannt ist, dass Eisler die Musik für Brechts Bühnenstück „Die Mutter“ (Uraufführung 1932) mehrfach bearbeitete, weniger bekannt ist dagegen, dass er erst 1949 für eine Aufführung in Wien seine Instrumentalpartitur zu jener Kantate für Solisten, Chor und zwei Klaviere umschrieb, die am Sonntag im gut besuchten Textilmuseum aufgeführt wurde. Mit radikaler, teils kirchentonal und auch polyphon geprägter moderner Tonsprache ist großartige Musik entstanden. Der virtuose und anspruchsvolle Klavierduo-Part erinnert in seiner Anlage an Bachs Klavierkonzerte und wurde von Johannes Bosch und Geoffrey Abbott (musikalische Gesamtleitung) bravourös umgesetzt.

Ausgangspunkt der Erzählung Brechts ist eine trostlose Industriearbeitervorstadt. Es geht um den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung im Russland des frühen 20. Jahrhunderts: Trotz immer längerer Arbeitszeiten stehen Lohnkürzungen an der Tagesordnung und führen zu sozialem Elend. Eine kommunistische Gruppe, der sich Pawel (Sohn der Arbeiterwitwe Pelagea Wlassowa) angeschlossen hat, im TIM souverän gesungen von Bariton Manuel Wiencke, kämpft gegen das System der Ausbeutung an. Lea Sophie Salfeld als Mutter Pelagea Wlassowa konnte sich mit ihrer schlanken, aber beweglichen Stimme in den überwiegend lyrischen Gesangspassagen gut entfalten. Die beiden Gesangspartien wurden durch kurze, prägnante Sprechrollen von Thomas Prazak (Kommentator) und Karoline Stegemann (Mutter) ergänzt.

Der zwanzigköpfige Projektchor, eigens für die Aufführung ins Leben gerufen, präsentierte die Musik in klar intoniertem Klang und starker Aussage und korrespondierte gut mit den Solisten. Im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Elendsbeschreibung überraschte die moderate Gesamtstimmung des Werkes. Eine beeindruckende und vom Publikum begeistert aufgenommene Gesamtperformance.

Der Dokumentarfilm „Valentina“ von Maximilian Feldmann (Regie) und Luise Schröder (Kamera) wurde der Kantate von Brecht/Eisler vorangestellt. Er porträtiert die zehnjährige Valentina in ihrer großen Roma-Familie im ärmsten Viertel von Skopje, Mazedonien. Die Dokumentation erschüttert nicht nur, man wird auch reich beschenkt von der Wärme und Liebe, die Valentina ausstrahlt. Jedoch stellt sich die Frage, warum der Brechtaufführung mit dem Film ein Vorprogramm verpasst werden musste, ganz so, als müsste man dem Publikum mit dem Zaunpfahl einen Aktualitätsbeweis liefern.

Im Anschluss gab es eine Podiumsdiskussion mit Geoffrey Abbott, Maximilian Feldmann und Luise Schröder, moderiert von Florian Schneider. Drei intensive Stunden im Textilmuseum. (Andrea Huber)

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Sonntag, 4. März: Winterreise رحلة الشتاء (Martinipark)

Im Herbst 2016 hat das Exil Ensemble am Maxim Gorki Theater mit der Arbeit an der „Winterreise“ begonnen, im April 2017 fand die Premiere unter der Regie von Yael Ronen statt. Die österreichisch-israelische Theaterregisseurin verfasste auch das Stück, das im flüssigen Nacherzählstil des frühen Grips-Theaters dramatisiert wurde.

Eine Busreise von sieben Geflüchteten durch das winterliche Deutschland mit einem Abstecher nach Zürich ist Gegenstand der Nacherzählung. Über Dresden, Weimar, Halle, München, Oberndorf, Mannheim, Dortmund, Düsseldorf, Bremen und Hamburg geht die Fahrt durch ein Deutschland, das absurde Blickwinkel ermöglicht und gleichzeitig politisch kälter wird, und somit den Protagonisten dunkle Rätsel aufgibt, die nicht satirisch bearbeitet, sondern mit Klamauk umschifft werden. So arbeiten sich die großartigen Schauspieler aus Afghanistan, Syrien und Palästina an zahlreichen kulturellen Klischees ab: deutsche Pünktlichkeit, Gründlichkeit, Ordnungssinn sowie an der Art, wie sich die Deutschen ihren Hintern putzen – oder daran, wie sie es mit der Sexualität haben oder ihre Liebschaften pflegen.

