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Dienstag, 04.12.2018 - Jahrgang 10 - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: Fatzernation – Amphetamin statt Amphitheater

Frei nach Bertolt Brechts Fragment „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ zeigte das Theter Ensemble im Rahmen des Augsburger Brechtfestivals unter der Regie von Leif Eric Young im City Club eine fesselnde Dystopie von brennender Aktualität – Einfallsreich inszeniert und rasend gespielt, mit einem bemerkenswerten Makel.

Von Bernhard Schiller

Fatzernation im City Club

Larissa Pfaurecht und Lieselotte Graber (v.l.)


Eine Wohltat: Hier wird nicht larmoyant Trübsal geblasen ob der Oktoberrevolution (siehe Begleitheft der Fatzer-Produktion des Theaters Augsburg). Keine Hoffnung, dass das mit dem Kommunismus doch noch irgendwann klappen könnte. Stattdessen bekommt das Publikum von den Thetern im City Club eine brandaktuelle, fiebrige Dystopie vor den Latz geknallt, ein Theater, das keine Distanzierung zulässt. Der Ausgangsplot gemäß Brechts Fragment: Vier Soldaten desertieren aus dem Ersten Weltkrieg und verstecken sich in Mühlheim an der Ruhr, wo sie auf die Revolution warten, von der sie sich Amnestie und eine neue, bessere Gesellschaft versprechen. Während sie warten, werden sie vom Hunger gequält und es entsteht eine ideologische Auseinandersetzung darüber, ob nun die Revolution oder das Essen wichtiger sei.

Bei „Fatzernation“ landen die „Kameraden“ nach einer manischen Orgie aus Kampfrhetorik und Kampf am Ende doch nur in der Selbstvernichtung. Alle Fatzer sterben. Alle Fatzer? Unter der Regie von Leif Eric Young gibt es keine Eindeutigkeit. Zu Beginn reißen sich die Soldatenmarionetten von ihrer Verkabelung los. Sie verlassen den Irrsinn der Schlachtfelder, die Fesseln des Fragments und die Fesseln der Identität, um sich fortan in einer Art „Amphetamin-Theater“ vor dem Publikum auszutoben.

In schwarzen Cyborg-Kampfmonturen (Kostüm und Bühnenbild: Amelie Seeger) mehr an die Menschmaschinen aus dem Science-Fiction-Anime „Ghost in the shell“ erinnernd als an Soldaten des Ersten Weltkriegs, schreien und schlagen vier Ich/Fatzer/Du/Wir/X auf Leib und Seele ein, was das Zeug hält. Stimmen und Bilder, die an Dieter Hallervordens „Palim Palim“ oder die Dalton-Brüder aus den Lucky-Luke-Comics erinnern. Ganz offensichtlich auch der Helge-Schneider-Anklang: “Fitze, fitze, Fatzer!“ Blödelei und harte, am Text des Fragments orientierte Textpassagen, die Augen der Schauspieler mal leer ins Nichts, mal unnachgiebig das Publikum durchbohrend.

Vom epischen Theater keine Spur mehr

Vom epischen Theater keine Spur mehr: Plakat vor dem City Club


Lieselotte Fischer, Jonas Graber, Larissa Pfau und Sabah Zora spielen ihren Ich/Fatzer/Du/Wir/X voller Präsenz und Körperspannung, laut, agitierend, überzeugend. Eine Leistung, die begeistert. Auch die in einer Doppelung aus Videoprojektion und Bühnenspiel gehaltenen Reden aus der Zeit der französischen Revolution beeindrucken nicht nur schauspielerisch. Schaurig: zwischen dem ins Mörderische gekippten Idealismus des 18. Jahrhunderts und dem heutigen Krisenzustand steht der vier-vielfache Fatzer und fragt sich, wo er hingehört. Young hat den Fatzer in unsere Zeit geholt, in eine Gegenwart realer Sinnloskriege und realer Kämpfe um das Ich, das Du, das Wir, um Identitäten. Seine Inszenierung betreibt – getreu dem Philosophen Gilles Deleuze – eine Absage an die klassische Dialektik und ihr deterministisches Ziel. Stattdessen soll bei „Fatzernation“ das (Schau-)Spiel selbst der Ort sein, an dem Realitäten hervorgebracht werden und mit ihnen Fragen, die der affektiv vereinnahmte, durcheinandergewirbelte Zuschauer beantworten soll.

Vom epischen Theater Brechts keine Spur mehr. Oder doch? Die „Wiederholung mit Differenz“, die Young herstellen will, gelingt ganz hervorragend und macht – bei aller Intensität der Bilder – sogar Spaß. Allerdings: wo ist Kaumanns Frau? Die Szene, in welcher die Ehefrau des Revolutionärs ihren vertrocknenden Schoß beklagt, woraufhin der scheinbar Potenteste (Fatzer) die Wüste wässert, kommt in „Fatzernation“ nicht vor. Wie auch das gesamte Stück auf eine Beschäftigung mit dem sexuellen Begehren verzichtet.

Die Akteure stehen vor der Projektion eines Steaks und das Publikum kann sich mit Fragen nach Fleischkonsum und Krieg auseinandersetzen. Das ist natürlich okay und zeitgeistig, verfehlt aber ein dem Fatzer-Fragment innewohnendes, zentrales Motiv Brechts, welches dieser selbst als das „Furchtzentrum“ der Handlung bezeichnete. Sexuelle Rivalität als der stärkste, geradezu unüberwindliche Widerstand bei der Ausformung des Kollektivs. Bei Brecht ist Fleisch kein fragwürdiges Nahrungsmittel, sondern Metapher. Davon ist in Fatzernation nichts mehr übrig. Der Sexhunger des Fatzer ist laut Brecht sein „natürlicher Egoismus“. Die Verschränkung von libidinöser und politischer Ökonomie bzw. deren (Brechtsche) Problemstellung bleibt bei den Thetern aus.

Das Stück – Brecht selbst hielt es für unaufführbar – verliert dadurch so viel von seiner Intention, dass am Ende auch die Frage stehen bleibt, ob das Dargebotene anderes macht, als den Zuschauer durch einen Kick aus Lautstärke, Geschwindigkeit und Gewalt in einen nihilistischen Rausch zu versetzen. Eine Frage, die – ganz im Sinne des Theter Ensembles – der Reflexion des Zuschauers überlassen ist. Sehenswert ist „Fatzernation“ in jedem Fall.



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