Der andere Blick auf scheinbare Selbstverständlichkeiten verschiebt das vertraute Eigene in ein anderes Licht: die Spannungen der kulturellen Differenz als Erzähl-Genre. Darin besteht die Struktur des Komischen bei der „Winterreise“. Doch das Bühnenstück von Yael Ronen bleibt vordergründig und kommt in der Augsburger Aufführung nicht über Oberflächenklamauk eines ambitionierten Studententheaters hinaus, weil die Brechung des Grotesken viel zu kurz kommt.

Das Stück beginnt damit, dass das neue Theaterensemble seinen deutschen Kollegen Niels Bormann kritisiert: „Du teilst nichts mit uns, stellst uns nie deinen Freunden vor. Es geht immer um uns, um unseren Hintergrund, unsere Kultur, unsere Geschichte.“ Man kann das auch als Kritik an zahlreichen Theaterprojekten mit Geflüchteten verstehen, die sich (wie zum Beispiel auch die „soziale Skulptur Grandhotel“) an der dialektischen Spannung zwischen Vertrautem und Fremden entlang arbeiten, statt politisches Theater zu machen, wozu es mehr Mut bedarf als den Reflex der Willkommenskultur in soziale Theaterarbeit zu gießen. Hätte das Exil-Ensemble des Maxim Gorki Theaters mit seinem fremden Blick auf das dunkle Unbekannte nicht auf billige Lacher spekuliert und stärker die selbstironischen Momente der Betrachtungsweisen hervorgehoben, hätte es ein großer Theaterabend werden können. (Siegfried Zagler)

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Sonntag, 4. März: Lesung aus dem Roman „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann und Deniz Utlu (Brechtbühne)

Sasha Marianne Salzmann und Deniz Uglu

Sasha Marianna Salzmann und Deniz Utlu (c) DAZ


Die Grundfärbung des großartigen Romans „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmanns kommt von Ovids „Metamorphosen“: Die Möglichkeiten, die Identitäten zu wechseln sind unbegrenzt – und das gilt natürlich auch für den Wechsel des Geschlechts. Und das gilt selbstverständlich auch für jeden Schriftsteller, der, wenn er denn einer ist, nach dem Verfertigen eines Romans, wenn es sich denn tatsächlich um einen handelt, ein anderer ist, als derjenige, der den Roman einst zu schreiben begann. Dass man darüber die Kontrolle verlieren kann und die Geschichte einer Herkunft zwar nicht geleugnet, aber überwunden werden sollte, davon erzählt die großartige Familiengeschichte „Außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann, die ihre Protagonistin Alissa nach deren verschwundenem Bruder Anton in Istanbul suchen lässt. Diese Suche führt Alissa, die in Istanbul zu Ali wird, in das Labyrinth der Verwandlung, in das größte Abenteuer der Moderne.

Alles, was mit Identität zu tun hat, ist angreifbar, nichts ist gesichert. Die stärkste Droge, die derzeit zu haben ist, befindet sich zwischen zwei Buchdeckeln des Suhrkamp-Verlags. Schade, dass weniger als 20 Zuhörer den Weg zur Brechtbühne fanden, denn Salzmann zelebrierte ihren Text zart-zerbrechlich und zugleich selbstbewusst, so als befände sie sich während des Vorlesens in einer weiteren Metamorphose, und im Duett mit Deniz Utlu dramatisierten die beiden Autoren bestimmte Dialogstellen zu atemberaubenden Passagen eines Buches, das einen Imperativ verdient: lesen! (Siegfried Zagler)

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Fazit

Die DAZ-Gesamtbewertung zum Brechtfestival 2018 fällt negativ aus: keine Festivalatmosphäre, Gebrauch der alten Formate, kein Diskurs (Das Motto „Egoismus vs. Solidarität“ wurde nur plakatiert, aber nicht diskutiert), zu wenig künstlerische Höhepunkte, keine Wertschöpfung in der Rezeption, weder überregionale Resonanz erzeugt noch eine innerstädtische Brechtglut entfacht, keine Annäherung an das lyrische Werk, aber dafür zuviel relevanzfreies Palaver. Weder der Begriff „Festival“ erhielt eine angemessene Entsprechung noch das Werk Brechts.

Ein paar kritische Schlagworte zum diesjährigen Brechtfestival sind gemacht, eine differenzierte Besprechung folgt.



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